Review

„Saw“ ist die wohl derzeit berüchtigste Filmreihe, wenn es darum geht, aufzuzeigen, wie sadistisch, voyeuristisch und verdorben das heutige Kino sein kann. Bringt es die Reihe zur Zeit (Stand: November 2009) auf sechs Filme, so kann man Parallelen zu den „Freitag der 13.“-Filmen ziehen, die in der kritischen öffentlichen Wahrnehmung in den 80'ern diese Rolle übernahmen: Böse Filme, die zur Verrohung der Jugend maßgeblich beitragen und von keinerlei filmischen oder gar künstlerischem Wert sind. Dass sich die „Saw“-Reihe diesen Ruf in kürzester Zeit erarbeitet hat, liegt vor allem (und das ist das Bindeglied zwischen den beiden erwähnten Filmreihen), an den schnell heruntergekurbelten Fortsetzungen, die den Originalplot (meist ideenlos) weitersponnen und auswalzten.

Mit diesem Kurzfilm beginnt also alles. Die Wurzel allen Übels? Nun, eigentlich kann man das so nicht sagen, denn dieser Kurzfilm und vor allem der erste Langfilm beinhalten einige originelle Ideen und stehen den Serienkiller-Filmen der 90'er Jahre wie „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“viel näher, was Atmosphäre und Inhalt angeht, als den „Video Nasties“ der 80'er Jahre. Wenn man sich mit den Verteufelungen der gesamten Filmreihe beschäftigt, dann wird schnell klar, dass diese zumeist von Kritikern (oder noch schlimmer: Politikern) ausgesprochen wird, die sich ebenso wenig mit den Filmen beschäftigt haben, wie mit dem schlimmen „Counterstrike“, dem PC-Spiel, das ebenso gern verteufelt wird und eigentlich doch eher zu den harmloseren Vertretern seiner Zunft gehört.

Am Anfang steht eine Idee, die mit diesem Kurzfilm sehr gekonnt und effektiv auf Film gebannt wird: ein Killer kidnappt Menschen und versieht sie mit tödlichen Folterinstrumenten. Wer den rettenden Schlüssel haben, und sich befreien möchte, muss etwas Drastisches tun, um so zu beweisen, dass man sein eigenes Leben auch zu schätzen weiß. Diese Grundprämisse, die Platz lässt für viel Kunstblut, aber auch Kopfkino par Excellence wird also hier vorgestellt in diesem knapp 10minütigen Kurzfilm des späteren Kreativteams des „Saw“-Spielfilms. Der Sinn und Zweck dieser Übung, die dem späteren Spielfilm erstaunlich nahe kommt, war so einfach, wie profan: das Finden von Geldgebern. Hollywood-Studios kaufen ungern die Katze im Sack, ganz besonders nicht, wenn kein Star an einem Projekt beteiligt ist. So taten sich Regisseur James Wan und Drehbuchautor Leigh Whannel im Jahre 2003 zusammen, um die Grundidee auf knapp 10 Minuten zu komprimieren. Speziell, wer den Langfilm gesehen hat und sich danach diesen Kurzfilm anschaut, bemerkt, dass sowohl inhaltlich, als auch stilistisch alles enthalten ist, das auch den Langfilm ausmachen sollte. Ohne diesen allerdings gesehen zu haben bleibt „Saw“ ein verstörender und beklemmender Kurzfilm, der Fragen aufwirft, ohne diese zu beantworten. Im Gegenteil: man will wissen, was es mit dem geheimnisvollen Killer auf sich hat, der sich dem Opfer als Puppe manifestiert. Was hat er vor? Wer steckt dahinter? Und vor allem: was sind seine Beweggründe? Im Jahre 2009 ist das natürlich ein alter Hut. Man hat den ersten Kinofilm gesehen und sich im Zweifel auch durch die Fortsetzungen gekämpft. Anno 2003 sah die Sache aber ganz anders aus. Ganz offensichtlich haben Wan und Whannel die absolut richtigen Knöpfe gedrückt, denn aus der Idee und dem Kurzfilm entstand ein Spielfilm!

Das Schöne an diesem Show Reel ist, dass er auch als eigenständiger (Kurz-) Film funktioniert und richtig Spaß macht. Zwar kann man sich als Genrefreund kaum vorstellen, wie die Wirkung des Kurzfilmes als solches war, also ohne die „Saw“-Reihe zu kennen, doch es ist mehr als eindeutig zu erkennen, dass sich Wan und Whannel sehr treu geblieben sind bei der Realisation ihres Spielfilmes. Schnitt, Musik und Atmosphäre nehmen nämlich schon viel vorweg und sind bei der Spielfilmproduktion nahezu unangetastet geblieben. Legt man Kurzfilmmaßstäbe an das vorliegende Werk an, kommt man nicht umhin, zu erkennen, dass es sich um ein hervorragendes Stück Film handelt, das nur wenig mit den teilweise seelenlosen Fortsetzungen der „Saw“-Reihe zu tun hat. Insofern sollte man militanten Jugendschützern dringend empfehlen, sich diesen Kurzfilm und auch den ersten Spielfilm anzuschauen. Sollte es sich um halbwegs aufgeschlossene Personen handeln, sollten sie erkennen, dass einiges an Qualität hinter diesen Werken steckt. Aber dies ist nichts neues, denn wer (speziell in den Zeiten von „Mama, Papa, Zombie“) auch die „Rambo“-Filme für gewaltverherrlichende Actionfilme heranzieht, der hat ebenso offensichtlich den ersten Film nicht gesehen. Filmschelte macht auf jeden Fall einen fundierteren Eindruck, wenn man weiß, wovon man spricht...

Fazit:

8 / 10

Details
Ähnliche Filme