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Parfum - Die Geschichte eines Mörders, Das (2006)
Eine Kritik von kruchtenkaiser (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 03.11.2006, seitdem 725 Mal gelesen
Ja, was ist das nur, was ist das nur? Thriller? Drama? Krimi? Oder „Opas Märchenstunde“? Im Falle von „Das Parfum“ fällt eine richtige Einordnung des Gesehenen schon irgendwie schwer. Das liegt sicherlich zu einem Großteil an der erstklassigen literarischen Vorlage Patrick Süskinds, das liegt aber auch elementar darin begründet, wie Regisseur Tom Tykwer diese Vorlage verfilmte…
1738 wird Jean-Baptiste Grenouille (Ben Wishaw) mitten im Trubel und Gestank des Pariser Fischmarkts geboren und sogleich wie so einige andere Kinder zuvor von seiner Mutter im Fischabfall liegen gelassen. Der frühe Tod scheint ihm genau so sicher wie all seinen Vorgängern. Doch Jean-Baptiste weiß sich zu wehren. Ein Schrei und er ist seines Lebens sicher und beschert seiner Mutter den Tod durch Hinrichtung. Mit dem Heranwachsen entdeckt Grenouille, dass er mit einem besonderen Geruchssinn gesegnet ist, der ihn Dinge riechen lässt, die andere Menschen nicht riechen. Nach einer schweren Kindheit beginnt Jean-Baptiste schließlich eine Ausbildung beim Parfumeur Baldini (Dustin Hoffman), immer vom Ziel getrieben, den ultimativen Duft der Düfte zu kreieren. Diesen Duft findet der junge Parfumeur schließlich im Geruch junger, unschuldiger Mädchen und so wird Grenouille zum nach Düften jagenden Mörder…
Diese Geschichte, die in der Vorlage vor allen Dingen durch die detaillierte Beschreibung der verschiedensten Düfte und eine extreme Dialoglosigkeit besticht, sollte Tom Tykwer unter der Federführung von Star-Produzent Bernd Eichinger nun als opulenten Kostümfilm auf die Leinwand bannen. Dabei begeht Tykwer den elementaren Fehler (im Auge des Kenners der Vorlage) und zugleich den goldrichtigen Kniff (für denjenigen, der die Vorlage nicht kennt), scheinbar Unnötiges auszusparen, für das Vorantreiben des Plots Relevantes hinzuzudichten und bereits Vorhandenes großzügig auszuschmücken. Alles natürlich im Rahmen der freien künstlerischen Entfaltung, versteht sich. Dass das bei dem einen oder anderen Liebhaber der literarischen Vorlage zu Bauchschmerzen geführt haben könnte, ist vorstellbar. Aber als eigenständiges filmisches Kunstwerk funktioniert Tykwers „Das Parfum“ hervorragend.
Mit einem starken Budget im Rücken jongliert Tykwer nun förmlich mit opulenten Einstellungen, die den Filmfreund ein ums andere Mal mit der Zunge schnalzen lassen und die ihren Höhepunkt in der bereits jetzt legendären Massenorgie auf dem Hinrichtungsplatz in Grasse finden. Tykwer kleckert nicht, er klotzt, und das bereitete nicht nur ihm offensichtliche Freude, sondern es bereitet in seiner finalen Form auch dem Zuschauer richtig Spaß.
Ebensoviel Spaß schien vor allen Dingen Dustin Hoffman bei der Interpretation seiner Rolle des Parfumeurs Baldini gehabt zu haben. Er erscheint als ebenso perfekte Besetzung wie der zuvor gänzlich unbekannte Ben Wishaw in der Rolle des Jean-Baptiste Grenouille, der zugleich einen der gelungensten Schachzüge des Duos Eichinger/Tykwer darstellt: Statt auf die Macht eines bekannten Gesichtes zu vertrauen, setzten die beiden alles auf das unverbrauchte Gesicht Wishaws, der gerade durch diese Aura des noch Unbekannten und den Bonus dessen, dass man ihn noch nicht mit anderen Rollen assoziiert, auf voller Linie punkten kann. In den Nebenrollen glänzen überdies die junge Rachel Hurd-Wood in der Rolle des begehrenswerten letzten Opfers Grenouilles durch ihre engelsgleiche äußerst leinwandwirksame Erscheinung, Jessica Schwarz als Prostituierte vor allen Dingen durch nackte Tatsachen und Corinna Harfouch als vorübergehende Arbeitgeberin Grenouilles durch schon fast preussisch anmutende Kantigkeit.
An den Darstellern liegt es keineswegs, dass „Das Parfum“ letzten Endes doch noch (relativ knapp) am Status des Meisterwerks vorbeigeschrammt ist, zu dem es im Vorfeld bereits gerne hochstilisiert wurde. „Das Parfum“ krankt an ganz anderer Stelle: es fehlt Tykwer bei all seiner Verspieltheit, die er beim Kreieren immer beindruckenderer Bilder an den Tag legt, der Blick für seine Figuren. Zu oft erscheinen sie eher wie Schachfiguren auf dem Spielfeld eines bildenden Künstlers denn als mit Leben und vor allen Dingen mit einer Seele ausgestattete menschliche Wesen. Dass gerade diese Stärke der Vorlage bei der Adaption des Drehbuches stiefmütterlich behandelt wurde, ist der wohl größte Vorwurf, den Eichinger und Tykwer gegen sich gelten lassen müssen.
Dass mit Otto Sander eine der bekanntesten Stimmen Deutschlands für die Rolle des Erzählers verpflichtet wurde, ist für „Das Parfum“ Fluch und Segen zugleich. Seine sonore Stimme vermag zwar, das Gesehene (und nicht Gesehene) eindrucksvoll zu kommentieren, aber bereits beim ersten Erklingen seiner Stimme kann man sich nicht gegen den Eindruck wehren, dass man es hier auch ebenso gut mit einem Märchenfilm zu tun haben könnte. Der düsteren Atmosphäre wird Sander durch das Entwickeln dieses Eindrucks auf jeden Fall nicht zu 100% gerecht. Tykwer ist es dennoch gelungen, eine recht ansprechende Mischung aus Drama und Thriller mit einem Hauch Kriminalgeschichte zu erschaffen, die es sogar oft genug schafft, dann doch aus dem selbst geschaffenen märchenhaften Image herauszubrechen und eine bedrohliche Grundstimmung aufzubauen.
Trotz kleinerer Schönheitsfehler kann man Tykwer konstatieren, dass er aus dem Stoff, dem lange Zeit das Prädikat der Unverfilmbarkeit anhaftete, ein erstklassiges Filmerlebnis geschaffen hat, das zu begeistern und zu fesseln weiß. 8,5/10
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