Odysseus Ehefrau Penelope wartete 20 Jahre lang auf die Rückkehr ihres Mannes. In dieser Zeit wurde sie von einer großen Zahl von Freiern bedrängt, derer sie sich mit einem Trick zu entziehen versuchte. Sie gab vor, erst das Totenhemd für ihren Schwiegervater fertigstellen zu müssen, dass sie jede Nacht von Neuem auftrennte - bis ihr die Freier auf die Schliche kamen...
Die Freier, die Penelope (Christina Ricci) in der Gegenwart zu ehelichen wünschen, sind ebenfalls in großer Zahl angetreten und ihr Begehren wird auch durch die Verlockung einer besonders guten Partie erzeugt. Denn Penelope ist ein Spross der Familie Wilhern, die über einen Jahrhunderte alten adligen Stammbaum verfügt. Allerdings musste den jungen Männern per Heiratsvermittlerin (Ronni Ancona) ein wenig nachgeholfen werden, denn anders als die Penelope aus der griechischen Mythologie, die auch durch ihre Schönheit verlockte, bekam die junge Penelope bisher noch Niemand zu Gesicht.
Ein vor vielen Generationen ausgesprochener Fluch einer Hexe, deren Tochter den Tod durch die Schuld eines männlichen Mitglieds der Familie Wilhern fand, hatte sich bei der Geburt Penelopes erfüllt. Sie wurde mit einer Schweinsnase und Schweineohren geboren. Mit viel Mühe hatten die Eltern Jessica (Catherine O'Hara) und Franklin (Richard E. Grant) ihre Tochter vor der Öffentlichkeit geschützt, wobei sie fast von dem Journalisten Lemon (Peter Dinklage) ertappt worden wären, der bei seinen Nachforschungen ein Auge verlor.
Nun versucht Mutter Jessica schon seit Jahren ihre Tochter mit einem Blaublüter zu vermählen, um damit den Fluch zu brechen, denn nur die Liebe eines Adligen kann ihr Gesicht wieder die menschlichen Züge zurückgeben. Sehr schön nutzt der Film das "Penelope"-Motiv, indem die schweinsgesichtige Penelope die Freier nicht durch einen Trick vertreibt, sondern mit ihrem eigenen Antlitz. Nimmt man die psychologische Haltung ein, dass jeder Mensch die Reaktionen erzeugt, die er auch erzeugen will, dann bedeutet das letztendlich, dass auch die Penelope der Gegenwart diese Freier gar nicht haben will.
Christina Ricci ist mit ihrem Schweinsgesicht unglaublich süss und die übertriebenen Horror-Reaktionen der adligen Freier, die sich reihenweise aus dem Fenster stürzen, wirken wie der Ausdruck verwöhnter Jünglinge mit Massengeschmack. Tatsächlich vermittelt der Film Penelopes Gesicht nie wie eine Krankheit oder ein störendes Attribut und es ist Riccis Spiel zu verdanken, dass sie mit diesem Antlitz als komplette Persönlichkeit auftritt. Dabei gelingt es ihr, ihre Einsamkeit, die sie den 25 Jahren im Hause ihrer Eltern verdankt, nur mit ihren Augen auszudrücken.
"Penelope" ist ein Film über Äußerlichkeiten und Wahrhaftigkeit, der im Gewande eines Märchens daher kommt und über viele witzige und absurde Momente verfügt, aber vor allem dadurch überzeugt, dass er immer wieder Momente überraschender Tiefe zeigt, die den Film deutlich von anderen Produkten dieses Genres abgrenzen. Natürlich geht es hier auch um die Liebe, denn erst diese bringt die Veränderungen in Penelopes Leben in Gang.
Nachdem der verwöhnte Jüngling aus gutem Hause Edward Humphrey Vanderman III (Simon Woods) der Schweinsnase angesichtig wurde, rennt er angewidert zur Polizei, wo er nicht ernst genommen wird. Über Umwege gerät er an den Reporter Lemon, der sich wieder an die 25 jahre alte Geschichte erinnert. Um an ein Foto von Penelope zu kommen, engagieren sie den verarmten Adligen Max (James McAvoy), der mit einer versteckten Kamera um die junge Frau werben soll. Im Gegensatz zu allen Anderen bleibt er im Haus (er hatte ihr Gesicht als Einziger nicht gesehen) und freundet sich mit Penelope an, die durch eine undurchsichtige Glasscheibe mit ihm kommuniziert.
Als Penelope sich ihm nach einigen Tagen zeigt, spürt man zum ersten Mal, dass ihr seine Reaktion wichtig ist. Während sie ihr Gesicht bisher bewusst als Provokation einsetzte - auch wenn sie gleichzeitig darunter litt - und in bewährter Penelope-Tradition die Männer vom Hof jagte, weil sie deren oberflächliche Bewerbungen nicht überzeugte, so will sie diesmal gemocht werden.
Ein wunderbar stiller Moment entsteht.
Und Max reagiert richtig, aber als sie ihn auch gleich heiraten will, verneint er und geht davon. Wer nun glaubt, der Film erzählt die übliche Geschichte von Liebesver- und entwirrungen, irrt. Die Geschichte von Penelope und Max geht mit kleinen Überraschungen ihren märchenhaften Weg, aber sie spielt keine wirklich große Rolle.
Tatsächlich geht es nur um Penelope und ihre eigene Entwicklung. Die vielfältigen Nebenpersonen, angefangen bei ihrer penetrant-liebevollen Mutter, ihrem passiven Vater, den neuen Freunden (Reese Witherspoon locker und ohne Allüren), über Reporter Lemon bis zum unglücklich verliebten Max ergeben einen abwechslungsreichen Film, der auf Zuspitzungen und Übertreibungen verzichtet und damit immer die Waage zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit beibehält. Niemals verfällt der Film in Albernheit oder gar Geschmacklosigkeiten.
Und im Mittelpunkt steht eine wunderbare Christina Ricci, deren Schweinsnase man für immer behalten möchte (8,5/10).