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Parfum - Die Geschichte eines Mörders, Das (2006)
Eine Kritik von RoedeBaer (Bewertung des Films: 6/10) eingetragen am 28.01.2008, seitdem 294 Mal gelesen
Tom Tykwer und Bernd Eichinger haben hier also den Roman Das Parfum von Patrick Süskind verfilmt, einen Stoff, der lange Zeit als "unverfilmbar" galt - wie so viele andere Romane vor ihm auch schon. Dass die Verfilmung eines angeblich unverfilmbaren Stoffes durchaus gelingen kann, wenn man nur die richtigen Schwerpunkte setzt und dem ursprünglichen literarischen Stoff eine persönliche visuelle Note hinzufügt, hat schon Jean-Jacques Annaud mit Der Name der Rose bewiesen. An Das Parfum durfte sich nun also eine deutsche Größe in Person von Bernd Eichinger versuchen. Doch zunächst zur
Handlung:
Paris im 18.Jahrhundert. Die Weltstadt versinkt im Dreck. Allenorten Müll und Abfall, ungewaschene und stinkende Menschen, Armut und Gier. Die aufkommenden Wissenschaften treiben seltsame Blüten, der Adel verlustiert sich, der kleine Mann darbt. Inmitten dieser Szenerie wird der kleine Jean-Baptiste Grenouille (später dargestellt von Ben Whishaw) hineingeboren, dessen Mutter auf dem Fischmarkt eine Sturzgeburt durchlebt. Ungeachtet aller Widrigkeiten stirbt der kleine Klumpen Mensch inmitten von Fischgekröse und sonstigem Abfall nicht ebenso sang- und klanglos, wie seine diversen Vorgänger (denn für die Mutter ist diese Situation anscheinend nichts neues). Sein Schreien wird von Passanten wahrgenommen, er selbst entdeckt - und seine Mutter kurz darauf wegen versuchten Kindsmordes auf dem Schafott hingerichtet. Man könnte sagen, Grenouille habe hier bereits sein erstes Opfer gefunden.
Denn Jean-Baptiste Grenouille ist kein gewöhnliches Kind, er soll vielmehr als einer der grausamsten Serienmörder in die Geschichte des 18. Jahrhunderts eingehen. Oder genauer gesagt eben nicht eingehen. Denn Grenouille verfügt eine besondere Gabe, die ihn für andere Menschen völlig unwahrnehmbar macht: Er verfügt aus genetischen Gründen über keinen Eigengeruch. Als Ausgleich ist er mit dem wohl ausgeprägtesten Geruchssinn gesegnet, den je ein Mensch sein eigen nennen durfte. Er ist in der Lage, jeden Gegenstand, und sei er auch noch so geruchlos, zu erschnuppern und olfaktorisch (geruchsinnlich) zu sezieren: Steine, Glas, Insekten - all das kann er über Kilometer hinweg geruchlich orten und zerlegt die einzelnen Düfte in seinem Gehirn in tausende einzelner Geruchspuren, die er gedanklich wie Puzzleteile zu neuen und bisher nie dagewesenen Gerüchen kombiniert. Umso mehr leidet er unter der Tatsache, dass er selbst über keinerlei Geruchsausscheidung verfügt, was sein Leben fortan einem perfiden Masterplan unterordnet: Er will sich seinen eigenen, vollkommenen Geruch herstellen. Und hierfür geht er über Leichen, denn sein Plan sieht vor, die schönsten Gerüche einzelner Menschen einzufangen, miteinander zu kombinieren und so den ultimativen Wohlgeruch für sich selbst zu erschaffen, auf dass die Menschen ihn fortan wahrnehmen und lieben sollen.
Patrick Süskind erschafft in seiner Romanvorlage eine Welt voller Gerüche. Menschen nehmen sich hier nicht etwa visuell dar, sondern unbewusst über ihren Geruch. In der Praxis bedeutet das beispielsweise, dass wir ein junges Mädchen nicht etwa deswegen schön finden, weil es attraktiv ist, sondern weil es über einen attraktiven Körpergeruch verfügt. Dieser Geruch lässt uns einen Menschen erst wahrnehmen und beurteilen, er macht das Mädchen für uns erst schön. Im Umkehrschluss ist Grenouille für seine Mitmenschen aufgrund seines fehlenden Eigengeruchs quasi nicht wirklich vorhanden. Man sieht ihn zwar, nimmt ihn aber kaum wahr. Geht er an einem vorüber, ist er in dem Augenblick vergessen, in dem man ihn aus den Augen verloren hat. Setzt man sich mit ihm auseinander, bleibt ein unbestimmtes und unangenehmes Gefühl, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt. Zuweilen grausen sich die Menschen gar vor ihm, nur aufgrund seines fehlenden Geruchs.
