Schon der Vorspann vor verträumter, weich gezeichneter Waldkulisse, zeigt, wie sehr sich „Cap und Capper“ der Tradition des Klassikers „Bambi“ verpflichtet fühlt. Die erhabene Schönheit der Natur wird in kräftigen Farben herausgearbeitet, der Zeichenstil ist extrem naturalistisch und verzichtet auf jegliche unnötige Stilisierungen. Der 24. Zeichentrickfilm in der Disney-Reihe ‚Meisterwerke’ besticht durch eine äußerst harmonische Nähe zur Natur und eine wunderbar ruhige Ausdruckskraft, ist aber gleichzeitig auch der Beginn einer kreativen Durststrecke für die Disney-Studios, die erst 1989 mit „Arielle“ zu alter Stärke zurückfinden sollten.
„Cap und Capper“ besiegelt die Ära der Disney-Filme unter der Aufsicht des Pioniers Wolfgang Reithermann, der schon an „Pinocchio“ (1940) beteiligt war und seit „101 Dalmatiner“ (1961) die Regie jedes abendfüllenden Zeichentrickfilms übernahm. Sein Stil brachte eine wagemutige Veränderung in das Disney-Konzept, behielt den Geist der frühen Meisterwerke aber nie aus den Augen. Unter Reithermann entstanden einige der beliebtesten Vertreter der Meisterwerk-Reihe, unter anderem „Das Dschungelbuch“ oder auch „Robin Hood“. Hier war der in München geborene Reithermann das letzte Mal an einem Film direkt beteiligt, er fungierte als Produzent und drückt dem Film ganz subtil seinen Stempel auf. Der Deutsche war Teil des wichtigsten kreativen Teams der Disney-Studios, genannt „The Nine Old Men“. Neun Veteranen, die eng mit Walt Disney persönlich zusammenarbeiteten und nach dessen Tod seine Visionen möglichst adäquat weiter zu führen.
Das Drehbuch bemüht sich weder um ein modern hohes Tempo noch um die Originalität eines „Bernard und Bianca“ sondern konzentriert sich ganz auf die süßliche Geschichte einer unschuldigen Freundschaft. Verzichtete „Bambi“ ganz auf eine merkliche Zeiteinteilung der Menschen, so ist die Geschichte hier mehr in der Welt der Menschen verankert: Es bleibt nicht dabei, das am Anfang Caps Mutter im Off von einem Jäger erschossen wird (auch hier wird unverkennbar „Bambi“ zitiert), auch seine Freundschaft mit Capper wird durch die Menschen sabotiert. Für mehrere Monate verreist der raubeinige Jäger, in dessen Obhut sich der kleine Jagdhund Capper befindet – für die beiden befreundeten Welpen entspricht diese Zeit der kompletten Jugend.
Dramaturgisch lässt sich „Cap und Capper“ also leicht in zwei etwa gleich große Abschnitte aufteilen: Die erste Hälfte zeigt die beiden als Jungtiere, anschließend sehen wir sie als ausgewachsene Tiere in der Blüte ihres Lebens. Auch diese Coming-of-age-Story ist „Bambi“ entlehnt, wobei hier mehr Augenmerk gelegt wird auf äußere Einflüsse und wie diese überwunden werden müssen in einer echten Freundschaft. Teilweise geht die kokettierende Balgerei von Hund und Fuchs schon leicht homophile Wege, natürlich ist jeglicher sexueller Aspekt interpretatorischer Natur, wie schon so oft bei Zeichentrickfilmen aus dem hause Disney, die nicht selten sehr facettenreiche Subtexte zur Analyse bieten. Vorliegender Film macht da keine Ausnahme, besonders da sich die sehr melancholische und nur wenig witzige Geschichte doch eher an ein reiferes Publikum wendet.
Schon lange Zeit vor „Cap und Capper“ war der Disney-Stil zur Perfektion gereift, allenfalls stilistische Experimente konnten noch für Abwechslung und Innovation sorgen. Technisch wirkt der Film wieder wie aus einem Guss, perfekte Animationstechnik wird kombiniert mit träumerischen Hintergrundbildern, die genauso wie der Ablauf der Geschichte keinerlei Platz für Redundanzen erlauben. Untermalt wird das Geschehen von einem schwelgerischen Score, der teilweise aufgepeppt wurde durch Country- und Hillbilly-Einflüsse, die beispielsweise den Verfolgungen den nötigen Schwung verleihen.
Liebevoll ist nicht nur das Charakterdesign der Hauptfiguren, auch die Randcharaktere sind wieder rundum gelungen, seien es die gutherzige Eule, die beiden stets hungrigen Vögel oder auch die kleine Raupe, die als Running Gag immer wieder knapp dem Tod entgeht. Skurrilität oder aufgesetzte Coolness bleibt glücklicherweise außen vor, hier regiert vollends das Niedlichkeitsprinzip. Aufgrund der warmherzigen Atmosphäre stößt dieser Aspekt aber nicht weiter auf, einzig die etwas pointenlosen Dialoge hätten etwas mehr Feinschliff vertragen können. Die deutsche Synchronisation steht zwar in der Tradition früherer Übersetzungen für Disney, ist in ihrer aufgesetzten Sweetness aber insgesamt doch sehr kitschig ausgefallen, trotz der tadellosen Leistungen von Thomas Danneberg und Randolf Kronberg. Das Original ist der deutschen Fassung deutlich überlegen, ein Vergleich lohnt sich bestimmt.
Sowohl optisch als auch inhaltlich ist die Gestaltung auffällig altmodisch, was schon in der zeitlosen Geschichte und deren Vermittelung ebenso universeller Werte begründet ist, zusätzlich aber untermauert wird: Beispielsweise sehen die Fahrzeuge aus wie die ersten serienmäßig produzierten Automobile überhaupt und die abgelegene Waldumgebung verrät nichts über die Zeit, in der die Handlung möglicherweise angesiedelt ist. Leicht ungeschickt wird gegen Ende eine holprige Liebesgeschichte um Cap und eine Füchsin eingeführt, die in ihrer romantischen Beschwingtheit im Kontrast steht zum restlichen Film. Zum Ende hin müssen sich die Wege trennen, doch das geschieht ohne böses Blut, dafür mit umso mehr Wehmut. Sehr mutig, dass sich das Happy End doch eher als moderat erweist, ohne die jüngsten Zuschauer zu sehr verklären zu wollen.
Während Reithermanns Schaffenszeit zu Ende ging, stand auch schon eine neue große Karriere in den Startlöchern: Als Animator arbeitete der junge Tim Burton mit am Film, auch wenn natürlich keine kreativen Entscheidungen dem aufstrebenden Künstler überlassen wurden. Anschließend verbrachte Burton einige Jahre bei Disney, wo er auch die frühen Fingerübungen „Vincent“ und „Frankenweenie“ realisieren konnte. Nicht nur die Geschehnisse der Filmhandlung, auch die Entwicklungen hinter den Kulissen symbolisieren also treffend den Kreislauf des Lebens und das unvermeidliche Voranschreiten der Zeit. Alle anderen Dinge mögen sich verändern aber Disney beschert dem Zuschauer Filme für die Ewigkeit.
7,5 / 10