“Das Gähnen der Lämmer”
Filme über den amerikanischen Auslandsgeheimdienst sind ein beliebtes Sujet in Hollywood. Die CIA erscheint dabei häufig als perfekt organisierte und funktionierende Truppe intelligenter, wagemutiger und vor allem patriotischer junger Männer, die ihr Land selbstlos und natürlich erfolgreich gegen alle Bedrohungen und Anfeindungen von außen verteidigen. Die amerikanische Filmindustrie hat dabei ganze Arbeit geleistet. Das (Hollywood-)Bild eines allmächtigen Geheimdienstes hat sich so in den Köpfen der Weltöffentlichkeit und vor allem der US-amerikanischen Öffentlichkeit eingebrannt, dass der Schock über das Versagen der Organisation am 11. September dementsprechend groß war. Wer sich allerdings ein wenig mit Geschichte befasst wird sehr schnell feststellen, dass die CIA seit ihrem Bestehen eine ganze Reihe von Fehlschlägen zu verbuchen hat(te) und in Geheimdienstkreisen keinesfalls als die Nummer 1 gilt.
Hollywood reagierte zumindest mit einer milden Justierung. Die neue Generation der CIA-Filmhelden ist deutlicher düsterer angelegt und hat meist mit schwarzen Schafen in den eigenen Reihen zu kämpfen. Typische Vertreter sind die beiden Bourne Filme (2002, 2004) mit Matt Damon oder Der Einsatz (2004) mit Colin Farell. Die Welt der neuen Agenten ist geprägt von Misstrauen, Verrat und allgegenwärtiger Bedrohung. In Syriana (2005) wird gar die Ohnmacht der CIA im weltweiten Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Terrorismus thematisiert. In dieser Tradition der Post-9/11- Filme über die CIA steht auch Robert De Niros neuer Streifen Der gute Hirte. Der Film rekonstruiert die Anfänge der CIA vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.
Ende der 1930er Jahre kommt der Poesiestudent Edward Wilson (Matt Damon) über die geheime Studentenverbindung “Skull and Bones” in die Kreise des OSS (Vorläufer der CIA) und wird für geheimdienstliche Tätigkeiten in Übersee angeworben. Durch seine erfolgreiche Spionagetätigkeit im Nachkriegsberlin steigt Wilson immer weiter auf und ist auch 1961 an der Schweinebucht-Aktion beteiligt (gescheiterte Invasion von Exilkubanern auf Kuba). Parallel zu seinem beruflichen Aufstieg läuft sein Privatleben gegen die Wand. Die Beziehung zu seiner Frau Clover (Angelina Jolie) zerbricht, das private Glück seines Sohnes opfert er auf dem Altar des ehernen Pflichtbewusstseins. Trotz des Schweinebucht-Desasters wird Wilson aufgrund seines Patriotismus und seiner unumstößlichen Loyalität - die er eindeutig über persönliche und familiäre Beziehungen stellt - eine führende Rolle im Aufbau der CIA zugedacht.
Der Schauspieltitan Robert de Niro nimmt erst zum zweiten Mal (nach In den Straßen der Bronx) auf dem Regiestuhl platz und konnte - vermutlich aufgrund seiner Berühmtheit - eine beeindruckende Schauspielerriege versammeln. Neben Matt Damon und Angelina Jolie sind die Nebenrollen mit so Hochkarätern wie William Hurt, Alec Baldwin, John Turturro, Joe Pesci und nicht zuletzt De Niro selbst besetzt. Beste Vorraussetzungen also für einen gelungenen Politthriller. Leider ist Der gute Hirte aus diversen Gründen ein komplettes Desaster.
Das fängt bei der Wahl des Hauptdarstellers an. Matt Damon bleibt seltsam blass und ist eine krasse Fehlbesetzung. Vor allem nimmt man ihm in keiner Szene den über 40jährigen Wilson der 1960er Jahre ab. Neben seinem 20-jährigen Filmsohn wirkt er wie ein Studienkollege, neben De Niro und Baldwin gar wie ein Schuljunge.
Zu allem Überfluss ist der Film vielmehr psychologische Studie des Protagonisten als Chronik der Entstehung der CIA. Die Essenz, dass Geheimdiensttätigkeit zutiefst einsam macht und keinerlei Platz für Gefühle oder persönliche Bindungen lässt, ist nun wirklich keine neue Erkenntnis und in zahlreichen Romanen wie Filmen thematisiert worden.
Das zweite große Problem des Films ist die verschachtelte Erzählstruktur. De Niro entwickelt seine Geschichte anhand zahlreicher Rückblenden. Was bei Quentin Tarantino so virtuos gelang (Reservoir Dogs, Pulp Fiction) wirkt hier nur verwirrend, unübersichtlich und letztlich extrem ermüdend. Die Geschichte erhält dabei weder neue Facetten noch entstehen überraschende Wendungen oder gar Spannungsmomente.
Der größte Kritikpunkt ist dann auch die Wirkung auf den Zuschauer. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so unglaublich langweiligen Film gesehen zu haben. Da sämtliche Haupt-Charaktere blass bleiben und nicht zur Identifikation einladen ist dieser Umstand umso gravierender. De Niro gelingt es nicht einmal Ansatzweise, so etwas wie Spannung aufkommen zu lassen. Bei einem als “Polithriller über die Anfänge der CIA” angekündigtem Film ist das einfach indiskutabel. Zu allem Überfluss hat der Film auch noch eine Länge von fast drei Stunden, was ihn v.a. im letzten Drittel noch unerträglicher macht. Ich habe noch nie erlebt, dass in einem vollbesetzten Kino - was ja für Interesse an dem Film spricht - zahlreiche Leute um mich herum tatsächlich eingeschlafen sind.
Auf der Habenseite stehen lediglich die exquisite Ausstattung - der Zeitkolorit der 1930er und 1960er Jahre ist sehr gut gelungen - sowie die starken Auftritte von Alec Baldwin und William Hurt, die in ihren wenigen Szenen Matt Damon problemlos an die Wand spielen. Dies ist allerdings bei weitem zu wenig, um den Film nur in die Nähe von Mittelmaß kommen zu lassen.
Fazit:
Robert De Niro hat mit Der gute Hirte den schlechtesten Film des noch jungen Kinojahres 2007 abgeliefert. Trotz seiner prominenten Besetzung verbreitet das überlange Werk eine unglaubliche, fast schon penetrante Langeweile, die zum Schluss zu einfach nur noch ärgerlich ist. Über das eigentlich spannende Thema der Anfänge der CIA erfährt man so gut wie gar nichts, vielmehr ist der Film eher ein Psychogramm eines führenden Geheimdienstlers, ohne dass dabei allerdings irgendwelche neuen Erkenntnisse oder gar Überraschendes zu Tage gefördert würden. Die Hauptcharaktere - allen voran Matt Damon - bleiben blutleer und laden zu keinem Zeitpunkt zur Identifikation ein. Der zweite Punkt ist ein Sympathiepunkt für Alec Baldwin sowie die historisch akkurate Ausstattung.
(2/ 10 Punkten)