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Uhrwerk Orange (1971)
Eine Kritik von PierrotLeFou (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 12.06.2008, seitdem 2249 Mal gelesen
Kubricks Werk (gemeinhin als drittes Meisterwerk in Folge bezeichnet) basiert auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Anthony Burgess. Burgess beherrschte weit mehr als ein halbes Dutzend Sprachen, was ihn u. a. dazu befähigte, eine lesenswerte (wenn auch natürlich nicht vollkommene) "Finnegans Wake" Aufdröselung zu verfassen. Sowohl sein Interesse an James Joyce, als auch seine Fremdsprachenkenntnisse schlagen sich in seinem experimentierfreudigen Werk nieder. Letztere findet man besonders in "Clockwork Orange" (1962) wieder, dem Burgess später noch das "Clockwork Testament" (1974) folgen ließ (das zugleich (oder vor allem?) den Abschluss seiner Enderby-Trilogie darstellt) - ein unerträglich prätentiöses Werk, das zudem den damals populären Hang zu Nazisymbolik und "Nunploitation" so überreizt, dass das Fehlen einer Ken Russell Verfilmung wie ein Wunder anmutet.
"A Clockwork Orange" ist da erheblich weniger prätentiös - und das trotz der extra für das Buch erfundenen Kunstsprache Nadsat, in der Burgess russische Begriffe ein-englischt; bisweilen auch so, dass die Bedeutung der Wörter in sich widersprüchlich wird (etwa im Fall von Horrorshow, dessen russischer Stamm choroscho ursprünglich etwas schönes bezeichnet). Burgess spielt auch ansonsten mit Wortbedeutungen und wies mehrmals (etwa in seiner 1984-Abrechnung "1985" (1978)) auf die Bedeutung des Namens des Antihelden Alex hin: "Der Name des Antihelden ist Alex für Alexander, was 'Verteidiger der Menschen' bedeutet. Alex hat noch andere Nebenbedeutungen - a lex: ein Gesetz (für sich selbst); a lex(is): ein Vokabular (von ihm selbst); a (griechisch) lex: ohne ein Gesetz."[1] Auch dem fast immer nur auf die Redewendung "as queer as a clockwork orange" zurückgeführten Titel kommt noch eine weitere Bedeutung zu, für die Burgess ein malaiisches Wort heranzog: "Ich hatte auch in Malaya gedient, wo das Wort für ein menschliches Wesen 'Orang' ist."[2]
Es geht also in "Clockwork Orange" um ein menschliches Uhrwerk - eine Vorstellung, die mit La Mettries "L'homme machine" in Philosophie und Naturwissenschaft beginnt, sich als Fiktion über romantische und phantastische Literatur erstreckt (am bekanntesten sicherlich in Hoffmanns "Der Sandmann", aber auch bei Jean Paul oder Heinrich von Kleist taucht das Motiv in aller Deutlichkeit auf) und mit Pawlow wieder einen Aufschwung erlebte.
Auf Pawlow bezog sich Burgess bei Beginn der Arbeit an "Clockwork Orange". Eigentlicher Anstoß war ein Artikel, der die Konditionierung von gewaltbereiten Mods und Rockern forderte. Die Frage, ob freiwillig ausgeübtes Böses konditioniertem Guten vorzuziehen sei, bildet dann auch das eigentliche Thema des streng gegliederten Romans.
Im ersten Teil [Achtung: Spoiler!] fällt der 16jährige Alex mit seinen drei Droogs über seine Umwelt her: Man vergewaltigt, verprügelt und demütigt, bis Alex (von seinen schlecht behandelten Droogs verraten) nach der versehentlichen Tötung einer älteren Frau inhaftiert wird. Der zweite Teil schildert den Gefängnisaufenthalt samt Ludovio-Therapie, der Alex sich als Versuchskaninchen unterzieht um seine Strafe zu verkürzen: Gewaltdarstellung in Verbindung mit Drogenkonsum bewirkt bei Alex eine Gewalt-Aversion, die aus ihn den vermeintlich wahrhaftigen Christen macht, der eher die andere Wange hinhält als selber zuzuschlagen. Im dritten Teil fällt er schließlich ohne Möglichkeit der Gegenwehr einstigen Opfern in die Hände - darunter der Schriftsteller F. Alexander (die Ähnlichkeit der Namen - im Roman direkt erwähnt - bindet die Kontrahenten, die beide auf ihre Art mit der Regierung aneinandergeraten, enger aneinander), der in seinem Werk "Clockwork Orange" heftig die Regierung attackiert. Dieser beutet Alex für eigene Zwecke aus und treibt ihn mittels Ludwig Van (Beethoven), den man Alex versehentlich gleich mitausgetrieben hat, zum Selbstmordversuch, um dadurch die Regierung zu schädigen und sich zugleich an Alex zu rächen. Am Ende wird Alex nicht nur geheilt, sondern entwächst der pubertären Phase des Gewalttäters und geht einem gesitteten Leben entgegen.
