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Parfum - Die Geschichte eines Mörders, Das (2006)

Eine Kritik von Moonshade (Bewertung des Films: 6/10)
eingetragen am 04.10.2006, seitdem 1257 Mal gelesen


Sensation in Europa – Deutschland verfilmt mal wieder einen Literaturbestseller – natürlich mit dem Markenbrandzeichen Bernd Eichingers.
Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Man erzählt sie einfach nur nach, zum Beispiel, in dem man die Handlung in Bilder fasst. Oder man erschafft sie mit den Mitteln des Kinos, der Bilder neu, vor allem wenn es sich um einen Roman handelt, der sich hauptsächlich um olfaktorische Wahrnehmungen dreht.
Leider tendiert „Das Parfum“ zur ersten Alternative.

Es ist schon eine ungewöhnliche Geschichte, das fiktive Märchen um den Serienmörder Jean-Baptiste Grenouille, der im 18.Jahrhundert mit dem ultimativen Geruchssinn geboren wird, jedoch selbst keinen Eigengeruch besitzt. In dem Bemühen, selbst als Mensch zu riechen und somit als solcher zu gelten, will er das betörenste Parfum der Welt herstellen und geht für die Erfüllung dieses Lebenstraums über Leichen.

Vielfach wurde kolportiert, wie viele Regisseure schon vorhatten, die Geschichte zu verfilmen, aber an der technischen, d.h. visuellen Umsetzung gescheitert waren, weil der Stoff nicht akzeptabel in Bilder umgesetzt werden könnte.
Tom Tykwer hat es trotzdem versucht und leider als einziges bewiesen, dass er es versteht, ein großes Budget in optisch ansprechenden Film umzuwandeln und somit die Geschichte für den Massengeschmack kompatibel zu machen.

So ist „Das Parfum“ bei erster Ansicht dann auch ein scheinbar rundum zufrieden stellender Film, der in opulenter Ausstattung schwelgt und das „dreckige“ Leben des 18.Jahrhunderts in aller Detailfreudigkeit sichtbar macht. Die philosophischen Anklänge wurden leichtverdaulich eingedampft, handlungsbedingte Unebenheiten geglättet und dramatisch so strukturiert, das alles im Fluß bleibt.
Tykwer schreckte vor nichts zurück, weder vor der finalen Orgie Tausender auf dem Hinrichtungsplatz, noch vor dem grausigen Ende, weder vor der Mordserie, noch vor der unterschwelligen Moral. Nur reicht das nicht.

Natürlich will und wollte Bernd Eichinger das Geld wieder hereinbekommen, das er ausgegeben hat und damit orientiert er sich stets an dem Vehikel Handlung, was auch schon den historischen Roman im Roman „Der Name der Rose“ in ein effektives Kriminalspiel verwandelte, Film von Weltgeltung, visuelle innovative kann so jedoch nicht entstehen.

Das wesentliche Problem des Romans ist es, den überragenden Geruchssinn Grenouilles in Bilder zu fassen, was eigentlich nicht möglich ist. Der Roman erlaubt es, durch auktoriale Erzählweise, Einblicke in den verkümmerten, introvertierten Soziopathen zu gewinnen, der im Buch so gut wie nie redet, der Schauspieler muß die Figur dementsprechend durch Mimik zum Leben erwecken.
Shakespeare-Mime Ben Wishaw tut dann auch sein Möglichstes, gleichzeitig abstoßend, geheimnisvoll und auf abstruse Weise attraktiv zu wirken, damit das Publikum nicht ablehnend reagiert. Also wird aus dem Zerrbild Grenouille ein seltsam schweigsamer junger Mann mit bohrendem Blick, was noch akzeptabel ist.

Relativ einfallslos wurde jedoch genau das umgesetzt, was den Reiz der Geschichte ausmacht: der Geruchssinn selbst.
Dafür findet Tykwer leider keinerlei Bilder, obwohl man in modernen TV-Zeiten praktisch erwartet, CGI-gerecht in die Nasenporen des Mörders per Kamerafahrt einzutauchen.

