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Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss (1969)
Eine Kritik von Backförmchen (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 07.11.2009, seitdem 888 Mal gelesen
Amerika mitten in der wirtschaftlichen Depression der 30er Jahre. Eine Tanzhalle, malerisch am Strand gelegen, trägt einen Tanzmarathon aus, bei dem es ein Preisgeld von $1500 zu ergattern gibt. Dieses Preisgeld stellt in den problematischen Zeiten einen großen Reiz dar und so versammeln sich Männlein, Weiblein, Jung und Alt in der Tanzarena und registrieren sich für ein Spektakel mit heißer Sohle. Für einige stellt das ersehnte Preisgeld ein Sprungbrett in ein besseres Leben dar. Für andere ist es schon ausreichend, im Rahmen des Marathons mit mehreren Mahlzeiten am Tag, einem Bett und einem Dach über dem Kopf versorgt zu sein. Den Mittellosen erscheint der Tanz als eine Chance zur finanziellen Absicherung. Für die zahlenden Gäste, die dem Wettkampf als Zuschauer beiwohnen, wird es zu einem festlichen Spektakel, mit Musik, Entertainment und 200 Menschen, denen man beim Ringen ums aufrechte Stehen zusieht. Als zentrale Figuren führen Gloria (Fonda), Robert (Sarrazin), die Schauspielerin Alice (York) und das Tramperpärchen, James (Dern) mit der hochschwangeren Ruby (Bedelia), die Verzweiflung vor Augen, die bei dem Kampf ums Überleben über 1000 Stunden ausbricht.
Schlachten
Die Figuren im Fokus sind alle unterschiedlich gestrickt und gehen mit der Situation jeweils anders um. Die zynische Gloria, der man anscheinend nichts mehr vormachen kann, kommentiert das Gesamtgeschehen in treffender Weise und weiß ganz genau, wie ausweglos die Gegenwart ist. Bobby ist einer, der alles auf sich zukommen lässt, aber doch noch Ideale und Ziele vor Augen hat. Gloria und Robert versuchten sich auch schon im Filmgeschäft, scheiterten jedoch kläglich. Das Tramperpärchen Ruby und James, das von seiner Anreise auf Güterzügen berichtet, steht dann letztlich im Kontrast zu dem Starlet Alice, das aus mehr behüteten Verhältnissen stammt. Allen Tänzern ist gemein, dass sie grundsätzlich nach Aufmerksamkeit und nach ihrem eigenen Wohl suchen. Alle Charaktere wollen was vom großen Kuchen. Als Zuschauer sind Prominente und andere Gäste anwesend, die auch gerne mal Kleingeld für die Paare auf die Tanzfläche werfen. Für das Starlet interessant sind Leute aus Hollywood, die sich potenziell im Publikum befinden.
Es ist die absolute Preisgabe der eigenen Armut, wenn die Notwendigkeit besteht, die Seele für einen Tanzmarathon zu verkaufen, um bis zur nächsten Verdienstschance ein Auskommen zu haben. Und was der Tanzmarathon erfordert, ist die Fähigkeit für hunderte von Stunden von einem Bein aufs andere zu wippen. Sie alle kämpfen mit der Entfremdung von ihrem Selbst, dem Entzug von Schlaf und der Erschöpfung. Dies ist nicht zu vergleichen mit einem peinlichen Auftritt etwa als Clown, bei dem man sich bewusst einer gewissen Lächerlichkeit preisgibt. Dieser Film spielt die Situation von Deprivation und Frustration viel weiter aus.
Keulen
Die böse Ironie des Events wird augenfällig, wenn bestimmte Lieder auf der Bühne dargeboten werden. So steht im Verlauf des Wettbewerbs die schwangere Ruby auf der Bühne und singt mit dem wohltuenden Lied „The best things in life are free“ von der Kostenfreiheit der schönen Dinge, wie Sonnenstrahlen und der Liebe. Eine Aussage, die in Anbetracht der zugrunde gelegten Situation zu blankem Hohn verkommt, da man davon eben nicht leben kann. Zu einem anderen Zeitpunkt schmettert eine Männergruppe das Lied „Brother, can you spare a dime?“.
