Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 21.11.2003, seitdem 3760 Mal gelesen
Mit seinem Regiedebüt „Donnie Darko“ schuf Regisseur Richard Kelly den wohl ungewöhnlichsten Film der jüngsten Vergangenheit, der trotz seines Minibudgets von 5 Millionen nach weit mehr als einem B-Movie aussieht und sich in kein Genre so richtig einordnen lässt. Komödie, Drama, Horror, Grusel hat von allem etwas. Nachdenkliches Drama wechselt sich mitscheinbar offensichtlich plattem Humor. Erst auf den zweiten Blick lassen sich Ideen, Motive und Kritik hinter der Filmfassade erkennen, die ebenso schwierig zu finden wie zu erklären sind. Es geht eben um den jungen Donnie, auf den man sich einlassen muss, um den Film nicht umgehend wütend und enttäuscht in die Mülltonne zu kloppen.
Donnie hat psychische Probleme der derben Art. Er schlafwandelt, wacht nachts auf Landstraßen auf, muss sich mit einer Psychiaterin herumschlagen, Pillen schlucken, bleibt aber trotzdem ein überdurchschnittlich aufgeweckter Junge, der der amerikanischen „heilen Welt“ der späteren 80er mehr Aufmerksamkeit widmet, als seine gleichaltrigen Freunde. Äußerlich wirkt er dennoch wie ein normaler Teenager, dem nur ab und an mal die Sicherungen gewaltig durchbrennen. Aber ist das nicht normal in der Pubertät? Es ist es nicht, denn Donnie ist kein Junge wie jeder andere; er hat Visionen von einem gruseligen Hasen namens Frank, der ihm prophezeit, dass die Welt in genau 28 Tagen, 6 Stunden, 42 Minuten und 12 Sekunden untergehen wird. Als parallel dazu ein Flugzeugtriebwerk aus dem Nichts in das traute Heim, genauer in sein Bett, kracht, in dem er sich, wenn er nicht Schlafwandeln würde, befände, beginnt sich sein, schon nicht alltägliches, Leben zu verändern.
Dabei ist sein Umfeld das gewöhnlichste, das Amerika Ende der 80er (sehr authentisch dank 80er Jahre Ohrwürmer unterlegt und mit Postkartenoptik inszeniert) zu bieten hatte. In der Schule wird er nicht nur mit hübschen Mädels, sondern auch wilden Prügelknaben konfrontiert, mit seinen Freunden veranstaltet er allerlei Blödsinn und die trauten Konflikte in der Familie dürften auch jedem geläufig sein. Doch dieser Vorfall und das Erscheinen Franks lassen Donnie die Welt mit anderen Augen sehen. Sie ist ein Beschiss sondergleichen, eine einzige Lüge und niemand, außer ihm, scheint das doch so Offensichtliche wahrzunehmen. Sehr schön deutlich wird hierbei die beißende Kritik an Spießerfiguren, wie einer zutiefst von traditionellen Werten geleitete Lehrerin, die das Leben auf zwei Worte beschränken möchte, ihre Schülerinnen zu einem Ziel treibt, dass eigentlich ihres ist und gegen neue experimentelle Methoden anderer Kollegen (in Person von Drew Barrymore) Sturm läuft, deutlich. Umherziehende Prediger, versuchen einfache Ängste und Leiden ihres willig, wie hypnotisiert zuhörenden, Publikums mit hohlen Phrasen zu verscheuchen, an statt sie, wie Donnie Darko, mit den einfachsten, logischsten und gesündesten Methoden zu bekämpfen.
Aber woher rührt seine Erkenntnis? Sind die folgenschweren Anweisungen des dämonischen Hasen nur Ergebnisse von düsteren Halluzinationen oder überirdischen Befehlen, die sein Leben in gewissen Bahnen lenken und die Welt verbessern sollen, nachdem er dem Tod ein Schnippchen geschlagen hat und in diesem Moment eben nicht in seinem Bett lag? Rat suchend bei seinem Physiklehrer („Emergency Room“ - Urgestein Noah Wyle) überreicht dieser ihm das Buch einer ehemaligen, inzwischen greisen und von Demenz geplagten Lehrerin, die ein Buch über Zeitreisen schrieb, worauf Donnie einiges klarer wird. Aber kann er den Lauf der Zeit beeinflussen, ohne dass die Vorsehung ihn einholt?
Bis zum Ende überraschend bleibt „Donnie Darko“ ungewöhnlich, unvorhersehbar und sehr liebevoll in seiner Erzählung, kritisiert Werte der amerikanischen Gesellschaft wie den „Alles ist gut“ – Lebensstils. Zug um Zug verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Donnies Fiktionen, die wiederum oft keine sind, wird der Konsum des Stoffs erschwert, wandelt sich das Szenario in eine angsterfüllte, phantastische Katastrophe. Zu des Zuschauers Faszination trägt vor allem das beeindruckende Schauspiel des unbekannten Gesichts Jake Gyllenhaal bei, der die Titelfigur verkörpert und in seiner Schüchternheit und seinem Wahnsinn ein verdammt glaubwürdiges Bild abgibt. Er verwächst in die Rolle, fühlt sich in den Charakter hinein und überzeugt jeden Kritiker.
Fazit:
„Donnie Darko“ setzt sich auf seine eigene, an Ideen etwas überladenen Weise mit der amerikanischen Gesellschaft auseinander und regt zum munteren Mitinterpretieren ein. Der irre Mix von gegensätzlichen Genres sorgt nicht nur für Abwechslung sondern lässt den Zuschauer in eine Welt treiben, der er sich kaum entziehen kann, ohne dabei auf die Faszination selbst gestoßen zu werden. Elementare Motive wie Kritik an Gesellschaft und dem damit verbundenen Bildungssystem sind nur kleine Fragmente, die wir offensichtlich, in diesem Ausbruch aus einer schon vorgefertigten von Tradition und Regeln geprägten Zukunft, erkennen. Aber es steckt noch weit mehr Substanz in "Donnie Darko", die jeder anders betrachten wird. Du wirst dich gruseln, lachen, weinen, mitdenken, schmunzeln. Aber eins wirst du nie; dich langweilen. Ein unbeschreiblicher Film….