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In meiner Wut wieg' ich vier Zentner (1974)
Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 30.06.2006, seitdem 958 Mal gelesen
Der Italowestern war 1974 eigentlich schon Geschichte und die meisten Stars hatten sich dem nächsten Genre (u.a. der Kriegsfilm) zugewandt. Die letzten Produktionen versuchten sich fast durchgehend mit möglichst abenteuerlichen Ideen zu überbieten. Im Fall von „Kung Fu im Wilden Westen“ wollten die Shaw Brothers auch noch einen Bissen vom lukrativen Italowestern abbekommen und schickten deswegen Lieh Lo („Tschang Fu - Der Todeshammer“, „Die 36 Kammern der Schaolin“)nach Italien, wo er unter der Regie von Antonio Margheriti („Fünf blutige Stricke“, „Jäger der Apokalypse“) an der Seite von Genreikone Lee Van Cleef („Für ein paar Dollar mehr“, „Sabata“) sein Abenteuer im Wilden Westen zu erleben hat. Gleich vorweg: Europäische Produktionen wie „Rivalen unter der Sonne“ oder „Heute ich... morgen du!“ sind mit diesem Clash der Kulturen wesentlich intelligenter umgegangen.
Obwohl hier eigentlich keine ursprünglichen Motive des Italowesterns mehr anzutreffen sind und „Kung Fu im Wilden Westen“ schnurgerade wie überraschungsfrei als Komödie aufgezogen wird, kann man sich passabel unterhalten lassen. Zu verdanken hat man das vor allem dem stets ironischen Sprüchen des überaus gut aufgelegten Lee Van Cleef, dem diese ungewöhnliche Partnerschaft sichtlich Spaß macht. Er kalauert und singt (unter dem Galgen mit der Schlinge um den Hals), zaubert immer im richtigen Moment einen Oneliner hervor und sprudelt vor guter Laune nur so über. Der Schelm reist auch schon mal unterm Zug, gibt sich hemmungslos die Kante und schießt wie ein Weltmeister.
Der Hauptpart des Films spielt auch im Westen, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die beiden kurzen Kapitel in China tatsächlich Margheriti selbst inszeniert hat. Die wurden ihm wohl schon eher per Luftfracht zugestellt, damit er sie mit in den Film einbauen kann.
Lieh Lo muss als Ho Chiang jedenfalls über den großen Teich, weil sein Herrscher seinem Onkel dort ein ganz schönes Vermögen lieh, das nach seinem Tod nun verschwunden scheint. Chiangs einzige Anhaltspunkte sind sein Erbe, die Fotos von vier Frauenzimmern, und der Gauner Dakota (Lee Van Cleef), der den Safe der Bank knacken wollte und indirekt am Tod des Onkels Schuld ist, weil der in die Explosion des Tresors hineinlief. Doch das interessiert Chiang weniger. Er fühlt Dakota kurz auf den Zahn, befreit den Todeskandidaten kurz vor seiner Hinrichtung aus der Zelle und zieht mit ihm los, um die vier Frauen aufzusuchen und die Knete zurückzubekommen.
Das exotische Gespann hat leider nur zu Beginn ihre Gegensätze zu überwinden, wenn Dakota seine liebe Mühe hat, die fernöstlichen Speisen und Getränke zu probieren, die ihm sogar nicht munden. Zwar wird in Folge kein wirkliches Buddy-Duo aus den beiden, aber die Unterschiede der beiden hätten als Salz in der Suppe dem Film noch einmal zusätzlichen Pep eingebracht. Die paar Wortspiele sind zwar immer wieder für Lacher gut, aber eigentlich angesichts des Potentials zu wenig. Vor allem hätte Lo mehr auffallen müssen. Sein Einfall mit dem Hund den Saloon zu betreten, deutet doch an, was in der Richtung alles gehen könnte.
Linear durchläuft der Plot ohne großartige Überraschungen seine Stationen, die Frauen, ohne dass der Gauner und sein Kumpel aus Fernost sich vor größere Probleme gestellt sehen. Chiang provoziert zwar gern und prügelt sich mal, jedoch ist da nichts bei, womit die beiden nicht spielend fertig werden könnten. Das Aufsuchen der Frauen beziehungsweise ihrer Hintern, die eine tätowierten Hinweis beherbergen, wiederholt sich auch mehrmals. Gute Einfälle, wie der Besuch im Spielsalon, wo Chiang für Dakota am Roulettetisch mit einem Rechenschieber die nächste Zahl errechnet und immer richtig liegt, sind leider selten. Die Frauenfiguren fallen leider auch nicht auf und sind innovationslose, stets schnell überzeugbare Allerweltsfiguren ohne bestimmte Merkmale – abgesehen vom Arschgeweih .. Verzeihung... dem kleinen Tattoo...
Reichlich skurrile Nebencharaktere, wie der zwielichtige Pfaffe und der prügelnde Indianer sind während dessen nette Gimmicks, die den beiden im Showdown auch zu Leibe rücken, aber eigentlich unterbeschäftigte Bad Guys, die bis zum Schluss immer einen Schritt hinterherhinken. Umso überraschender dann, wie rigoros und blutig das Finale mit ihnen umgeht. Der Ton passt so gar nicht zur hemmungslosen Lockerheit des restlichen Films.
Ausgefeilte Martial Arts – Choreographien darf man auch nicht in den beiden Eastern-Sequenzen erwarten, wo Lo gleich gegen Dutzende Gegner antritt und gewinnt. Auch geniale Fertigkeiten mit dem Revolver sieht man eher selten, doch dafür gehört Antonio Margheriti zur Gattung besserer Italo-Regisseure, die trotz des einfallslosen Ablaufs dem Szenario eine temporeiche Kurzweiligkeit abringen können. Total langweilig wird diese Schnitzeljagd jedenfalls nie, technisch zumindest kompetent umgesetzt ist sie auch und sei es nur, weil Dakota eine Gatling zwischen zwei Pferde spannt, um die Gegnerschar abzuholzen. Margheriti war bekanntlich ein Anpassungskünstler, der in jedem Genre klarkam. So auch hier.
Der Schlusstwist gestaltet sich auch wenig aufgeregt, weil die vierte Frau, ausgerechnet auch eine Chinesin, entführt und von Lo und Dakota, die sich kurzzeitig trennen, was dem Gauner eine ordentliche Tracht mit der Peitsche einbringt, natürlich befreit wird, wobei da jeder sein persönliches Finale bekommt. Lo darf sich den Prügel-Indianer schnappen und Dakota knöpft sich den zwielichtigen Prediger vor, bevor beide dann das Rätsel lösen und in Fernost ihren Spaß haben. Die letzten Szenen klingen ein wenig nach Fortsetzung, aber die kam dann nie.
Fazit:
Dank des köstlichen Wortwitzes, der ein paar wirklich gute Kommentare von Lee Van Cleef beinhaltet und der zwangsläufigen Exotik, dass das ungleiche Gespann mit sich bringt, kann man „Kung Fu im Wilden Westen“ seine Qualitäten nicht absprechen. Der Plot ist zwar reichlich banal, die Nebenfiguren blass und die Action auch nicht sonderlich ausgefeilt inszeniert, aber das putzige Duo hält passabel bei Laune. Westernfans dürfen einen interessierten Blick riskieren, denn so etwas sieht man nicht alle Tage. Mit dem Italowestern im herkömmlichen Sinn hat dieser Film selbstverständlich nichts mehr zu tun und verschenkt wurde die Prämisse dennoch. Was soll’s...
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