Für das Publikum wird hier ein Lustspiel der Vernichtung aufgeführt, bei dem man sich freut, wenn Männer ihre Frauen (und andersrum) bei dem wankenden Totentanz tragen müssen, um beim Wettbewerb dabeizubleiben. Ein Höhepunkt stellt jedoch das Derby dar, bei dem die total ausgelaugten Paare auch noch einen Wettlauf bestreiten müssen. Die Grenze des Humanen wird hierbei überschritten, als Gloria mit dem alten, rüstigen Sailor (Buttons) über die Ziellinie hechtet, wobei schon längst klar ist, dass der freundliche Kerl, der in seinem Leben schon einiges mitgemacht hat, im Endspurt an Herzversagen verstarb. Gloria schleppt die Leichte des Mannes gezwungenermaßen über die letzte Runde, um im Spiel zu bleiben. Und als das Intermezzo vorbei ist, wird von der Spielleitung laut und fröhlich verkündet, dass er einen Schwächeanfall hatte und somit als geschätzter Mitstreiter aus dem Spiel scheidet. Darauf folgt Jubel.
Schächten
Alles wiederholt sich. In dieser Hinsicht ist "They shoot horses, don’t they?" äußerst prophetisch. Ob es heute noch mal eine Zeit der großen Tanzmarathons geben wird, ist eher fraglich, aber je problematischer das wirtschaftliche Überleben wird, desto mehr Leute werden sich finden, die sich vor der Kamera zur Lachnummer machen. Die Parallelen zur aktuellen TV-Welt sind offensichtlich.
Heute wäre das Geschehen zu vergleichen mit den Kandidaten von "Deutschland sucht den Superstar" und Konsorten, die freimütig zugeben, dass ein Erfolg im Rahmen des Castings die einzige Perspektive ist, die sie für ihr eigenes Leben noch sehen. Sollte dann der Fall eintreten und sie bringen eine zum Himmel stinkend schlechte Performance, hat der Zuschauer erst recht seinen perfiden Spaß. So erbost und schnaubend diese Jugendlichen dann auch aus dem Raum stürmen, es ist klar, dass das Leben für diese Person eigentlich keine großartige Zukunft vorgesehen hat. Dabei soll das Statement der Kandidaten über die schwarze Zukunft, eigentlich die Dringlichkeit des Erfolgs erhöhen. Es ist eine eigens ausgeführte Erniedrigung, mit der die Kandidaten bei der Jury einen kleinen Schuss Gnade erwirken wollen, der die künstlerische Unzulänglichkeit mit dem Faktor der Dringlichkeit verrechnet. Letztlich stehen auch diese Leute vor der Jury, der es völlig egal ist, wer diese Leute sind, was sie denken und welche Träume sie haben. Und sie stehen zugleich vor dem Zuschauer, dem es gleichermaßen egal ist. Beide haben ein Interesse an ordentlichen Ergebnissen und nicht an schlechten Darbietungen, die man schönredet. Diese Diskrepanz von individuellen Erwartungen und der Möglichkeiten zur Wunschbefriedigung, verletzt im Endeffekt das Ego, da man sich in seinen eigenen Vorstellungen zurückgesetzt sieht. Aus der Perspektive dieser Leute, die ihre Zukunftshoffnungen in so ein Casting legen, ist das eine niederschmetternde Erfahrung. Der Zuschauer hat allenfalls Spaß an schlechten Darbietungen, über die man sich vor Lachen zerreißen kann.
Für ein bisschen Ruhm im TV wird alles gegeben. Sei es in „Big Brother“ oder bei „Bauer sucht Frau“. Und es gibt auch kein Hindernis, das eigene Versagen zur Schau zu stellen, um sich selbst damit im TV bewundern zu dürfen. Seien nur Sendungen vor das geistige Auge gerufen, wie die Schuldnerberatung von Peter Zwegat, „Rach, der Restauranttester“ oder „das Promi-Dinner“, in dem sich gescheitere sowie schon fast vergessene Prominente ein letztes Mal aufbäumen.
Hierzu passt im gezeigten Tanzwettbewerb die Schauspielerin Alice. Zu Beginn des Wettbewerbs noch mit einem gewissen Glanz und einem entsprechenden Kleidungsstil versehen, versucht sie diesen Glanz auch dem Wettbewerb einzuhauchen und damit ein wenig Ruhm einzufahren. Jedoch verkommt sie zu einer Nummer von purer Pausenclownerie. Im Verlauf des Wettbewerbs verliert sie nicht nur ihren Stil, ihren Glanz, sondern letztlich auch den Verstand, da sie an eine so niedere Welt niemals geglaubt hätte. Eine Welt, die ihr die gesamte Seele aussaugt und den Körper schließlich noch für ein Schnäppchenpreis verschachert.
