00:42 Uhr – Der geplante Test muß leider abgeändert werden, das Testsubjekt zum Thema "Wie viel Musical erträgt der Gorebauer?“ ist in letzter Minute ausgefallen, der Freitod schien ihm, bei der Aussicht was ihn hier erwarten würde, leichter zu fallen.
Das neue Thema lautet nun "Wie viel Musical erträgt ein harter Kerl?“, und zum Wohle der Wissenschaft, ja vielleicht sogar der ganzen Menschheit, werde ich den Versuch an mir selbst durchführen, so kann der Leser wenigstens von 120%iger Objektivität ausgehen.
Das Testobjekt ist der Film "Dreamgirls“ von Bill Condon aus dem Jahr 2006.
Ich bin geistig und körperlich in bester Verfassung, mein Puls liegt bei 60 Schlägen pro Minute, die Körpertemperatur beträgt 36,5 Grad Celsius.
Ich drücke nun die Play Taste.
00:46 Uhr – Ich bin irritiert, und das nicht weil bis jetzt nur Neger singen und tanzen (ich hoffe, da kommen noch ein paar “echte“ Identifikationsfiguren), sondern weil Ray Charles auf einmal sehen kann und Urkel keine Brille mehr trägt, die Wunder in der Medizin überraschen mich jeden Tag aufs Neue.
Der Partner vom obersten Antisemiten Hollywoods spielt auch mit, hoffentlich wird das kein Spike Lee Joint...
Der Puls liegt bei 63, Temperatur ist normal.
00:47 Uhr – Ich blute aus den Augen, die fette Schwester hat ihren ersten Auftritt, gehen Oscars jetzt neuerdings nach Gewicht?
Puls und Temperatur kurioserweise unverändert.
00:51 Uhr – Die Augen bluten nicht mehr und haben sich an das fette Bild gewöhnt, und der Wal kann singen, aber Hallo!, das hätte ich nicht gedacht.
00:55 Uhr – Der Film überrascht mich erneut, statt ununterbrochenem Singsang, scheint sich hier eine gute Künstlerbiographie zu entfalten, Eddie Murphy mit "The Artist Formerly Known As Prince" Gedächtnis-Frisur ist außerdem garantiert gut für die ein oder andere Pointe.
01:04 Uhr – Eddie Murphy ist hier zwar kein zweiter "Pluto Nash“, dafür kann er sowohl singen als auch ernsthaft schauspielern.
Die Story beginnt langsam, mich in ihren Bann zu ziehen, gesungen wird hier nur dezent auf der Bühne und nicht beim Eierkauf; der Film hat Potential, mal sehen, ob er das auch vollständig ausschöpfen kann.
01:07 Uhr – Endlich ein paar Weiße im Bild, die Musik wird auch gleich viel besser, die Schwestern scheinen davon allerdings nicht so begeistert zu sein...
01:08 Uhr – Weiße haben schon immer schwarze Musik als ihre eigene ausgegeben, allen voran Elvis Presley?
Das macht mich sauer, ich hoffe, Ray und die Schwestern fangen jetzt an, ordentlich Ärsche zu treten.
Puls liegt bei 150, Temperatur normal.
01:11 Uhr – Grade zum ersten Mal gekotzt, statt Ärsche zu treten wird lediglich gesungen und getanzt, jetzt auch neben der Bühne, das Grauen des Musicals überkommt mich - zum ersten Mal in meinem Leben habe ich richtige Angst.
Puls 180, Temperatur 37,5.
01:25Uhr – Der Film hat sich inzwischen wieder gefangen, daß der moppeligen Schwester grade das Herz gebrochen wird, weil die Hübsche jetzt vorne singen darf, stimmt mich aber ein wenig traurig - ich scheine auf meine alten Tage doch zu verweichlichen.
01:26 Uhr – Von jetzt an steht ein Eimer neben meinem Sessel, Moppel muß ihren Frust natürlich erst mal wegsingen, und ich mich dabei erneut übergeben – die Gänsehaut kehrt zurück.
01:39 Uhr – Der Eimer ist voll, und die Göbelphase überwunden, die Lachphase setzt ein, was mir da vorgesetzt wird, kann nicht ernst gemeint sein, vor und hinter der Bühne wird jetzt gesungen.
Ich hoffe, daß mein hysterisches Lachen keine Nachbarn aufschreckt.
01:47 Uhr – Ich muß wohl kurz ohnmächtig geworden sein, aber als ich wieder aufwache, ist das Gesinge vorbei, und die Dicke hat ordentlich abgenommen, sieht sogar richtig gut aus.
Mein rechtes Ohr hat angefangen, langsam zu bluten, Puls ist okay, Temperatur 39.5, eine anhaltende Gänsehaut ist auch durch Andrehen der Heizung nicht wegzukriegen.
01:52 Uhr – Ja ist das jetzt ein David Lynch-Film? Die Dicke ist wieder dick und hat eine Tochter, dabei ist doch die hübsche Schwester mit Ray verheiratet, kann da mal bitte einer die Logiklöcher stopfen?
Inzwischen wird fast die komplette Handlung gesungen, weswegen wohl auch beide meiner Ohren heftigst bluten, was momentan nur durch das Hineinstopfen von Taschentüchern gestoppt werden kann.
01:56 Uhr – Ich beginne abzudriften, die Geschichte interessiert mich gar nicht mehr, da kommt mir die Zeitung grade recht, die Kanaren brennen, Antonioni ist tot, und der Arbeitsmarkt geht bergauf, wenigstens etwas gelingt heute.
02:09 Uhr – Eddie Murphys letztes Aufbäumen sichert ihm meine Aufmerksamkeit, ein winziges Highlight unter sonst schwülstiger Musik, schmalzigen Dialogen und gepflegter Langeweile.
02:13 Uhr – Das winzige Highlight ist tot, die Versuchung einfach auszuschalten deswegen sehr groß, aber ich bleibe standhaft, und zähle verbissen die verbleibenden Minuten.
02:22 Uhr – Meine Augen werden nur noch durch Streichhölzer offengehalten, daß die hübsche Schwester der dicken Schwester den Song klaut, ist so spannend wie das Telefonbuch, warum hat das eigentlich noch keiner gesungen? Meine Gedanken werden langsam wirr, mein Hirn matschig, der Film ist wohl die neueste Geheimwaffe der psychologischen Kriegsführung, blablubbubbeldibum.
2:38 Uhr – Ich erwache in einem Gemisch aus Kot, Urin und Kotze, aber wenigstens läuft der Abspann, ich habe es geschafft, Crumb: 1, Musical: 0, dagegen dürfte die chinesische Wasserfolter ein Kinderspiel sein.
Ich ziehe mir die Taschentücher aus den Ohren und schalte den DVD Player ab, anschließend klopfe ich mir selbstgefällig auf die Schulter, springe auf mein Pferd und reite gemächlich in den Sonnenuntergang.
3/10 Punkten