Eine Kritik von Apollon (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 05.10.2003, seitdem 892 Mal gelesen
Brian De Palmas "Scarface" erzählt die umfangreiche, aufregende, jedoch auch durchsichtige Geschichte über den Auf- und Abstieg des Toni Montana. Die Story ist dabei weit ausgelegt, aber in ihrem Verlauf oftmals etwas zu gewöhnlich und voraussehbar. Bis zur berühmt-berüchtigten Kettensägenszene bei dem unglücklich verlaufendem Deal lässt es De Palma auch vergleichsweise ruhig angehen, umso schneller hat sich Toni Montana dann aber später, bereits massenhaft Kohle scheffelnd, im Geschäft etabliert.
Der Hauptfigur selber lässt De Palma enorm viele Freiheiten. Als Toni das erste Mal in das Gangsterleben hineinschnuppert, ist er sofort begeistert vom Reichtum. Schon hier zeigt sich der große Anteil an Materialismus, der Tonis Charakter prägt. Er besitzt mindestens das Charisma und die Stärke, ein ebenso mächtiger Mann wie sein Boss zu werden, mit dem er sich bald sogar anlegt. Arrogant, ehrgeizig, selbstbewusst, souverän, egozentrisch, großmäulig und mit einem gewissen Mut zum Risiko - das ist Toni Montana. Er besitzt reichlich Durchsetzungsvermögen und ist zweifellos eine Führungsperson. Aber genauso ist er auch sehr kantig, auf eine gewisse Art ekelhaft und dadurch nicht wirklich eine Sympathiefigur. Dass er die Fähigkeit besitzt, andere Menschen unweigerlich ins Verderben zu stürzen, erfahren bald ebenfalls und so bleibt auch sein Untergang, angedeutet alleine schon durch den vom Koksen hervorgerufenen geistigen Verfall, nur eine Frage der Zeit.
Die Gewaltszenen beschränken sich bis auf die Kettensägenszene, die jedoch nicht übermäßig explizit ausfällt, auf blutige Schießereien, die in ihrer Frequenz genau richtig auf den Film verteilt sind. Der Showdown in der Villa fährt dann allerdings noch einmal größere Geschütze auf. Dieses Bild des in der Villa unter Drogen stehenden und wild durch die Gegend schießenden Kokainbarons diente nebenbei mitunter auch ein ums andere Mal als Vorlage für Computerspiele oder andere Filme. Die hier erklingenden und das Miami-Flair unterstreichenden Musiktitel, die im Übrigen wirklich Klasse haben, findet man in einem gewissen Computerspiel erstaunlicherweise ebenfalls beinahe alle wieder.
Ohne den überragenden Al Pacino wäre "Scarface" aber sicherlich nur halb so gut. Schon damals bewies er, mit welch ungeheuerer Intensität er sich in eine Rolle hineinversetzen kann. Wer weiß, was Brian De Palma ohne ihn zu Stande gebracht hätte. So hat "Scarface" bereits legendären Status, wird aber allgemein trotzdem etwas überbewertet. In jedem Falle gleichwertig sind nämlich auch De Palmas "Die Unbestechlichen".
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