Bereits Andy Warhol erkannte das kultträchtige Potential in "Clockwork Orange", kaufte für 3.000 $ die Rechte ein, und inszenierte mit "Vinyl" (1965) eine relativ freie Verfilmung, die sich besonders durch eine statische Kamera und unbeteiligte Darsteller auszeichnet - tatsächlich wussten etliche der gefilmten Factory-Mitglieder nicht einmal, dass sie gefilmt wurden. Der Film wurde von Jonas Mekas persönlich erstmals vorgeführt. Zeitgleich waren Gerüchte um eine Verfilmung mit den Rolling Stones im Umlauf, daraus wurde jedoch (leider?) nichts.
Sechs Jahre später machte sich Kubrick seinerseits an eine Verfilmung, nachdem seine Versuche, sich eine kostenspielige Napoleon-Verfilmung finanzieren zu lassen, scheiterten. Dabei hielt er sich relativ eng an die Vorlage, nahm aber auch einige wenige, dafür jedoch bedeutende Änderungen vor: Alex ist bei ihm nicht 16, sondern gleich 28 Jahre alt, entsprechend entfällt auch das Ende, das die moralischen Fehltritte als Folge pubertärer Desorientiertheit hinstellt und das Kubrick auch gar nicht kannte - tatsächlich wurde das letzte Kapitel in einigen Ausgaben nicht abgedruckt und Kubrick gab später an, er hätte das Ende auch weggelassen, wenn er es gekannt hätte. Damit verengt er die Aussage noch stärker auf die Frage nach Willensfreiheit und Konditionierung. Die vereinfachte Struktur wirkt zudem auch durch formale Mittel noch geradliniger: Nach dem ebenso farbenfrohen wie rasant-furiosen Anfang, der (etwa in der Western-artigen Prügelei im Theater) die Gewalt aus der Sicht des Antihelden als großen Spaß hinstellt, was dem Film auch sehr schnell den Vorwurf der Gewaltverherrlichung einbrachte (und zwar trotz des offensichtlichen Verstörungspotentials jener Szenen, in denen ein alter Penner zusammengeschlagen oder die Frau Mr. Alexanders von den - grinsende Clownsmasken tragenden - Droogs zu den Klängen von Singing in the Rain vergewaltigt wird ), mildert Kubrick das Tempo, wenn sich das Blatt wendet und Alex Insasse des Gefängnisses wird. Schauwerte bilden hier in den eher tristen Bildern am ehesten noch die fleischgewordenen Karikaturen und natürlich die Ludovico-Therapie, in der Kubrick sich mal richtig austobt und zu den Klängen von Beethoven und Walter Carlos grandiosem "Timesteps" (eine verwirrende Synthesizer Mischung) in einer beeindruckenden Montage allerlei Grausamkeiten aneinanderschneidet, während Alex (die Augen mit Klammern gewaltsam geöffnet) unfreiwillig auf die Leinwand starrt...
Unter den Verbrechen an Alex, ausgeübt durch ehemalige Opfer, sticht besonders die Folterung durch Mr. Alexander (Alex trägt jene Kleider, die Mr. Alexander seinerzeit als Opfer trug) hervor: Patrick Magee übertrifft sich hier selbst, wenn er als sabbernder, subversiver, rachsüchtiger Irrer die Augen verdreht, als ihm Alex verzerrtes Singin in the Rain enthüllt, WEN er in sein Heim aufgenommen hat. Bisweilen artet das in klares Overacting aus, wenn er augenrollend, grinsend und zuckend jenen Tönen lauscht, die Alex eine Etage weiter oben zum Fenstersprung animieren. Damit passt Magee aber ebenfalls als überzogene Karikatur in das Figurenarsenal des Films, den der fast ausschließlich aus Subliminalbilder bestehende Trailer bereits als "witty, funny, satiric, musical, exciting, bizarre, political, thrilling, frightening, metaphorical, comic, sardonic" beschreibt. Unter den Darstellern ist übrigens auch David "Darth Vader" Prowse zu sehen...
