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Der am 1.5.1936 in New York geborene deutsch-amerikanische Filmemacher George Moorse drehte 1971 den Fernsehfilm "Vampira" und hat damit ein kleines Kunstwerk geschaffen.

Der Film kommt ganz ohne Dialoge aus und lebt nur durch die expressionistische Aussagekraft seiner Bilder, deren Eindruck noch verstärkt wird durch die sphärischen Klänge der Popgruppe "Tangerine Dream".

Den Inhalt von "Vampira" zu erfassen, ist schwer möglich, besteht der Film doch nur aus episodenhaften Sequenzen, die einer durchgehende Handlung aber auch gar nicht bedürfen.

Zum Inhalt:

Zwei Landvermesser geraten in den Bann der schönen Vampira. Anschließend zelebriert Vampira in ihrem Schloß okkulte magische Riten mit ihren Gefährten. Zu denen gesellen sich die Erlenkönigin Belladonna, der Bucklige, eine Zauberin und ein Werwolf. Vampira nähert sich einem Ziegenbock, um sich mit ihm zu vereinigen.
In der nächsten Szene trifft Bogumil, ein schafehütender Priester, auf Belladonna, einem androgynen Mischwesen, dem er verfällt.
Eine Gruppe von Gendarmen in historischen Uniformen schwärmt aus, um in den Auengründen Warnschilder aufzustellen, die vor jeglichem Kontakt zu Vampiren warnen sollen. Die Gendarmen treffen auf Vampira, woraufhin sie versuchen, sich gegenseitig zu erschießen, was aber irgendwie nicht gelingt.
Ein Fährmann bringt Vampira über See auf eine Insel. Dort erwartet der Teufel persönlich Vampira, welche sich ihm unterwirft.
In der letzten Szene lebt Vampira mit einem Sterblichen, einem Arzt, zusammen. Sie verwandelt den Arzt ebenfalls in einen Vampir. Zwei Untote erscheinen und begleiten Vampira und den Arzt in ihr Schattenreich.

Als Klammer für die einzelnen Episoden tritt zwischendurch immer wieder Manfred Jester in der Rolle als Gelehrter und kompetenter Kenner des Vampirismus auf. Hinter seinem von unzähligen alten Büchern umrahmten Schreibtisch referiert er über den historischen Ursprung der Vampirlegenden aus verschiedenen Ländern und Epochen. Dabei rezitiert er aus Werken von Don Auguste Calmé, Dr. Summers, Louis Costaine, Baudelaire und Jean-Paul Sartre.

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George Moorse, der am 30.7.1999 viel zu früh verstarb, arbeitete zuletzt als Regisseur der "Lindenstraße"; ein trauriger Abstieg eines begabten Regietalents.

In "Vampira" zeigte Moorse für die damalige Zeit verstörende und zugleich wunderschöne Bilder, die in ihrer surrealen Aussagekraft an den expressionistischen deutschen Stummfilm anknüpfen. Die Figur der Vampira wird betörend-sinnlich verkörpert von Grischa Huber. Gewiß hat Moorse diese Figur auch angelehnt an die "echte" Vampira, die in den 50er Jahren in den USA vor allem durch ihre Rolle in Ed Wood's Trashfilm "Plan 9 from Outer Space" bekannt wurde. Dabei ist Moorse's Film weit davon entfernt, zum Trash gerechnet zu werden, obwohl er mit nur geringem Budget sein Projekt umsetzte. Der Film entstand am Maisinger See in Oberbayern.
Der Bucklige wird - kaum erkennbar - von Louis Waldon gespielt. Waldon wird vor allem Andy-Warhol-Kennern ein Begriff sein.

Das Fernsehen der frühen 70er Jahre, welche seinerzeit noch nicht um jeden Preis die Quote im Auge hatte, betrat mit "Vampira" durchaus experimentelles Neuland.

Produziert wurde "Vampira" für den WDR von - man mag es kaum glauben- Alfred Biolek.

"Vampira" ist eine kleine Filmkunstperle, die allerdings völlig in Vergessenheit geraten ist.

Wer diesen Film sein eigen nennen möchte und ca. 45,-- € erübrigen kann, sollte beim WDR einen Mitschnitt anfordern. - Es lohnt sich.

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