Eine besondere Rolle kommt hierbei dem Veranstalter der Show zu, der nicht nur in sensationsgeiler Art das Geschehen begleitet, sondern auch mit kleinen Tricks mehr Spannung und noch mehr Erniedrigung in den Wettbewerb einfließen lässt. Er ist der vermittelnde Part, der sowohl inszeniert, als auch kommentiert, dazwischen Geld zählt und Zigarre raucht. Er ist der moderne Unterhaltungsapparat quasi in Personalunion. Die bloße Inszenierung von Verzweiflung wird von einem nach Erniedrigung dürstenden Publikum dankbar angenommen.
Was vom Tanztee übrig blieb
Reichtum sowie Arbeit haben bis heute noch keinen schlauer gemacht, jedoch machen Not und Gier gleichermaßen erfinderisch, gibt dieser Film zu Protokoll. Das Leben macht nur Freude, wenn es sorglos verläuft. Wer an dem großen Spiel nicht teilnimmt, hat jedoch schon verloren und ist zu einem Leben am unteren Limit verdammt. Der Mensch als soziales Wesen hat ein grundsätzliches Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung. Das ist in wirtschaftlich problematischen Zeiten nicht viel anders, als in wirtschaftlich florierenden. Das deprimierende an diesem Film ist die totale Entwürdigung der Menschen, denen zumeist nichts bleibt, als das, was sie gerade in einen Koffer packen können. Das Gezeigte offenbart die absolute Entfremdung von der Persönlichkeit, wenn Menschen versuchen, im Rahmen eines Tanzmarathons einen Weg aus einem ausweglosen Schlamassel zu finden. In diesem Film findet dieser Kampf in völliger Entfremdung der eigenen Standards sowie unter Verzicht auf Schlaf und Würde statt und führt letztlich zur Aufgabe. Eine Entwicklung, vom Kampf um das nackte Überleben weg, hin zum Wunsch, diesen Kampf einfach nicht mehr führen zu müssen, da er letztlich doch keinerlei Zugewinn an Respekt und Selbstachtung bereithält. Der Kampf um Aufmerksamkeit geht jedoch endlos weiter.
Am Ende bleibt als Resümee festzuhalten, dass der Mensch, trotz aller wirtschaftlich widrigen Umstände, eines nicht verlieren darf - nämlich seine Würde. Denn was bleibt noch, wenn man sich von sich selbst entfremdet? Der Mensch hat die Fähigkeit, sich an fast alle Situationen anzupassen, seien es widrige Wetterverhältnisse oder andere Extremsituationen. Sobald er jedoch seine Menschlichkeit aufgibt, verliert er das Menschsein. Verliert eine Person nicht nur Hab, Gut und vielleicht ein bisschen Stolz, sondern auch noch die Bereitschaft, für das eigentlich gesetzte Lebensziel zu kämpfen, so ist er reif für den Gnadenschuss. Eine Gnade, die man verletzten Tieren in bestimmten Situationen nur zu gerne zuteil werden lässt und Menschen schmerzlich oft verwehrt. Pferde haben den Vorteil, dass sie sich den Schuss nicht selbst geben müssten. Diese Grenze kitzelt der vorliegende Film heraus und das lässt den Zuschauer eine ganze Weile, auch nach Sichtung des Filmes, nicht los. Zuletzt bleibt die traurige Gewissheit, dass der große Tanz um das menschliche Geltungsbedürfnis immer konstant bestehen bleibt sowie die Notwendigkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der Film funktioniert hier wie eine Parabel von Hollywood auf das Leben, was in gewissem Maße in allen Bereichen auf Faktoren der Aufmerksamkeit aufbaut, sei es im privaten oder beruflichen Sektor.
Sydney Pollack (Die Firma, Jenseits von Afrika u.v.a.) inszenierte mit diesem Film ein Profil über den Menschen, wie es in dieser Intensität nur selten zu sehen ist. Sehr schnell bemerkt man, dass der Film respektive seines Alters sehr modern inszeniert, gefilmt und geschnitten ist, was der Thematik sehr zuträglich ist. Heute würde man sagen, der Film ist seiner Zeit voraus gewesen. Wie paradox, dass er von der Vergangenheit handelt und doch so aktuell ist. „They shoot horses, don’t they?“ ist ein faszinierender Film, der die Sinnlosigkeit des Daseins und zugleich das Bedürfnis nach Menschlichkeit in einem unmenschlichen Umfeld umreißt. Die empathische Einfühlung dieser Kombination aus Drama und Satire funktioniert grandios, so dass man trotz unterhaltsamer Sequenzen das Kippen des Existenzwillens erfühlt und versteht.
„Maybe it's just the whole world is like central casting. They got it all rigged before you ever show up.”
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