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Donnie Darko (2001)

Eine Kritik von Der Mann mit dem Plan (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 01.02.2004, seitdem 2373 Mal gelesen


"The dreams in which I'm dying are the best I've ever had" heißt es in einem Tears For Fears Song aus den Achtzigern. Jenes Lied hat auch Regiedebütant Richard Kelly in seiner Jugendzeit gehört, und genau jenes Lied umschreibt die Situation, in der sein Hauptcharakter seines ersten abendfüllenden Spielfilms steckt, auf fantastisch präzise Weise. Dieser Hauptcharakter und dieser abendfüllende Spielfilm teilen sich ihren Namen: "Donnie Darko".

"Donnie Darko" ist ein Drama. Ein Jugenddrama. Es geht um einen jungen Mann, eben jener Donnie Darko (Jake Gyllenhaal), der in einem angenehmen, aufgeklärten familiären Umfeld aufwächst. Gut situiert und wohl erzogen müsste es Donnie eigentlich hervorragend gehen, trotzdem muss er in regelmäßigen Abständen seine Psychiaterin Dr. Lilian Thurman (Katharine Ross) besuchen. Er ist zwar kein Außenseiter, jedoch scheint seine Weltanschauung nicht in die zu passen, die seine Highschool von einem Teenager in seinem Alter abverlangt. Er ist kein Pessimist. Nein, aber er kann sich einfach nicht mit der simpel strukturierten Lebenslinienphilosophie des sektirischen Motivationstrainers Jim Cunningham (Patrick Swayze) identifizieren, die schwarzweißmalerisch besagt, dass es im Leben nur zwei entscheidende Pole gibt: Das Böse, ausgedrückt in Angst, und das Gute, versinnbildlicht durch Liebe. Dazwischen Nichts. Donnie ist kein Pessimist, wie gesagt. Eher ein kluger, realistischer, verwirrter Junge. Der die regressive Reagan-Ära nicht durchblicken vermag, dem das Chaos im System zu gigantisch wird.

"Donnie Darko" ist jedoch auch eine handfeste Science-Fiction-Story. Denn am zweiten Oktober des Jahres 1988 fällt eine Turbine einer 747 direkt auf das Haus der Darkos - geradewegs in das Zimmer Donnies hinein. Donnie wäre kuriosen Tod gestorben - wäre er nicht (und nun betreten wir die Fantasyebene des Films) von einem anscheinend imaginären Freund in einem erschreckend verzerrten Hasenkostüm nach draußen gelockt worden. Der Hase, der sich selbst Frank nennt, prophezeit das Ende der Welt in 28 Tagen, 6 Stunden, 42 Minuten und 12 Sekunden. Das wäre dann an Halloween. Doch bis dahin hat Donnie Darko noch viel vor sich, noch viele Entscheidungen zu treffen.

Er lernt beispielsweise die neue Schülerin Gretchen Ross (Jena Malone) kennen, und lieben. Gleichzeitig entdeckt Donnie seine Sensibilisierung für Zeitreisen. Er versucht mit seinem Physiklehrer Professor Kenneth Monnitoff (Noah Wyle) über die Theorien des Zeitreisens zu diskutieren, informiert sich über Wurmlöcher und Zeitportale - und scheint eben jene später im Film sogar mit eigenen Augen zu sehen. Ist Donnie Darko jener postmoderne Comic-Superheld, wie es sein phonetisch dem Marvel-Universum naheliegender Name und eins der ersten Gespräche mit Gretchen andeuten? Oder ist er wirklich nur ein schizophrener Psychopath? Wieso bildet er sich einen Mann im Hasenkostüm ein, der ihn immer wieder zur Vollführung einiger terroristisch anmutender Taten motiviert? Die Antworten hat Richard Kelly zwar parat, nur hat er sie nicht gefilmt.

