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Uhrwerk Orange (1971)

Eine Kritik von Lunev (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 25.04.2011, seitdem 301 Mal gelesen


Kaum ein Film löste derartige Kontroversen aus wie Stanley Kubricks Uhrwerk Orange. In Großbritannien jahrzehntelang verboten, von der katholischen Kirche in Amerika auf einen Index gesetzt, der es Mitgliedern untersagte, sich den Film anzusehen, sah sich Kubrick von allen Seiten heftiger Kritik ausgesetzt. Sogar seine Familie soll bedroht worden sein. Kritiker missverstanden sein Werk als eine Ästhetisierung von Gewalt mit einer fragwürdigen Botschaft die uns dazu animiert, unsere dunklen Seiten auszuleben. Mittlerweile sollten nur noch die wenigstens von Uhrwerk Orange so schockiert sein, denn wir alle sind abgehärtet durch zahlreiche Filme in denen Gewalt und Sex an der Tagesordnung stehen.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anthony Burgess dreht sich um den jugendlichen Gewalttäter Alexander DeLarge, der ein ausgesprochener Liebhaber Beethovens ist, und seiner Gang, den Droogs, die in London ihr Unwesen treiben. Der Zeitpunkt der Handlung ist nicht genau festgelegt, aber es wird schnell klar, dass es sich hier um eine schreckliche Zukunftsvision handeln muss. Alles, vom Aussehen bis zur Sprache der handelnden Personen, wirkt völlig verfremdet. Die Droogs verständigen sich über einen jugendlichen Jargon, den Nadsat. Ihr Alltag besteht lediglich darin, durch die Ortschaft zu ziehen und sich an hilflosen Frauen und Obdachlosen zu vergreifen. Kubrick lässt diese grausamen Gewaltszenen von heiterer, klassischer Musik begleiten - etwas, dass ihm viel Kritik einbrachte. Doch er wurde einmal mehr zutiefst missverstanden, denn er ästhetisiert die Gewalt hier keineswegs, sondern zeigt uns mit welcher Gleichgültigkeit Alex und seine Droogs handeln: Die Opfer sind ihnen völlig egal, nur ihr eigenes Vergnügen ist von Interesse. Als dann eine Frau bei einem ihrer Überfälle ums Leben kommt, wird Alex von seinen Droogs im Stich gelassen und zu 14 Jahren Haft verurteilt. Um dem langweiligen Gefängnisalltag zu entgehen, macht er bei einem Besuch des Innenministers auf sich aufmerksam und wird als Versuchsobjekt für die neuartige Ludovico-Technik ausgewählt. Auf menschenunwürdige Weise wird Alex manipuliert, bis er, nach 14-tägiger Therapie, als geheilt entlassen wird und schon beim kleinsten Anzeichen von Gewalt unerträgliche Schmerzen erleidet und die Kontrolle über seinen Körper verliert. Das Experiment geht schief, denn während seiner Therapie war im Hintergrund desöfteren Beethovens neunte Symphonie zu hören, die bei ihm fortan die selben Reaktionen wie Gewalt hervorruft - ein unbeabsichtiger Nebeneffekt.

Während in Filmen wie 2001: Odyssee im Weltraum und Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben noch dezente Andeutungen über Sexualität gemacht wurden, springt sie uns hier geradezu an. Kubrick zeigt uns den zunehmenden Einfluss von Sexualität auf die Gesellschaft und geizt dabei nicht mit eindeutigen Bildern. Das Leben in Uhrwerk Orange ist nahezu vollständig sexualisiert. Eine wahre Flut von Phallussymbolen erwartet den Zuschauer, von der Kleidung der Droogs bis zu den Gemälden und Skulpturen im Haus der jungen Frau ist Sexualität ein ständiges Thema. Kubrick treibt das auf die Spitze als Alex einen Mord mit einer penisförmigen Skulptur begeht, die er seinem wehrlosen Opfer brutal ins Gesicht schlägt. Die Sexualität gewinnt hier die Überhand über den Menschen.
Als wäre das nicht genug, möchte Kubrick uns mit seinem Film auch noch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik mit auf den Weg geben. Er dreht den Spieß um und lässt Alex plötzlich das Opfer sein: Von seinen Freunden verraten, von seinen früheren Opfern nun selbst misshandelt und von der Politik als Versuchskaninchen und Aushängeschild eines funktionierenden Systems missbraucht. Alle Welt ist selbstsüchtig und schert sich nicht um andere. Ein kritischer Spiegel, der dem Zuschauer hier vorgehalten wird.

Das alles macht Stanley Kubricks Romanverfilmung zu einem brillianten Meisterwerk. Uhrwerk Orange ist weniger ein Film den man sich zur Unterhaltung ansieht, sondern uns viel mehr abstößt und dadurch zugleich fasziniert, der uns manchmal staunen und manchmal wegschauen lässt. Ungewöhnlich ist auch, dass sich die gesamte Laufzeit über keine Person findet, mit der man sich identifizieren kann oder die wenigstens sympathisch auf uns wirkt - im Gegenteil: Die Protagonisten widern uns eher an und wir möchten nichts mit ihnen zu tun haben.
Die Botschaft des Films ist schwer zu erfassen, denn vor allem das Ende entzieht sich jeder vollständigen Interpretation. Alex ist zwar wieder der Alte Bösewicht, doch scheint die offensichtlichste Botschaft, die ihm Kritiker anhängen wollen, kaum die zu sein, die Kubrick beabsichtigt hatte. Was man darin sieht, sei jedem selbst überlassen.

Fazit: Einmal mehr eine brilliante Umsetzung einer Romanvorlage durch Stanley Kubrick, die mit überzeugenden Darstellerleistungen und technischer Perfektion aufwartet und Stoff für endlose Analysen bietet. Bilder, Musik und Sprache bilden hier eine Einheit, wie sie nur Kubrick je gelang.


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