Anfangs ist das noch tolerabel, wenn etwa der besondere Sinn Grenouilles sich selbst als erzählender Antrieb genügt und auch die Mirabellenszene (der erste, versehentliche Mord) gerät akkurat. Später jedoch zerfällt der Reiz in die erzählerischen Untiefen der Geschichte.
Ein einziges Mal, wenn Parfumeur Baldini die verbesserte Version des Konkurrenzparfums erfährt, greift Tykwer zu Bildern: um Baldini herum entsteht das Bild eines verzauberten Frühlingsgartens mit dem Abbild einer jungen, vergangenen Liebe.

In der Folge wird auf solche Hilfsmittel leider komplett verzichtet, sieht man von der abgenutzten Kamerafahrt über Land einmal ab, mit der Grenouille sein letztes Opfer über viele Meilen verfolgt. Folgerichtig, aber einfallslos.

Das ist besonders schade im Falle des Filmhöhepunkts, als der Mörder sich kraft seiner Schöpfung aus der Henkersschlinge befreit und das geifernde Publikum mit all seinen Zwängen gleich mit. Die mordlüsterne Menge sinkt zeitlupenhaft zu Boden und geht sich dezent nach und nach an die Wäsche, keine Spur von der Ausbreitung des Dufts, seiner Wirkung auf den Einzelnen, von der alles enthemmenden Rauschhaftigkeit der totalen Unschuld. Wo andere Regisseure ein Tabu gebrochen hätten, bietet Tykwer ein Abziehbild der Romanszene, das nichts von der Kraft und Lebendigkeit des geschriebenen Wortes transportiert.

Ganz abgesehen davon, dass der Film an sich schon daran scheitert, dass das Skript offenbar vorsorglich den intellektuellen Fähigkeiten des Publikums misstraut, indem es jede Szene, die sich nicht automatisch durch gesprochenen Dialog selbst erklärt, durch die Erläuterungen eines Off-Kommentators zukleistern lässt (in diesem Fall Otto Sander, immerhin eine sehr angenehme Stimme).
Auch der „letzte Scheiß“ wird hier noch erklärt, um dem Zuschauer ja keine Transferleistungen zumuten zu müssen, was die Simplizität der Bilder natürlich noch fördert.
Ist es also schwierig, etwas zu visualisieren, erklärt uns praktisch Peter Lustig, was wir sehen.
Geschickter wäre es da gewesen, Sander sparsam in einen einseitigen Dialog mit Grenouille selbst treten zu lassen, um Widersprüche sichtbar zu machen – auf die hier vorliegende Art und Weise wirkt es zumeist unpassend und lästig, besonders in Fällen, in denen die Bilder selbst erklärend sind (etwa bei Baldinis Schicksal, das auch noch extra unspannend mehrfach durch Knarrlaute angedeutet wird).

So können die Schauspieler nicht mehr als Dienst nach Vorschrift leisten, obgleich fast alle recht passend ausgesucht wurden. Wishaw macht das Beste aus dem Part und Hoffman schafft es, die nötige Leichtigkeit in die Handlung zu integrieren, so dass man die Parfumeur-Episode am besten in Erinnerung behält. Wie immer solide auch Alan Rickman als besorgter Vater, während jedoch „Neuentdeckung“ Rachel Hurd-Wood kaum überzeugen kann (was allerdings durch die Vorlage vorgegeben ist), gegen Karoline Herfurths Kurzauftritt kann sie aber nicht „anstinken“.

Ansonsten gibt es wenig graphische Details, die Morde werden buchgetreu ausgespart, nur die Opfer gezeigt, die Ironie der Vorlage (jeder, der von Grenouille profitiert, erleidet ein schlimmes Schicksal) wird durch den Erzähler verflacht; was bleibt ist ein hübsches, aber oftmals seelenloses Schaustück, das nur in den Eröffnungsszenen rund um den Pariser Fischmarkt es versteht, den „Geruch“ auch ruchbar zu machen.

Für das Publikum, das sich trotz aller Sensationsgeilheit eh nur Gedanken darum macht, ob man den Film problemlos verdauen könnte, ist Tykwers Film wie geschaffen, einen Platz in der Filmgeschichte kann man mit dieser leisen Kapitulation vor kreativen Herausforderungen nicht gewinnen.

Ein schöner Film, aber leblos. Und was nicht lebt, riecht allenfalls verrottet.
„Das Parfum“ dagegen nimmt eine noch enttäuschendere Zwischenposition ein – es ist genauso geruchsneutral wie sein Protagonist. (6/10)


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