Diese Umstände führt uns Süskind in seinem Buch sehr plastisch und in schwelgerischen Beschreibungen vor Augen. Grenouille wird zum Getriebenen. Als Kind schon entwickelt er sich zum Außenseiter, zum Soziopath, der nur die nötigsten Worte herauswürgt, wenn es gar nicht mehr anders geht. Die Amme, bei der der Säugling nach der Hinrichtung seiner Mutter landet, gruselt sich vor ihm, die anderen Kinder im Kinderheim versuchen ihn mit einem Kissen im Schlaf zu ersticken, bis er schließlich als junger Mann in den Gerbergruben von Paris landet, wo er sklavengleich inmitten des größten Gestanks, den man sich nur vorstellen kann, arbeiten muss.
Bis er eines Tages eine Lederhaut an den Parfümeur Baldini ausliefern soll und bei ihm die Welt der konservierten Gerüche entdeckt. Akribisch verschafft er sich eine Lehrstelle bei Baldini und kann endlich sein Werk - anderen Gegenständen und Wesen ihren Geruch zu entziehen, um ihn sich selbst zu eigen zu machen - beginnen.
Der Roman:
Das Parfum entführt den Leser in eine Welt der Gerüche, der kauzigen Charaktere, der menschlichen Abgründe, der Verzweiflung und Besessenheit des Hauptprotagonisten, dass es eine Freude ist. Er erzählt die zuweilen grausige Geschichte stets mit einem süffisanten und ironischen Unterton, der für Kurzweil und Amüsement sorgt, ungeachtet der beschriebenen Geschehnisse. Süskind breitet wortgewand die bisher unbekannte Welt der Gerüche vor uns aus, bis wir meinen, selbst trockenen Stein in der Mittagssonne riechen zu können. Aus dieser Erzählweise zieht der Roman seine Stärken, das macht ihn einzigartig und hochinteressant.
Der Film:
Um es vorweg zu nehmen: Eichinger erzählt hier die Buchvorlage im Großen und Ganzen akkurat nach. Er beschreibt die wichtigsten Stationen im Leben Grenouilles, zeigt uns seine ersten Morde, seine ersten Triumphe und seine ersten olfaktorischen Niederlagen. Insofern kann Das Parfum als eine akkurate Nacherzählung der Buchvorlage zählen, wobei sie leider die wichtigste Zutat des Romans außen vor lässt - die eigentliche Seele des Buches. Vom Witz und der Ironie des Erzählers ist nichts übrig geblieben. Dafür entwickelt sich Grenouille im Film zu einem zwar wortkargen aber weitaus weniger soziophatischen Typen, als er im Buch beschrieben wird.
Die einzige Nebenfigur, die Eichinger liebevoll auferstehen lässt, ist der schrullige Parfümeur Baldini (Dustin Hofmann), die übrigen Protagonisten werden in ihrem ursprünglichen Charme bestenfalls angerissen. Kleinere Details oder Zwischenstationen, die der Romanvorlage ihr Leben eingehaucht haben, wurden entweder aus dem Filmskript gestrichen, oder werden im Schweinsgalopp abgehandelt. Die Geruchsebene, die eigentliche Welt Grenouilles, wird leider wenig innovativ umgesetzt, und so muss der Zuschauer hier die Rolle des emotionslosen Betrachters auf sich nehmen, anstatt seinem neugierigen Voyeurismus frönen zu können.
Meinung:
Das Parfum ist ein handwerklich solides Werk. Die Kulissen stimmen, die Schauspieler sind ebenfalls akzeptabel bis gut besetzt, aber dennoch vermag der Funke nie recht überzuspringen. Zu emotionslos wird uns hier die Geschichte präsentiert, so dass man weder zum Hauptprotagonisten noch zu den Nebenfiguren einer wirkliche Nähe aufzubauen vermag. Das liegt meiner Meinung nach vor allem im Verzicht auf die augenzwinkernde Ironie des Originals.
Die Geschichte an sich ist komplett und sauber erzählt, aber - um in den Bildern Süskinds zu sprechen - ihr fehlt eindeutig der Eigengeruch.
P.S. Wer den Roman nicht gelesen hat und sich mit dem geschriebenen Wort noch nie so recht anzufreunden vermochte, wirft am besten einmal ein Ohr in die Hörbuchversion. Hier wird die Atmosphäre der Romanvorlage liebevoll und akkurat eingefangen.
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