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Von Angesicht zu Angesicht (1967)

Eine Kritik von buxtebrawler (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 27.01.2011, seitdem 192 Mal gelesen


„Es gibt keine Gerechtigkeit!“

Sergio Sollimas zweiter Italo-Western aus dem Jahre 1967 überbietet seinen Vorgänger „Der Gehetzte der Sierra Madre“ noch einmal in seiner Intelligenz und Tiefgründigkeit. Die Hauptrollen übernahmen der Sollima-Stammschauspieler Tomás Milián, der in Sollimas anderen beiden Western erstklassig den mexikanischen Strauchdieb Cuchillo mimte, und Gian Maria Volonté, der aus Sergio Leones „Dollar“-Filmen bekannt ist. Eine größere Nebenrolle nimmt der Österreicher William Berger ein, für eine vielversprechende Besetzung ist also gesorgt. Untermalt von den herrlichen Klängen des Filmmusik-Genies Ennio Morricone treffen einmal mehr zwei eigentlich grundverschiedene Charaktere aufeinander: Fletcher (Volonté) ist ein Mann des Geistes, ein moralistischer Intellektueller, geprägt von humanistischen Überzeugungen. Bennet (Milián) hingegen ist ein verruchter Ganove und Outlaw, der scheinbar ohne jedes Ideal und getrieben vom reinen Überlebensdrang sich instinktiv durchs Leben schlägt und schießt und mit seiner ehemaligen Bande, der Wilden Horde, für Angst und Schrecken sorgte. Fletcher ist todkrank, gibt nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg seine Tätigkeit als Lehrer im Norden auf und geht wegen der besseren Luft in die Südstaaten, wo er auf Bennet trifft. Als der ihn als Geisel nimmt, entwickelt sich eine Art Männerfreundschaft, innerhalb derer beide voneinander zu lernen und Verständnis füreinander zu entwickeln scheinen. Fletchers Moralvorstellungen regen Bennet zum Nachdenken an, während Theoretiker Fletcher mit der harten Realität des Alltags Bennets konfrontiert wird, an dem er seine Überzeugungen messen lassen muss. Dabei kommt es natürlich zu Konfliktsituationen…

Zwar bekommt man auch in „Von Angesicht zu Angesicht“ die typischen Genre-Zutaten serviert, doch das eigentlich Interessante ist Sollimas subtile Charakterstudie: Je mehr sich Fletcher für Bennets Outlaw-Dasein begeistert und seine theoretischen Erkenntnisse infrage stellt bzw. relativiert oder gar widerlegt sieht, desto mehr gesundet er auch körperlich. Seine körperliche Genesung geht allerdings mit weit tiefgreifenderen charakterlichen Veränderungen als im Falle Bennets einher: Während Bennet sich irgendwann zunehmend versucht, dem aussichtslosen, destruktiven Strudel der Gewalt zu entziehen, streift Fletcher seine alte, unbefriedigende Existenz weitestgehend ab und wird zu einem zynischen Machtmenschen, der seine Gefolgsleute, die Wilde Horde, deren eigentlicher Anführer Bennet von der Justiz aus dem Verkehr gezogen wurde, malträtiert und in seine Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus trifft, sondern eiskaltes Kalkül walten lässt. Als die Strafverfolgung sich ebenfalls in Menschenverachtung übt und ein Massaker an den eigentlich recht harmlosen Banditen plant, spitzt sich die Situation zu, in der auch Siringo (Berger), „Pinkerton“-Detektiv und eine Art V-Mann, der sich in die Bande einschleusen wollte, eine wichtige Rolle einnimmt und es letztendlich zu einem finalen Showdown zwischen dieser Dreierkonstellation voller Gänsehautmomenten und Symbolkraft kommt. Sollima prangert mit „Von Angesicht zu Angesicht“ nicht nur eine Verbrechensbekämpfung an, die letztlich verbrecherischer handelt als die gejagten Spitzbuben, sondern liefert auch ein Bild intellektuell und moralisch vermeintlich über den Dingen stehender „Gutmenschen“, das nichts an Aktualität eingebüßt hat und buhlt um Verständnis für die Ausgestoßenen und Gesetzlosen, die im Prinzip ums Überleben kämpfen und keine von Grund auf schlechten Menschen sein müssen – wobei er Klischees vermeidet und sich angenehmerweise nicht eindeutig und plakativ auf eine Seite schlägt, also nicht den Fehler begeht, selbst zum Moralisten zu werden. Gängige Gut/Böse-Schemata verwischen (wie in anderen intelligenten Italo-Western auch), Schwarzweiß-Malerei findet man woanders. Damit es Sollima wesentlich näher an der Realität als andere Regisseure mit ihren Filmen, seine Geschichte lässt sich problemlos auf andere geschichtliche Epochen bzw. Ereignisse und die Gegenwart übertragen und verrät viel über menschliche Abgründe. Vermutlich ließe sich „Von Angesicht zu Angesicht“ auch einfach als „normaler“ Genrebeitrag genießen, denn die typischen Ingredienzien finden sich auch hier und wissen gut zu unterhalten. Unter dem western-atmosphärischen Gesichtpunkt gefiel mir zwar Sollimas „Der Gehetzte der Sierra Madre“ etwas besser, doch die Handlung hinterlässt einen bleibenden Eindruck und dürfte zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat(te).


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