Parfum - Die Geschichte eines Mörders, Das (2006)
Eine Kritik von holgocop (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 23.03.2007, seitdem 451 Mal gelesen
Geboren als Genie, verdammt zu einem Mörder aka Das Parfum, die Geschichte eines Mörders
Ich hätte nicht gedacht dass es mir derart schwer fallen würde eine Kritik über Tom Tykwer´s Bestseller-Verfilmung zu schreiben. Doch schon während ich nur diese ersten Worte auf der Tastatur tippe, spüre ich, dass dieses Review länger und anstrengender wird als ich will.
Tykwer also, der Rebell, der mit "Lola rennt" unserer Sehgewohnheiten umkehrte und uns endlich neuen Wind im deutschen Film einbrachte. Dieser Mann hat es also geschafft sich gegen Regisseure wie Spielberg oder Kubrick durchzusetzen und die Rechte eines Romanes zu ergattern, der bis dato als unverfilmbar galt. Von Tausenden sehnlichst erwartet, und von noch mehr Menschen befürchtet. Was Patrick Süßkind dazu bewegte doch noch einer kommerziellen Ausschlachtung seines Werkes zuzustimmen werden wir wohl nie so genau erfahren, fest steht aber, dass er wohl eine gehörige Portion Vertrauen in den Deutschen Regisseur setzte. Im nachhinein wird es im mit Sicherheit leid tun, denn - und das steht fest, positive Kritiken hin oder her - Tykwer´s Film wird der literarischen Vorlage nicht gerecht. Ob Eichinger´s Produktion ("Resident Evil" !) da deutlich Mitschuld hat, könnte ich mir gut vorstellen, denn schließlich hat er sich in den letzten Jahren auf Publikumswirksame und Massenkompatible Projekte versteift, die allesamt jegliche Eigenständigkeit, Inspiration oder Klasse missen ließen.
Genau das ist auch das Problem beim Parfum. Beziehungsweise nicht ganz. Denn Nichtkenner der Buchvorlage dürften mit "Das Parfum" etwas vor den Kopf gestossen werden. Das Ende wird wohl niemanden, der sich nicht einst von Süßkinds Werk fesseln ließ, befriedigen. Dennoch arbeitet der Film mit sämtlichen bekannten Mitteln der Publikumswirksamkeit. Im Klartext heißt das: Aufwändige Kulissen, wilde Kamerafahrten, massig CGI´s und ein wenig Humor. Doch tut das dem Film gut ? Wäre ein Regisseur á la Stanley Kubrick, dieses minimalistisch arbeitende, leider mittlerweile verstorbene Genie, nicht besser für diesen Stoff geeignet gewesen ? Die Antwort muss Zwiespältig ausfallen.
Gerade die erste Stunde besticht bei Tykwer nämlich durch ihre morbide, düstere Einführung des Charakters Grenouille. Der Theaterdarsteller Ben Wishaw macht seine Sache wirklich gut und präsentiert uns, wie eben auch im Buch, einen Charakter den man weder lieben noch hassen kann. Einen Menschen, der in gewisser Weise neutral bleibt, ebenso wie sein eigener Körpergeruch. Eine Identifikation ist nicht möglich, war aber nie beabsichtigt, ebenso wie ein tieferer Hass auf dieses Opfer seiner eigenen Fähigkeiten, seiner besonderen Gabe, eigentlich nicht möglich ist.
Jetzt gehöre ich zu den wenigen Menschen meines Alters die Süßkind´s Parfum nicht als Schullektüre sondern tatsächlich freiwillig gelesen haben. Einer Interpretation desselbigen konnte ich daher nie beiwohnen, sondern musste selbst versuchen die Intention des Authors feststellen. Allem voran muss man ganz deutlich sagen dass "Das Parfum" hauptsächlich einfach nur großer Lesespass ist. Es lässt sich leicht und flüssig konsumieren, ohne Hänger oder überflüssigen Passagen. Und ja, auch der Film hat diese Stärke. Trotz einer Dauer von 2 1/4 Stunden wird die Inszenierung nie langweilig. Das liegt vor allem natürlich am Hauptdarsteller. Allerdings wartet hinter der Fassade des auf anspruchsvoll angelegten Popcorn-Kinos nicht allzuviel mehr auf den Betrachter. Während Süßkind uns von einem Menschen erzählt der keine Identität (Geruch) hat, diese von anderen Leuten klaut und am Ende nicht nur geliebt sondern tatsächlich zu Tode geliebt wird, fällt dieser Aspekt irgendwie unter den Tisch. Ich weiß nicht einmal genau woran es liegt, nur das Ende bleibt beliebig und ist nach dem Abspann schon fast wieder aus dem Gedächtnis getilgt.
"Zum ersten Mal in ihrem Leben, so glaubten sie, hatten sie etwas aus Liebe getan."
Hatte ich während der Lektüre bei diesem abschließenden Satz schon fast eine Gänsehaut bekommen, fand ich ihn in der Verfilmung eher tröge und nichtssagend. Es ist wirklich eigenartig, und fast muss man von einem Phänomen sprechen, denn eigentlich macht der Regisseur genau das was auch der Author des Buches machte. Er erzählt uns eine Geschichte. Vielleicht mit etwas mehr Dialogen, etwas mehr effektheischerischen Szenen, aber dennoch hält sich "Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders" ziemlich an den Roman.
