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Von Angesicht zu Angesicht (1967)
Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 01.05.2005, seitdem 1395 Mal gelesen
Wirklich bemerkenswert, was für intelligentes Kleinod man mitunter unter den Italowestern entdecken kann. Regisseur Sergio Sollima (auch Drehbuch) erweist sich hier als absolut intelligenter Filmemacher, der den staubigen Westen zu einer interessanten Charakterstudie, durchaus anwendbar auf das Wesen des Menschen allgemein, nutzt. „Von Angesicht zu Angesicht“ gehört damit zum Pflichtprogramm eines jeden Genrefans, auch wenn er selbstverständlich nicht die inszenatorische Klasse der Leone-Western erreicht.
Nun standen hier für Sollima („Der Gehetzte der Sierra Madre“, Lauf um dein Leben“) auch zwei Stars zur Verfügung, die sich nahezu in jede Rolle, die der Western ihnen bot, hineinversetzen konnten. Gian Maria Volonté, am ehesten als main villain aus „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ bekannt, gibt hier den todkranken Lehrer Brad Fletcher. Fletcher hat ein furchtbar ödes Leben hinter sich, ist nun schwer krank und muss sich selbst vorwerfen, nie Ziele im Leben gesteckt und es damit verschenkt zu haben. Auf seiner Reise nach Texas (das Klima soll für seine Lunge vorteilhafter sein) trifft er auf den in Ketten gelegten Bandit Solomon „Beauregard“ Bennet (Tomas Milian, „Der Gehetzte der Sierra Madre“, „Töte, Django“). Als Fletcher den durstigen Bennet bemitleidet, nutzt dieser die Chance, nimmt ihn als Geisel und flüchtet.
Der Beginn einer unvergleichlichen Partnerschaft, denn hier prallen zwei Ideologien aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Anstatt sich schnellstmöglich von dem Verbrecher zu lösen, beginnt Fletcher die einmalige Möglichkeit, die sich hier für ihn auftut, beim Schopf zu greifen. Er reitet mit dem Gesetzlosen.
Daraus resultieren bald Diskussionen über das Wesen der Menschen, ob und wie sie ihr Schicksal beeinflussen können und welche nun die richtige Lebensweise ist. Der belesene und humane Fletcher greift dabei stets auf sein Wissen zurück und attackiert Beauregard mit der Aussage, dass jeder selbst entscheiden könne, was er aus sich macht und auf welche Seite des Gesetzes er sich schlägt.
Bennet kontert darauf mit seiner Erfahrung im Umgang mit Menschen und vor allem seinem Instinkt. Das Duell wird ganz untypisch nicht mit Revolvern, sondern mit Worten ausgetragen und soll sehr schnell einen Sieger davon tragen: Bennet.
Denn Fletcher stößt in seiner Denkweise schnell auf unmöglich zu überwindbare Hindernisse und muss sich deswegen den Umständen anpassen, auf Unvorhergesehenes reagieren und sich von seinen Gefühlen lenken lassen. Eine völlig neuartige Erfahrung für den bisher sein Leben lang nach fest definierten Regeln lebenden Lehrer. Ausbrechend aus dem Konventionsleben, das er für sich selbst so festlegte, beginnt er sich für das Leben ohne beschränkende Regeln und Gesetze zu faszinieren.
Interessant ist dabei vor allem, wie das Wesen Fletchers sich entwickelt. Sich in die Gemeinschaft Ausgestoßener integrierend, wandelt sich Fletcher zu einem völlig neuen Menschen. Angetrieben von eben seinen Emotionen macht er sich die Freundin eines anderen Bandenmitglieds gefügig, verschafft sich Respekt und steigt innerhalb der Organisation auf. Bennet beobachtet das Geschehen mit Interesse, braucht aber lange, um auch wirklich zu glauben, was er da sieht. Während Fletcher gar nicht richtig begreift, dass das neue Umfeld ihn zu einem völlig neuen Menschen umfunktioniert, wechseln auch die Vorzeichen der Charaktere. Aus Fletcher wird während eines zwar erfolgreichen, aber verlustreichen Banküberfalls ein brutaler, kalt berechnender Vorzeigebandit, der keine Wesenszüge des Lehrers mehr erkennen lässt. Bennet seinerseits fühlt sich verraten und verkauft und muss mit ansehen, wie einer seiner engsten Mitstreiter die Horde Söldner, die die kleine Gemeinschaft, wie von der Staatsmacht befohlen, massakrieren soll, anführt. Hinter den schwedischen Gardinen dämmert ihm plötzlich, wohin eine totale Verrohung führt.
Den Unterschied zwischen den beiden macht auch hier wieder die grundlegende Ausrichtung der beiden Charaktere. Fletcher fungiert zwar nun, weil Bennet im Gefängnis sitzt, als Bandenoberhaupt, aber er organisiert sein Verbrechen und verwandelt die lose Community in eine Verbrecherorganisation, während Bennet sich stets von seiner Spontanität leiten ließ.
Eine weitere nicht unwichtige Figur ist die des Charlie Sirringo (William Berger, „Heute ich... morgen du!“ , „Sabata“). An ihm lässt sich nämlich beispielhaft der Erfolg und Misserfolg der beiden Ideologien, sowie ebenfalls überdeutlich Kritik an dem Vorgehen der Verbrechensbekämpfung von Seiten des Staates festmachen. Sirringo ist nämlich Agent des Pinkerton-Büros – eine Detektei, die es sich zur Aufgabe gemacht hat alle Mitglieder von Bennets „Wilder Horde“ unschädlich zu machen. Anstatt sie mit einem Großaufgebot zu bekämpfen, infiltriert er die Bande und versucht sie in eine Falle zu locken. Während der zu der Zeit sich noch von seinem Wissen leitende Fletcher nicht seine wahren Absichten erkennt, glaubt Bennet früh, wieder instinktiv reagierend und sich auf seine Menschenkenntnis verlassend, die wahren Absichten Sirringos zu erkennen, lässt sich von dem Professor aber zunächst einwickeln und das soll folgen haben.
Der Staatsapparat sieht final übrigens keine andere Lösung mehr, als seinerseits eine Horde brutaler Söldner loszulassen. Auf der Seite der Gesetze erscheint die Gewalt nun als Notwendigkeit, auch wenn aus Recht damit Unrecht wird.
Regisseur Sergio Sollima würzt seinen Ausnahmewestern nicht nur mit den tiefgründigsten Aussagen, die vielleicht je in diesem Genre gemacht worden sind, sondern stattet ihn auch mit den üblichen Elementen aus. Schießereien sind genauso an der Tagesordnung wie Duelle und Banküberfälle. Besonders das oftmals zitierte Bild zum Ende, als der im Sand steckende Revolver im Vordergrund nahezu überlegebensgroß vor den beiden Charakteren herausragt, fällt dabei ungewöhnlich auf. Ennio Morricones Musik sei auch hier bloß ergänzend erwähnt. Der Mann steht und stand für erstklassige Tracks und gibt sich auch hier selbstverständlich keine Blöße, genauso wenig wie die Darsteller.
Fazit:
Faszinierend intelligenter Italowestern, mehr Studie der menschlichen Psychologie als staubtrockene Westernballade. „Von Angesicht zu Angesicht“ gehört damit zu den herausragenden Vertretern seines Genres. Sergio Sollima schuf hier einen nicht nur interessanten, sondern auch spannenden Western, der von seiner Musik und den tollen Hauptdarstellern getragen wird.
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