Wenn "Donnie Darko" zu Ende ist, haben wir viel gesehen, viel erlebt. Wir wissen am Ende, es ging um Zeitreisen, Paralleluniversen, um Schicksal und um so etwas wie "göttliche Einmischung". Jedoch ist Kelly ein cleverer Regisseur und Drehbuchautor, und deswegen ist das Finale keine kalte, wissenschaftliche Erklärung der vorhergehenden 100 Minuten geworden, sondern ein poetischer Ausklang aus einem fantastischen Universum, dessen Logik und Funktionalität wir uns, wenn wir gewillt sind, selber zusammen erklären müssen. Kelly kaut uns keine vorgefertigten Antworten vor, versteckt aber auch genug Informationen im Film, so dass der Zuschauer nach mehrmaligen Durchlauf durch "Donnie Darko" Hinweise auf eine eindeutigere Interpretationsweise der Geschichte stolpern kann.

Trotz des schwierigen, übernatürlichen Aspekts der Story bleibt "Donnie Darko" ein Film über Menschen. Das Drehbuch bezieht seine Stärke nicht durch die wild aufgestellten Zeitreisetheorien, sondern durch die wunderbar klischeefreien Figuren. Wie bereits oben angerissen, ist Jake Gyllenhaals Donnie Darko kein aggressiver Zyniker, sondern einfach ein verwirrter, aber gutherziger Junge, so wie wir bestimmt jemanden aus der Schule gekannt haben, oder im Zweifelsfall selber waren. Seine Eltern, seine Geschwister sind ebenso hervorragend gezeichnet, wie gespielt. Das nuancierte, detailreiche Spiel der großartigen Mary McDonnell wirkte selten so graziös und überlegen auf der Leinwand, wie hier. Auch der Rest des Ensembles kann nur in die Lobpreisungen mit aufgenommen werden: Produzentin Drew Barrymore und Noah Wyle als progressive Lehrer haben zwar nur kurze Auftritte, verleihen ihren Figuren in kürzester Screentime Charakter und unverwechselbare Tiefe. Die göttliche Beth Grant spielt die bigotte Kitty Farmer, die die Schülerinnen zu der Tanzperformance "Sparkle Motion" motiviert, die Lehren Cunninghams predigt, aber im gleichen Atemzug die Bücher Graham Greenes aus dem Unterricht verbannen will.
Doch so kurios und unsympathisch einige der Figuren auch sein mögen, Richard Kelly sieht davon ab, zu urteilen. Am Ende "Donnie Darkos" haben fast alle ihre Zweite Chance bekommen, sind alle auf esoterische Art und Weise um eine Erfahrung weiser. Fast jede Hauptfigur hat nachvollziehbare Motivationen, auch wenn die daraus entstehenden Handlungen nicht immer rational sind. Und obwohl das Ende traurig und nachdenklich ist, hat es eine lebensbejahende Message. Am Ende wird für das Leben, für die Liebe gestorben. Und obwohl im gleichen Moment auch die Welt, die Stadt, das Raumzeitkontinuum vor etwas Unausgesprochenem bewahrt wurde, geht es hier doch darum, was erhalten wurde. Und das ist die einfache, ehrliche Liebe zwischen zwei Menschen - auch wenn einer nun nicht mehr da ist.

"The Dreams in which I'm dying are the best I've ever had" singt Gary Jules in einer der letzten Sequenzen im Film. Seine Version von "Mad World" legt sich über die bestürzten Gesichter der Nebenfiguren, die im entscheidenden Moment begreifen. Bis der Zuschauer begreift bedarf es sicherlich noch eines zweiten Durchlaufs durch "Donnie Darko", dennoch wird sich kaum jemand dem warmen, schönen, spannenden, aber auch verstörenden Mix aus Fantasyabenteuer, Jugenddrama, Gesellschaftssatire und Teenieromanze entziehen können. Dafür ist Richard Kellys Independentstreifen zu gewaltig, zu groß, viel zu schön, viel zu tief. "Donnie Darko" ist endlich mal wieder intelligentes Kino mit Seele.


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