Eine Kritik von KillBill-75 (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 01.11.2011, seitdem 459 Mal gelesen
Es gibt sicherlich viele Filme, die im Laufe der Zeit zu Klassikern avanciert sind, aber es gibt nicht sehr viele Filme, die den Status, ein Klassiker zu sein, genießen und zugleich das Prädikat "Meisterwerk" für sich beanspruchen können.
John Carpenters Horrorfilm "The Fog - Nebel des Grauens" zählt zu den wenigen Klassikern der Filmgeschichte, die sich auch zu Recht "Meisterwerk" nennen dürfen und nicht selten zusammen mit Perlen wie "Suspiria", "Tenebre", "Psycho" oder "Die Nacht der lebenden Toten" genannt werden.Â
Nicht umsonst zählen Regisseure wie Dario Argento, Alfred Hitchcock, George A. Romero, Wes Craven oder eben jener John Carpenter zu den beeinflussendsten Filmemachern des Genres, deren Werke wegweisend für den modernen Horrorfilm waren.
"The Fog - Nebel des Grauens" war neben Hammers "Dracula"-Version von 1958 und "Die Nacht der lebenden Toten" einer der ersten Horrorfilme, die ich in jungen Kindheitstagen Dank der öffentlich rechtlichen Programmgestaltung gesehen habe und die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren haben.
Nach mehr als über 30 Jahren weiss "The Fog" noch immer zu gefallen und zu unterhalten!
 Zwei Jahre nach dem Slasher "Halloween" machten sich John Carpenter und Debra Hill an das Drehbuch zu diesem unerreichten Meisterwerk, das selbst in der zehnten Wiederholung für Gänsehaut sorgt.Â
Auch wenn man mittlerweile weiss, an welcher Stelle der nächste Schock nur darauf lauert dem Zuschauer das Fürchten zu lehren, so schafft es "The Fog" nach wie vor mich in seinen Bann zu ziehen und mir eine angenehme Gänsehaut zu bereiten.
Er beginnt mit der Erzählung einer unheimlichen Geistergeschichte, die ein alter Seebär einigen Kindern bei einem knisternden Lagerfeuer zur Geisterstunde erzählt.Â
Dank einer gelungenen Synchronisation wird der von John Housemann verkörperte Mr. Machen von Arnold Marquis gesprochen, dessen markantes Timbre in dieser Szene wie die Faust aufs Auge passt.Â
Gleichzeitig dient die Erzählung des alten Mannes als Einleitung für Carpenters Schocker, der mit viel Einfallsreichtum und minimalistischen Mitteln eine unheimliche Geschichte erzählt, bei der Versatzstücke des klassischen Spuk- und Gespensterfilms mit denen des Zombiefilms kombiniert werden.Â
Eine Gruppe untoter Seeleute, die vor hundert Jahren Opfer einer mörderischen Verschwörung wurden, tauchen, mit Enterhaken und Sebeln bewaffnet, aus einem unheimlich leuchtenden Nebel auf, um für das an ihnen begangene Unrecht 6 Opfer zu fordern und ihren Frieden finden zu können.
Was John Carpenter aus dieser Ausgangssituation und mit Hilfe einer Nebelmaschine zauberte, ist ein herrlich altmodischer Gruselfilm, der - als Tribut an das moderne Horrorkino - nicht mit Brutalitäten geizt, diese aber nur andeutet und das Grauen der Phantasie des Zuschauers überlässt.
