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Turistas (2006)
Eine Kritik von Preacher666 (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 08.05.2007, seitdem 634 Mal gelesen
Organspender verzweifelt gesuchtÂ
Wenn es nach diversen Horror- bzw. Thrillerregisseuren ginge, dürfte man heutzutage nur mehr im eigenen Badezimmer oder auf der Firmentoilette Urlaub machen, um vor geistesgestörten Killern sicher zu sein. Denn sowohl Ungarn und andere östlichen Länder („Hostel“, „Severance“) als auch Australien („Wolfcreek“), Nordamerika („TCM“, „Hills Have Eyes“) und jetzt Brasilien („Turistas“) halten für Urlauber und ins besondere Rucksacktouristen nur Folter, Vergewaltigung und Tod bereit. Â
In den letzten Jahren hat sich der so genannte Touristenfolterfilm langsam aber sicher im Mainstreamkino akkreditiert und sich einen Fixplatz im Horror(splatter)genre, in den Lichtspielhäusern, auf diversen Top Ten Listen und natürlich in den (alles verwertenden) Videotheken erarbeitet. Somit vergeht neuerdings nahezu kein Monat in dem nicht mindestens zwei ähnlich gestrickte Lowbudget Produktionen, mit expliziter Zurschaustellung schöner aber innereienloser Körper, unter den Neuerscheinungen zu finden sind. Â
Die Frage woher das neu aufkeimende Interesse an (aus verschiedensten Gründen) zu Tode gefolterten Jugendlichen ohne Fluchtmöglichkeit und Hoffnung herrührt, könnte wahrscheinlich mehr als nur eine Doktorarbeit eines Psychologiestudenten füllen und ist somit auch eindeutig zu komplex um im Zuge dieser Review beantwortet zu werden. Liegt es an einer ständig steigenden Verrohung und Abstumpfung der Jugend, an Sensationslust, Freude an Gewalt, Langeweile, Schockbedürfnis, Realitätsflucht oder Ereignismangel im eigenen Leben.
Um ehrlich zu sein ist das dem Horrorfan (und somit auch mir) egal, solange der Nachschub an blutigem Filmgut nicht abreißt.Â
Für den neuesten Fall von Traumurlaubsdiebstahl mit anschließender Innereienschau zeichnet sich übrigens John Stockwell, der Regisseur von „Into the blue“, einem mittelprächtigen Körperkultlangweiler mit Jessica Alba, verantwortlich.
Die Neigung zur Softpornoinszenierung, die schon bei seinem Vorgängerwerk offensichtlich zur Schau getragen wurde, blitzt auch bei „Turistas“ an einigen Stellen auf, wobei mir die exzessive Zurschaustellung von schönen Bikinikörpern bei dieser Genreproduktion nicht negativ aufgefallen ist. Â
Nach einem Busunfall, mit anschließender Information, dass der nächste Bus erst wieder in einer Woche auftauchen wird, begeben sich einige Jugendliche an einen nahe gelegenen Strand, mit billigen Cocktails, heißen Girls und (Halb-)Nacktbademöglichkeiten (welche John Stockwell auch die Gelegenheit geben seinen Körperfetischismus auszuleben) und wähnen sich im Paradies. Nach einer durchzechten Nacht und offensichtlich gepanschten Drinks sind die Urlauber ihre Rücksäcke, Geldbörsen, Pässe und zwei Saufkumpanen los. Von einem am Vortag kennen gelernten vertrauenswürdigen Brasilianer werden sie durch eine fantastische Naturkulisse zuerst zu einem traumhaften See und danach zu einem abgelegenen Haus geführt. Da sich der Führer am Kopf verletzt hat und man ihm zuvor, von Schuldgefühlen beflügelte, Umkehrversuche nicht zugestanden hatte, wartet die Gruppe, ohne es zu Wissen, brav auf einen lieben Herrn Doktor, der, offensichtlich irre und frustriert, ihre Organe ans landeseigene Krankenhaus spenden will.
Die End-zwanziger werden genüsslich aufgeschnitten und ihrer Organe beraubt, wobei interessanterweise weniger Augenmerk auf die Operationen als auf den Fluchtversuch und die anschließende Verfolgung gelegt wird.Â
Somit ist „Turistas“ trotz seiner reißerischen Werbung mit der Grundaussage „Härter als Hostel“ (was meiner Meinung nach ein Schuss ins eigene Knie ist, da ich „Hostel“ als unterirdisch schlechten Mist empfunden habe) mehr (Survival-)Thriller als Horrorfilm und weiß, im Gegensatz zu seinem pseudospannenden Vorbild und ungeachtet der offensichtlichen Freude an Brutalität und halbnackten Körpern, durchaus mit einer soliden Story, einer tollen Kulisse und spannenden Momenten zu überraschen. Â
Wer sich also explizite Folterszenen und Fäkalhumor alla „Hostel“ erwartet sitzt im falschen Kino oder hat die falsche DVD in Händen.
Der Film lässt sich überraschend viel Zeit mit der Figurenzeichnung und präsentiert auch erstaunlich wenige (Folter-)Operationen. Es werden lediglich zwei Eingriffe gezeigt, wodurch aber der Gedanke, dass diese Tortur schon unzählige Touristen vorher über sich ergehen lassen mussten, nur an Schrecken gewinnt. Â
Obwohl die Flucht aus dem Haus des Doktors ebenso vorhersehbar ist, wie die am Ende des Films tatsächlich Überlebenden (welche sogar einem 10 jährigen schon nach 15 Minuten Filmgenuss klar gewesen wären) hat mich „Turistas“ 90 Minuten lang verdammt gut unterhalten und meine Erwartungen bei weitem übertroffen.Â
Als sehr angenehm empfand ich auch die Tatsache, dass man diesmal ausnahmsweise keine Anfang-zwanziger ins Verderben gestürzt hat, die gerade erst ihre letzten Pubertätspickeln ausgedrückt haben und ihre Glaubwürdigkeit aus schlechten Scherzen und frauenfeindlichen Aussagen beziehen, sondern Charaktere, die durchwegs um die Dreißig sind, sich mit brüchigen Spanischkenntnissen, Mücken und internen Querelen herumschlagen müssen und ausnahmsweise beim Finale keine Superkräfte entwickeln, um sich an ihren Peinigern zu rächen.Â
Das Ende mit dem augenzwinkernden Hinweis darauf, lieber das Flugzeug als den Bus zu nehmen, zeigt, dass sich der Film selbst nicht zu ernst nimmt.
Trotz einiger amüsanter und offensichtlich überzeichneter Szenen (wie jener Anfangsszene, in welcher ein brasilianischer Busfahrer etwas über die Stränge schlägt und seinen Bus verschrottet) ist Stockwell die Inszenierung einer spannenden Geschichte, ohne die Unterstützung von übermäßigen Splatterszenen und Fäkalhumor, gelungen.Â
Fazit:
Überdurchschnittlicher Vertreter des Touristenfoltersubgenres, der eher in die Sparte des Survivalthrillers als des Splatterfilms fällt und mit einer spannenden Inszenierung, tollen Landschafts- und Unterwasseraufnahmen, gut entwickelten Charakteren und schönen Körpern aufwarten kann.Â
Obwohl man bei „Turistas“ kein Meisterwerk erwarten sollte, sich einige Teile der Handlung etwas ziehen und man ab und an klischeehafte und unlogische Handlungen der Charaktere beobachten kann, war ich von John Stockwells Streifen überrascht und bin froh ihn, dank der Midnight Movies Aktion der UCI Kinowelt Kette im Kino gesehen zu haben.
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