„Krieg als Faschismusfalle, oder doch nur munteres Schlachten für Splatter-Affine?"
Auf eines konnte und kann man sich bei Paul Verhoeven stets fest verlassen: Kalt lassen seine Filme niemanden. Den teils enormen Publikumserfolgen (u.a. Robocop, Total Recall, Basic Instinct) stand meist eine feuilletonistische Generalmobilmachung gegenüber, die nicht selten inquisitorische Ausmaße annahm. Kaum ein Vorwurf, den sich der holländische Filmemacher im Laufe seiner Karriere nicht anhören durfte. So wurde er abwechselnd als Chauvinist, Sadist, Pornograph und Nazi diffamiert. Seine häufig drastischen Darstellungen von Sex und Gewalt brachten ihm zudem den zweifelhaften Ruf ein, sich vornehmlich an Blutrünstigkeit, Perversion, Voyeurismus und allerlei anderen Geschmacklosigkeiten bzw. Obszönitäten zu delektieren und damit offensiv-genüsslich den niederen Instinkten zu frönen.
Sein bis heute am kontroversesten diskutiertes Werk ist dabei zweifellos die teilweise ultrabrutale Science Fiction-Schlachtplatte Starship Troopers, bei der die Menschheit der Zukunft gegen außerirdische Arachnoiden in einen überaus verlustreichen Krieg zieht. Die diversen Urteile reichen von schamloser Faschismus-Propaganda, über genüssliche Gewaltverherrlichung bis zu bitterböser Satire auf die US-amerikanische (Außen-)Politik, oder einfach nur reinrassigen Actioninferno ohne jeglichen Anspruch, aber dafür enormen Unterhaltungswert. Diese teilweise völlig konträren Wertungen sind umso überraschender, da Verhoeven selbst nie einen Zweifel an seinen wahren Intentionen gelassen hat und stets die satirische Grundausrichtung des Films betonte.
Schon der Beginn gibt deutlich die ironisch-sarkastische Marschrichtung vor. In offenkundig auf die Spitze getriebenen Newsclips des staatlichen Fernsehens umreißen Verhoeven und sein Autor Ed Neumeier eine Gesellschaft, die sich in erster Linie über heroischen Kampf und martialische Gesten definiert. Das höchste bürgerliche Gut ist der Eintritt in die mobile Infanterie, für die auch fröhlich winkend ein etwa Sechsjähriger in voller Kampfausrüstung wirbt. Parallelen zu US-amerikanischen Propagandatrailern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind offensichtlich und - O-Ton Verhoeven- klar beabsichtigt. Denn Ziel der in Starship Troopers massenhaft (mehr oder weniger) versteckten politischen Attacken ist nicht etwa wie häufig kolportiert das Dritte Reich, sondern jedwede Supermacht im Allgemeinen und vor allem die USA im Speziellen. Deren oftmals aggressives außenpolitisches Vorgehen gegen Andersdenkende bzw. den eigenen Interessen zuwider Handelnde wird in Starship Troopers genüsslich-bösartig durch den tiefschwarzen Kakao gezogen.
Wer diesen Auftakt-Wink mit dem ganzen Zaun noch nicht verstanden haben sollte - es ging ja alles auch ein bisschen schnell -, dem wird flugs eine zweite Chance gewährt. High-School-Lehrer Rasczak (Michael Ironside) unterrichtet seine Schützlinge über die Gründe, warum die Demokratie versagt hat und warum die aktuelle autokratische Regierungsform so gut funktioniert. Er erklärt ihnen weiterhin den Unterschied zwischen Zivilisten (civilians) und Bürgern (citizens). Das Bürgerrecht ist mit dem Wahlrecht gekoppelt und kann nur über einen zweijährigen Militärdienst erlangt werden.
Das Wahlrecht soll aber keineswegs als Belohnung missverstanden werden, sondern als Möglichkeit politische Autorität bzw. Macht auszuüben. Und dabei kommt Rasczak zum Kern der eigenen Gesellschaftsordnung: „And force, my friends, is violence, the supreme authority from which all other authority is derived." Auf den Einwand einer Schülern, dass Gewalt niemals Probleme löst, reagiert Rasczak mit herablassender Verachtung. „Naked force has resolved more issues throughout history than any other factor. The contrary opinion, that violence never solves anything, is wishful thinking at its worst."
