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Full Metal Jacket (1987)

Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 18.01.2004, seitdem 2719 Mal gelesen


Egal in welchem Genre Stanley Kubrick sich versucht und mit welchem Thema er sich auseinander setzte, stets resultierte aus seinen Visionen ein wegweisender Film. Von eben dieser perfektionbesessenen Regie ist auch „Full Metal Jacket“, Kubricks Abrechnung mit dem Vietnamkrieg und dem amerikanischen Militärapparat, geprägt, der vorbehaltlos, in einem Zug, mit „Apocalypse Now“, „Hamburger Hill“ und „Platoon“ genannt werden darf, auch wenn er sich des Themas (typisch Kubrick eben) ganz anders annimmt.

Ohne Opening Credits zu verwenden demonstriert ab der ersten Minute die Grundausbildung in der amerikanischen Armee. Der Vietnam-Krieg steht vor der Tür, viele junge Männer, die bis dahin nicht mal im Traum ans Töten gedacht haben werden eingezogen und, wie es sich für einen Rekruten gehört, dementsprechend frisiert. Während die Wolle zu Boden fällt, wird schon eins der tragenden Kritikinstrumente Kubricks deutlich – die harmonisch, glückselige Musikbegleitung. So unpassend sie auch ist, der Sarkasmus ist deutlich zu spüren.

Die wohl denkwürdigste Figur des Films ist ohne Zweifel Gny. Sgt. Hartman (R. Lee Ermey, bekam dafür einen Oscar), der den erbarmungslosen Drill und die Gehirnwäsche teuflisch, fast in eine Parodie ausartend, personifiziert. Sein erster Auftritt vor den Rekruten ist Filmgeschichte, perfekt inszeniert und kommt weitestgehend ohne Schnitte aus. Ermey, der selber viele Jahre Ausbilder war, spielt hier im Grunde nur das, was er früher wirklich getan hat und das mit Bravour. So humorig dieser Auftritt in den ersten Minuten noch wirkt, so beklemmender wirkt er im nach hinein. Ermey erniedrigt die Soldaten, versucht ihre psychischen wie physischen Schwachpunkte auszuloten und setzt schwache Glieder, wie den leicht zurückgebliebenen und übergewichtigen Private Pyle, unter Druck, um sie zu zerbrechen. Die Ausbildung ist eine einzige Gehirnwäsche, aus der Kampfmaschinen resultieren sollen, die blind Befehle ausführen und gehorchen sollen. An diesem Pyle wird in Folge auch der geistige Zerfall festgemacht. Anfangs nur für sich selbst verantwortlich und die Strafen und Erniedrigungen ertragend, zieht er seinen gesamten Zug mit in den Schlamassel, was zu einer schicksalhaften Nacht führt.

Kubrick beschränkt sich dabei komplett auf den Drill und geht weder auf ihre Vergangenheit, ihr Privatleben und erst recht nicht auf ihre Freizeit ein. Den Rekruten wird jede Individualität genommen, wie es auch das Militär zu dieser Zeit tat. Einzig und allein Joker (Matthew Modine) kann mit seiner Intelligenz dem erbarmungslosen Ausbilder Hartman Paroli bieten, ihn sogar aus der Reserve locken. Fast schon selbstverständlich während dieser Grundausbildung die eigentümliche Kameraarbeit Kubricks und die legendären Bilder im Trainingscamp oder Schlafsaal, die jeder, der den Film einmal gesehen hat, nicht vergessen wird. Ja, es ist ein Kubrick-Film – und was für einer. Kein Film davor und kein Film danach hat es geschafft, diese menschenunwürdige Ausbildung so drastisch wiederzugeben.

Ab der Filmmitte beschäftigt sich „Full Metall Jacket“ mit dem, auf das sie alle vorbereitet worden sind – dem Vietnamkrieg. Hier folgen wir nur noch Private Joker, der nun als Redakteur in Vietnam tätig ist. Kubrick präsentiert nicht nur das dortige Grauen in Form von Massengräbern und die Engstirnigkeit einiger ranghoher Militärs, sondern lässt Joker auch klare Kritik am Medienapparat üben, der Tatsachen verdreht, beschönigt und sie zu amerikanischen Propagandazwecken umschreibt. In Folge werden allerdings auch die fehlende Informationsschulung und das Ergebnis der in der ersten Hälfte gezeigten Gehirnwäsche deutlich. Symbolische Beispiel hierfür vielleicht der MG-Schütze im Transporthubschrauber, der wahllos Frauen und Kinder erschießt und sich dabei noch sehr komisch vorkommt. Auch das, an eine Versteigerung erinnernde, Feilschen um Nutten ist ein deutliches Beispiel für den geistigen Verfall dieser umprogrammierten Soldaten.

Gekämpft wird natürlich auch. Allerdings nicht sonderlich plakativ, sondern eher unspektakulär, ohne dass die Qualität dadurch getrübt wird. Kubrick schafft es hierbei nämlich seinen sarkastischen Unterton mit dem Monster Krieg in Einklang zu bringen, folgt den Soldaten auf Schritt und Tritt in die Ruinen einer ehemaligen Stadt und zeigt sehr authentisch wie unterlegen und unerfahrenen die Amerikaner auf diesem fremden Terrain damals waren. Die Bilder sind schmutzig, brutal, blutig und unmenschlich – klagen an. Zwischen den Kampfpausen immer wieder Dialoge, die die Blindheit, Abstumpfung und anerzogene Stupidität offen legt und den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Dass diese Geschichte dann auch nicht mit einem Happyend abschließt, sondern in den letzten 15 Minuten noch mal eine Schippe drauflegt, die dann endgültig in die Magengrube schlägt, zeugt endgültig von einem ganz großen Film.

Fazit:
„Full Metal Jacket“ ist einer der beeindruckendsten Antikriegsfilme, der gekonnt in der ersten Hälfte den unmenschlichen Drill und die damit verbundene Gehirnwäsche kritisiert, um sich im zweiten Teil auf den Krieg selbst zu konzentrieren. Von Kubrick gewohnt souverän inszeniert sind Schwächen nicht zu erkennen. Einzig und allein der erzählerische Übergang von Amerika nach Vietnam kann als Schwachpunkt ausgemacht werden. Ansonsten bleibt ein intelligentes, unvergessliches Werk, dass in vielen Situationen zum Interpretieren anregt und mit Gny. Sgt. Hartman eine unvergessliche Filmfigur besitzt.


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