Es gibt Geschichten, die meint man schon zu kennen. Ein Jugendlicher, der bei seiner Großmutter in einer heruntergekommenen Plattenbausiedlung aufwächst. Der keinen Job hat und auch keine Lust, sich um einen zu kümmern, sondern der lieber jeden Tag mit seinen Kumpels abhängt. Alkohol, Drogen, Frustration, Gewalt - das ein solches Leben im Gefängnis enden wird, wen sollte das überraschen ?
Niels Laupert hat einen Film darüber gedreht. Er hat sich sein Drehbuch nicht ausgedacht, sondern es nach den Erzählungen der beiden Protagonisten entwickelt. Ein deutscher Film mit deutschen Darstellern, über zwei junge Polen und deren Weg in den Abgrund. Sie wurden von polnischen Gerichten überaus hart bestraft, aber die Frage darf gestellt werden - welches Interesse sollte ein deutsches Publikum an diesem Film haben ?
Der Film gibt keinen Ort der Handlung an, aber die Bilder der Plattenbausiedlung und der stark bis ins Detail kommunistisch geprägte Architekturstil, lässt von Beginn an keinen Zweifel zu. Auch in der ehemaligen DDR gab es zu diesem Zeitpunkt, 1996, in dieser Größenordnung kein solch heruntergekommenes Ambiente mehr, dass sich bis in die wenigen kleinen Ladengeschäfte fortsetzte. Trotz dieser optischen Authentizität vermeidet Laupert eine zu direkte Identifikation mit einem bestimmten Ort, indem er seine Darsteller ohne Dialekt sprechen lässt. Diese Neutralität und damit auch der generalistische Charakter des Films ist gewollt.
Ein Thema wie die Verwahrlosung von Jugendlichen, die zu Gewaltausbrüchen führt, changiert in der Regel nur zwischen zwei Polen - der Anklage an den Staat, der zu wenig tut, oder die Schuldzuweisung an die Jugendlichen, die sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen als kriminelle Subjekte erweisen. Alternativ dazu ist noch der fatalistische Gedanke salonfähig, der eine solche Entwicklung als gegeben hinnimmt. Lauperts Film dagegen ist von einer Objektivität, die ermöglicht, abseits von Vorurteilen den Film zu betrachten, obwohl der Regisseur und Autor seine eigene Meinung deutlich werden läßt.
Das beginnt schon bei dem Filmtitel, der die Abstrusität der Situation schön vermittelt und fast optimistisch klingt. Adam (Ludwig Trepte) und sein bester Kumpel Tommek (Martin Kiefer) sind weder frustriert noch voller Anklagen gegen einen imaginären Staat. Im Gegenteil behaupten sie, ihre Freiheit zu geniessen, weshalb sie nicht verstehen, warum Sarah (Jil Funke), an der sie beide Interesse haben, einen Job annehmen will. Der Film beginnt entsprechend locker, als es dem Messdiener Adam gelingt, Wein aus der Kirche zu stehlen. Die Idee stammte natürlich von Tommek, aber als es an die Ausführung ging, hatte er sich davon gemacht.
Tommek und Adam sind sehr unterschiedliche Charaktere. Während Tommek immer eine große Klappe hat und Sarah entsprechend aggressiv anbaggert, wirkt Adam ruhig und besonnen. Gegenüber Sarah ist er sehr schüchtern, obwohl das Mädchen ganz deutlich ihre Gefühle für ihn demonstriert. Zwar wächst Adam ohne Eltern auf, aber das Verhältnis zu seiner Großmutter (Karin Baal) ist herzlich. Betrachtet man seine Situation neutral, wird kein großer Unterschied zu vielen anderen Jugendlichen deutlich. Ziellosigkeit, Verwirrtheit gegenüber dem anderen Geschlecht, Drogen und Alkohol sind übliche Ingredenzien dieser Entwicklungsphase und der Film beschreibt sie ohne Exzessivität.
Die grosse Leere, die die triste Umgebung vermittelt, das tägliche Nichts, dass es zu füllen gilt, wird in "Sieben Tage Leben" zunehmend deutlich, aber Laupert nutzt das weder als Entschuldigung noch als logische Ursache. Die Katastrophe, in die Tommek und Adam geraten, ist ein Konglomerat aus objektiven Kriterien wie Vernachlässigung und Perspektivlosigkeit, aber auch subjektiv entstanden aus dem Zusammenspiel der beiden Charakteren, die sich gegenseitig hochschaukeln.
Laupert beschreibt deren Verhalten mit kühler Distanz. Das Tempo bleibt ruhig, keine schnellen Schnitte erzeugen zusätzliche Dynamik, und selbst als das Unfassbare mit voller Wucht eintritt, dokumentiert Laupert nur. Er erklärt nichts, übertreibt nichts und belässt selbst die Charaktere der beiden Protagonisten ganz klein - und damit im Gegensatz zu der Monströsität ihrer Taten. Einer Monströsität, die sich mehr durch die Benennung der Taten ergibt, denn die Bilder vermitteln trotz ihrer Deutlichkeit vor allem deren Sinnlosigkeit.
"Sieben Tage Sonntag" ist kein angenehm zu sehender Film, sondern eine Abhandlung in einem dokumentarisch kühlen Stil. Der Film erzeugt keine Betroffenheit im üblichen Sinne, erweckt keine konkreten Emotionen, indem er Sympathien für die Täter vermeidet, die auch nicht als Opfer der Umstände hochstilisiert werden, stellt sie aber auch nicht als besonders bösartig dar, sondern im Gegenteil als ganz normale Jugendliche. "Sieben Tage Sonntag" befreit das Thema von ideologischem Müll.
Damit ist Laupert auch ganz nah an der deutschen Realität, in der die hohe Krimalitätsrate von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beklagt wird. Sein Film verdeutlicht die Vielzahl an Einflüssen, die zu Gewalttaten führen können. Mit objektiven Kriterien allein wird man Adams und Tommeks Taten nie begreifen können, aber man bekommt als Aussenstehender einen Eindruck davon, was es heisst unter Bedingungen zu leben, die von Perspektivlosigkeit und Armut geprägt sind. Es gibt immer einen Ausweg aus einer solchen Situation, aber wer möchte von sich selbst behaupten, dass er die dafür notwendige stabile Psyche besitzt. Gerade dadurch, dass hier keine in irgendeiner Form extreme Persönlichkeiten im Mittelpunkt stehen, wird deutlich wie unzureichend und oberflächlich das richterliche Urteil hier ausfiel, dass sich nur an die äußeren Kriterien hielt. So wie sich auch die gängige Meinung über solche Taten jugendlicher Krimineller immer nur an Statistiken und Zeitungsmeldungen orientiert (9/10).