Aber, da die Geschichte für den typischen Kinobesucher doch eher uninteressant sein müsste und im Großen und Ganzen auch wohl schlecht bis gar nicht nachvollziehbar, bleibt als Zielpublikum eigentlich nur der Kenner der Vorlage. Davon gibt es schließlich eine ganze Menge, so dass man trotz allem mit einem Blockbuster hätte rechnen können. Aber während der Film einerseits den Nichtkenner vor den Kopf stößt, präsentiert er dem Leser Szenen die unfassbar dämlich und überflüssig sind:
*SPOILER* Als Laura am Ende von Grenouille ermordet wird, geschieht das im Off und der Zuschauer soll überrascht werden. Hat er sie nun oder hat er sie nicht ? Doch warum diese Szene ? Jeder der die Vorlage, oder auch nur einige Hintergründe kennt, weiß dass sie sterben muss, wie wäre sonst die letzte Essenz möglichg ? Solche Szenen sind unsinnig und schlichtweg bescheuert. *SPOILER ENDE*
Durch eben solche Elemente wirkt Tykwer´s Version einfach unausgegoren und schlecht durchdacht. Eine tiefere Symbolik, irgendetwas mystifizierendes, etwas das "Das Parfum" aus der Beliebigkeit herausholt sucht man vergeblich. Trotz eines beeindruckenden Staressembles und perfekter Ausstattung wirkt der Film dadurch herzlos oder zumindest seelenlos. Seltsam ist hierbei, dass es gerade in der ersten Stunde anders ist. Wenn Grenouille in die Pariser Innenstadt kommt und wie ein kleines Kind alles neu erlebt sind wir als Zuschauer dabei und fühlen mit ihm, lernen mit ihm die Stadt kennen. Viele haben an dieser Stelle schon geschrieben, dass die Episode mit Dustin Hoffman als Parfumeur Baldini die Stärkste sei. Und ja, das stimmt. Hoffman schafft es tatsächlich seiner Figur ein ungeheures Stück Seele einzuhauchen. Sie greifbar zu machen. Dagagen haben eigentliche Nebendarsteller wie Karoline Herfurth einfach keine Chance. Abgesehen davon, ich weiß nicht irgendwie finde ich diese Frau unansehnlich. Obwohl auch das ist falsch ausgedrückt. Besser wäre, sie ist unansehnlich in diesem Film ! Wäre sie doch lieber bei ihren Rollen wie "Mädchen, Mädchen" geblieben. Hier wirkt sie ungelenk und unpassend. Warum sie dennoch andauernd in nervigen Erinnerungsfetzen Grenouilles auftaucht führe ich darauf zurück, dass man der deutschen "Prominenz" etwas mehr Spielraum zugestehen wollte. Doch das ist weder sinnvoll noch gut.
Auf dem Weg nach Grasse werden wir dann Zeuge der letzten wirklich gelungenen Szene. Als Jean Baptiste Grenouille zu ersten Mal seine Muse, Laura, riecht, werden wir von der hypnotischen Kamera und dem unsagbar schönen Soundtrack gefangen genommen. Die einzigen 10 Minuten des Films die komplett ohne Worte auskommen sind gleichzeitig die Stärksten. Und hier fühlte ich mich dann doch tatsächlich an das Buch erinnert, das in ähnlich psychedelischer Form von meinem Geist Besitz ergriff.
Wäre jedoch ein Regisseur wie Kubrick besser geeignet gewesen ? Schließlich war er doch bekannt für ausufernd lange Kamerafahrten in denen kaum etwas geschieht, die einfach nur die Bilder für sich sprechen lassen. Jein, denn ich bin mir sicher Stanley hätte zu minimalistisch gearbeitet. Das pompöse, degenerierte und überladene der Kulissen ist ausgesprochen gut und vermittelt einen Einblick in die damalige Zeit. Und das hätte der Meister sicher aussen vor gelassen.
Gut, gut ich merke schon, ich muss langsam zum Ende kommen.
Also, wie gesagt das Ende wird - auch auf Grund einiger Schnitte, die ein wenig Zwischenhandlung vermissen lassen - für Nichtkenner der Vorlage ein Problem darstellen. Und leider ist es das auch für den Leser des Romans. Wenn Grenouille wie E.T.A. Hoffmann´s "Klein Zaches" auf dem Henkersplatz steht und auf einmal von allen bewundert wird, sein mit dem perfekten Parfum versehenes Taschentuch schwenkt und es schließlich in die Menge wirft, wirkt das einfach unfreiwillig komisch um nicht zu sagen lächerlich. Die Massenorgie, und vor dieser Stelle hatte ich bei einem deutschen Regisseur am meisten Angst, wirkt im Gegensatz dazu schon fast poetisch und ist meiner Meinung nach bestens umgesetzt. Der letzte Versuch, jedoch, Grenouille eine menschliche, sympathische Note zu geben schlägt völlig fehl, schon auf Grund einer weiteren überflüssigen Szene mit Frl. Herfurth.
Und so bleibt ein wahrlich zwiespältiger Eindruck.
Schauspieler, Kamera und Ausstattung sind beeindruckend. Nur alles aussen rum, jegliche Seele des Films muss vermisst werden. Es scheint als hätte Tykwer Angst vor seiner eigenen Courage gehabt ausgerechnet solch ein Buch zu verfilmen.
Eine Bewertung unter 7 Punkten ist nicht möglich. Dafür ist der Film zu gut und besitzt zuviele tolle Stellen, alles darüber verscherzt sich "Das Parfum" allerdings durch die durchschnittliche Ausführung. Ausgerechnet bei dieser Geschichte hätte man auf Massenkopatibilität verzichten müssen.
Tja, Tom Tykwer ist also endgültig in Hollywood angekommen, und sein bisher größter Film ist gleichzeitig sein Requiem.
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