Der Stil ist insgesamt sehr eigenwillig: Pop Art und 70er Jahre Mode durchziehen den Film, darunter mischt sich (neben dem Kitsch von Plastiksonnenblumen, pornographischen Gemälden und blasphemischen Gebilden) die Mode der Droogs (weiße Kleidung mit Genitalschutz, dazu Spazierstock und Zylinder bzw. Melone), die nach dem Film tatsächlich zum kurzweiligen Modetrend avancierte, und technische Vorwegnamen wie die 1971 noch nicht existierenden Mini-Kassetten. Für die sonderbaren Kulissen wältzte man dutzendweise Zeitschriften über moderne Architektur und kreierte so ein futuristisch anmutendes Stadtbild. Kubrick arbeitet überwiegend mit ungewöhnlichen Stilmitteln (mit schnellen Schnitten, Zeitraffer und Zeitlupe, Archivmaterial, extremen Großaufnahmen) und hat damit wohl seinen formal vielschichtigsten Film abgeliefert, der den Reiz der ungewöhnlichen Motive noch erhöht.
Die Tonspur setzt sich aus Synthesizerklängen und klassischer Musik zusammen, welche natürlich von Beethoven dominiert wird. Vielleicht wäre es wirksam gewesen, diesem platten Eingeständnis der Vorlage zu widersprechen, welche den Antihelden über seinen Musikgeschmack ganz schnell als gebildet einführt, und stattdessen auf Rock n' Roll zurückzugreifen - wodurch der Film allerdings auch einiges seiner Zeitlosigkeit eingebüßt hätte. Das Ton/Bild-Zusammenspiel ist auf jeden Fall herausragend und der vermehrte Einsatz klassischer Musik verhinderte nicht, dass der Film zu Beginn der 80er Jahre für ein gutes Jahr zum Kultfilm der amerikanischen (die im Gegensatz zur britischen keinesfalls links gesinnt war, ganz im Gegenteil) Punkszene wurde (noch vor Jarmans "Jubilee" (1977)). Das war sicherlich nicht die Zielgruppe, die Kubrick angestrebt hatte.
Bereits kurz nach der Premiere wurden seinem Film mehrere Straftaten zugeschrieben (selbst dann, wenn die Täter den Film nachweislich nicht kannten). Für den amerikanischen Markt kürzte Kubrick 30 Sekunden (die Zeitraffer menage a trois und die Vergewaltigung in einem der Therapie-Filme, wodurch Amos Vogel bestätigt sah, dass diese Szenen keiner künstlerischen Notwendigkeit, sondern reiner Schockwirkung zuzuschreiben waren, womit Kubrick die ideologische Basis des Films untergraben würde)[3], um dem X-Rating zu entgehen (selbst das Poster musste um BH und Schlüpfer erweitert werden); in England ließ er selbst den Film 1974 aus dem Verkehr ziehen - angeblich wegen nicht enden wollenden Wellen von Drohbriefen - und räumte diese Entscheidung erst 5 Jahre später öffentlich ein. Die Zensoren hatten hingegen (obwohl zeitgleich auch Peckinpah mit "Straw Dogs" (1971) Furore machte und Ärger auf sich lud) für "Clockwork Orange" sogar Lob übrig. Erst nach Kubricks Tod war sein Film, der in den Kategorien "bester Film", "bester Regisseur", "bestes Drehbuch", "bester Schnitt" für den Oscar nominiert war (als Friedkin den Oscar für die beste Regie bekam, beurteilte er diese Entscheidung als Fehlentscheidung), auch in England wieder erhältlich.
Nette Details sind sicherlich der "2001"-Soundtrack, der ganz deutlich im Plattengeschäft zu sehen ist, und die Tatsache, dass Perfektionist Kubrick einen Fehler machte, was den Schattenwurf der Droogs betrifft, die zu Beginn den Penner verprügeln.
1999 wollte Produzent George Lucas Steven Spielberg eine erneute Verfilmung finanzieren: Ewan McGeroger sollte Alex mimen und Tom Cruise samt Gattin Kidman (also das Paar aus Kubricks Vermächtnis) hätten den Part des Schrifsteller-Ehepaares übernehmen sollen. Die Pläne zerschlugen sich jedoch. Eine düsterere, realere Version, die weniger Wert auf einen durchkomponierten Stil legen und den Karikaturcharakter des Films, der letztlich keine eindeutige Stellung bezieht (das Ende mit der Heilung von Alex, mit heuchlerischen Politikern und dem unangebracht fröhlichen Abspann lässt den Zuschauer letztlich mit gespaltenen Gefühlen zurück), gegen ein etwas ernsthafteres und komplexeres Beziehungsgefüge eintauschen würde, wäre sicherlich interessant gewesen; aber soetwas hätte man von einem Gespann wie Spielberg/Lucas ohnehin nicht erwarten können.
10/10 für einen formal größtenteils perfekten, inhaltlich grimmig-zynischen, intelligenten Horrortrip der zu Kubricks besten Werken überhaupt gezählt werden kann.
1) Burgess, Anthony: 1985. Heyne 1982, S. 131.
2) Ebd.
3) Vgl.: Vogel, Amos: Film als subversive Kunst. Rohwolt 2000, S. 171 f.
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