"The Fog" hat es - trotz seines reißerischen, deutschen Untertitels "Nebel des Grauens" - auch gar nicht nötig, knietief im Blut zu waten, sondern überzeugt auf ganzer Linie durch eine sich stetig aufbauende unheimliche Atmosphäre, die in der Bedrohlichkeit des leuchtenden Nebels und dem vielseitigen, kongenial komponierten Soundtrack ihren ultimativen Höhepunkt findet.Â
Darstellerisch kann vor allem Adrienne Barbeau überzeugen, wobei auch hier die vielseitigen Klangfarben der deutschen Synchronisation (ich vermute hier Almut Eggert) adäquat den erotischen Ausdruck der Radio-Moderatorin untermalen, um wenige Szenen später Panik und Entsetzen in der Stimme darzustellen. Zusammen mit Barbeaus perfekter Darstellung unterschiedlicher Gemütszustände zählt der Part der Stevie Wayne zu den am glaubwürdigsten verkörperten Rollen im ganzen Film.Â
Auch Jamie Lee Curtis, die in John Carpenters "Halloween" debutierte und ihre Scream Queen-Qualitäten hier perfektionierte, ist überzeugend, während Tom Atkins überraschend teilnahmslos wirkt und auch Janet Leigh hinter ihren Erwartungen bleibt.Â
Hal Holbrook dagegen füllt seine Rolle ebenso glaubwürdig aus wie Adrienne Barbeau und macht die prominente Besetzung perfekt.
"The Fog" ist nicht nur ein Paradebeispiel für intensives Hochspannungs-Kino, sondern auch dafür, dass der moderne Horrorfilm auch ohne Blut- und Splattereffekte bestens unterhalten und darüber hinaus sein Publikum auch mit einer altmodisch klingenden Story und klassischen Stilmitteln wie Nebelschwaden und unheimlichen Geräuschen für sich einnehmen kann.Â
John Carpenter beherrscht wie kaum ein anderer die Gabe aus einem Minimum an Budget ein Maximum an Unterhaltung zu pressen und erweist sich als Meister auf der Klaviatur des Grauens. Es muss nicht immer der schwarze Mann mit dem Fleischermesser sein, der sich durch die Reihe umtriebiger Babysitter metzelt.Â
"The Fog" zeigt eindrucksvoll, dass auch vermoderte Wasserleichen in zerlumpter Kleidung für Angstschweiss und Schrecken sorgen können - ohne dass das Blut in Strömen fließen muss.
Während Filme unterschiedlichster Genres wie "The Last House On The Left", "The Hills Have Eyes", "Freitag, der 13." oder auch sämtliche "Halloween"-Sequels die graphische Gewaltdarstellung auf die Spitze trieben und explizite Tötungsszenarien selbstverständlich waren und den größten Unterhaltungswert der Filme ausmachten, hebt sich "The Fog" - entstanden 1980 auf dem Zenit dieser Dekade - wohltuend von dieser Formel ab und überzeugt mehr durch Hirn als durch exzessiven Gore.Â
Allein die Sequenzen, in denen die vollkommen hilflose Stevie Wayne über das Radio die Zuschauer bittet ihren Sohn zu helfen und Nick und Elisabeth beherzt eingreifen und Andy im letzten Moment retten, oder als Stevie die Bewohner erneut über das Radio vor dem Nebel warnt, sie durch die menschenleeren Straßen an dem glühenden Nebel vorbei zur alten Kirche dirigiert - das sind die Momente, in denen Dramatik, Spannung und Nervenkitzel in Einklang mit einem peitschenden Score die Szene dominieren.
Und als wolle Carpenter sein Publikum quälen und ihm keine Ruhe gönnen zieht er für den letzten Akt nochmals die Spannungsschraube bis zum Anschlag an, in dem die letzte Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit in einem parallel spielenden Herzschlag-Finale auf dem Leuchtturm und der dunklen Kapelle der gothischen Kirche ihren Höhepunkt findet.
Im Zuge von Hollywoods Recycling-Wahn entstand 25 Jahre später ein Remake, bei dem Regisseur Rupert Wainwright den krassen Gegensatz zum zeitlosen Original inszenierte: ein seelenloses, langweiliges Effektspektakel, eine schamlose Vergewaltigung eines Klassikers, der genau in die Untiefen verdammt gehört, aus der die Geister auftauchten.