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Turistas (2006)

Eine Kritik von Maichklang (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 05.04.2007, seitdem 1183 Mal gelesen


Man kann wirklich nirgendwohin mehr verreisen, weil weltweit bislang unterschätzte Gefahren lauern. Osteuropa, insbesondere Slowakei kann man komplett knicken, Betriebsausflüge dorthin gleichen einem Himmelfahrtskommando. Australien scheint nur außerhalb der Outbacks sicher und ab jetzt ist auch Karneval in Rio kein Thema mehr.

Denn eine Handvoll Rucksacktouristen wird im zivilisationsfernen Dschungel Brasiliens von einem Arzt und dessen Helfern zwecks illegalen Organhandels gejagt.
„Hostel“ zum xten, im Kern der gleiche Ablauf und doch werden hier stellenweise andere Prioritäten gesetzt, die „Turistas“ nicht auf einen reinen Folter- und Terrorfilm eingrenzen.

Klar, das Schema „Touristen am Arsch der Welt auf sich allein gestellt“ wird hier nicht maßgeblich verändert. Nachdem der Touribus einen Abhang hinunter kullert (und alle Fahrgäste noch rechtzeitig aussteigen konnten), dauert es eine Weile, bis der skrupellose Arzt und seine düsteren Schergen die an sich paradiesische Szenerie durchkreuzen.
Denn nicht weit vom Unfallort liegt der Strand mit einer Theke, die von hübschen Einheimischen geführt wird. Also, Klamotten runter, planschen, Alkohol trinken, tanzen und sich dem rassigen Thekenpersonal widmen.

Hier hat man schon mal Gelegenheit, sich die potentiellen Überlebenden herauszufischen.
Alex will sich im Gegensatz zu den anderen nämlich nicht mit alkoholischen Drinks die Birne zukippen und kritisiert lautstark seine schwanzgesteuerten Kollegen, die die Damen in ausgelassener Stimmung gerne komplett blank sehen möchten (Okay, immerhin ist seine Schwester darunter).
Die andere heißt Pru und offenbart ihr Heldenpotential bereits durch Reiseerfahrungen in düsteren Gefilden wie Kolumbien und durch portugiesische Sprachkenntnisse, um als Kommunikationsbindeglied zwischen den Fronten zu vermitteln.

Nach der ausgelassenen Strandparty erwachen alle Turistas mit ziemlichem Schädel und ohne ihr Hab und Gut, da waren bereits die helfenden Hände der Organmafia am Werk.
Danach verschlägt es die Gruppe von sechs Leutchen in ein Dorf, wo man Teile ihrer gestohlenen Gegenstände entdeckt. Es folgen kleine Tumulte und eine Flucht, die von dem Einheimischen Kiko geleitet wird. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn man ahnt bereits, dass der undurchsichtige Typ die Leute mitten in die Höhle des Löwen führen wird.

Doch explizite Folterszenen bleiben außen vor, vielmehr gestaltet sich der Ablauf als eine Hatz durch exotisch anmutende Kulissen. Regisseur John Stockwell hat es sich nicht nehmen lassen, nach seinem Unterwasserabenteuer „Into the Blue“ auch hier einige Tauchszenen unterzubringen. Allerdings bringt die erste Sequenz inmitten der Flucht einen unnötigen Tempostopp, während der zweite Teil den Showdown in einer Wasserhöhle bildet. Die Idee ist zwar gut, doch die Umsetzung stellenweise unglücklich, da manche Szenen viel zu schwach ausgeleuchtet wurden und man leicht den Überblick zwischen Täter und Opfer verliert.

Folterszenen bleiben in dem Sinne aus, da es sich beim Motiv der Bösewichte nicht um reinen Sadismus handelt. So darf ein Arzt während einer Organentnahme (die einzige Szene, die sich etwas länger mit einer blutigen Tat aufhält), über seine sozialpolitische Einstellung sinnieren. Gänzlich gewaltfrei läuft der Rest glücklicherweise nicht ab, obgleich – und das ist im Zuge vordergründiger Brutalostreifen eine gut ausbalancierte Mischung, - ein paar derbe Szenen untergebracht wurden. Vom Spieß im Auge über einen Aufprall nach Sturz vom Felsen, einer getackerten Kopfwunde, ein paar Shoot Outs und kurzen Andeutungen abgetrennter Gliedmaßen wirkt da kaum etwas selbstzweckhaft.

Selbstverständlich bleiben diverse Logiklücken und Unwahrscheinlichkeiten nicht aus. Das beginnt mit den durch und durch katalogmäßigen Erscheinungen der Charaktere (wenn ich verreise, sind auch mal Dicke oder Alte mit dabei) und kommt auch in diesem Fall nicht um die Frage herum, warum denn nach dem Verschwinden zahlreicher Touristen noch niemand auf diesen Landstrich aufmerksam geworden ist.
Wäre aber auch zu dumm: Touris kommen an, Polizei kreuzt zur Aufklärung auf und man verzieht sich wieder. Wäre dann ein Kurzfilm von 12 Minuten und wohl nicht so spannend.

Also genießen wir einmal mehr die ausweglose Situation, an einem nicht vertrauten Ort, weit ab von Zivilisation und Kontakt zur Außenwelt, auf sich allein gestellt zu sein, - auf der Flucht vor Leuten, die einen ans Leder wollen, oder vielmehr an die Leber.
Die Darsteller agieren für diese Verhältnisse brauchbar, auch wenn sich bei minimaler Charakterzeichnung das ganz große Mitfiebern nicht einstellen will. Dafür punkten aber die Kulissen wie Dschungel und Wasserhöhlen, die es dem Zuschauer leichter machen, dieses „No way out“ nachzuvollziehen.

Schade, dass es dem Finale, einschließlich eines etwas abrupten Endes, an dramatischen Momenten mangelt. Ansonsten bietet sich ein durchweg spannender und teilweise auch recht beklemmender Touri-Salsher, der es locker mit Genrekollegen wie „Wolf Creek“ aufnehmen kann.
7 von 10


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