Dergestalt von TV-Spots und den Pädagogen indoktriniert ist es nicht weiter überraschend, dass sich die halbe Klasse - allen voran das Protagonistenquartett Johnny Rico (Casper van Dien), Carmen (Denise Richards), Carl (Patrick Muldon) und Dizzy (Dina Meyer) - zum militärischen Dienst für die Gemeinschaft meldet. Schließlich will man wer sein und dazugehören. Der bevorstehende Lebensabschnitt wird dabei durchgängig als schneidiges Abenteuer mit dem schönen Nebeneffekt der Charakterbildung romantisiert, ganz im Geiste der propagandistischen Rekrutierungsclips. Auch hier sind die historischen Anspielungen nicht nur in Richtung der USA evident.
Der subversive Grundtenor des Films wird aber auch durch den Kontrast zwischen den kernigen Parolen einerseits sowie den körperlichen Verstümmelungen seitens der Lehrerschaft bzw. des Musterungspersonals andererseits deutlich. Diese in die anfängliche Aufbruchsstimmung-Idylle vereinzelt eingestreuten Irritationen werden von den naiven Jung-Bürgern zwar registriert, aber keineswegs ernsthaft reflektiert und in Windeseile wieder verdrängt.
Ein weiteres Indiz für den doppelbödigen Charakter des vermeintlich schlichten Actionkrachers sind Besetzung und Production Design. So sind sämtliche Hauptdarsteller aus diversen amerikanischen Teenager-Soaps zusammengecastet, was dem anfänglichen Szenario den knallbunten Plastikanstrich einer Ken-und-Barbie-Gedächtnisveranstaltung verleiht. Die deutlich begrenzten mimischen Fähigkeiten von TV-Sternchen wie Casper van Dien, Denise Richards, oder Dina Meyer harmonieren perfekt mit ihren schablonenhaften Abziehbildchen-Charakteren, die permanent haarscharf an der Grenze zur Karikatur entlang schrammen (ihre einzigen Aufreger sind typische Pennäler-Sorgen wie erste Liebeleien, oder ein schulinternes Footballmatch). Ob Verhoeven seinen Cast in alle seine Absichten eingeweiht hat darf getrost bezweifelt werden, die Darstellung einer von Gehirnwäsche und Verführung benebelten Jugend ist jedenfalls absolut überzeugend und glaubwürdig.
Der vordergründige Eindruck einer heilen, nahezu perfekten Welt wird zusätzlich noch durch Ausstattung und Setting verstärkt. Alles, ob Interieurs, Gebäude, oder öffentliche Plätze, wirkt absolut neuwertig und blank poliert. Nirgends finden sich Gebrauchsspuren, Dreck oder irgend ein Hinweis auf Verfall. Sämtliche Kleidung wirkt fabrikneu, sämtliche Frisuren sitzen perfekt und alles ist stets in ein helles, teilweise gleißendes Licht getaucht. Dieser durch und durch artifizielle Look erinnert frappierend an eine Playmobil-Landschaft und symbolisiert gekonnt die glänzende Oberfläche und die damit bezweckte Blendungstaktik einer im Kern alles andere als positiv zu sehenden Gesellschaft.
Verhoeven und Neumeier lassen keinen Zweifel daran, dass diese massive faschistoide Züge trägt. Um die zentrale Botschaft des Films „War makes fascists out of all of us" auch visuell greifbar zu machen, arbeitet der Film vor allem in der vom Militär dominierten zweiten Filmhälfte mit deutlichen Anspielungen auf NS-Symbolik. So herrschen bei den Uniformen ausschließlich die Farben grau und schwarz vor, auch Schnitt und diverse (Rang-)Abzeichen erinnern teilweise deutlich an Wehrmachts- bzw. SS-Uniformen. Zudem ist eine der letzten Szenen, als Rico eine Gruppe Kinder in die Schlacht gegen die „Bugs" führt, da der Menschheit die Rekruten ausgingen, eine bewusste Anspielung auf Hitlers letztes Aufgebot kurz vor dem totalen Zusammenbruch des Nazi-Regimes.
All dies hat seinerzeit Verhoeven den abstrusen Vorwurf eingetragen, faschistisches respektive nationalsozialistisches Gedankengut abzufeiern. Schon die Vita des Holländers, der in seiner Kindheit die Besatzung durch deutsche Truppen hautnah miterlebt hat, lässt ein solches Ansinnen völlig hirnrissig erscheinen. Besonders die sonst keineswegs für geistigen Dünnpfiff bekannte Washington Post hat sich bei dieser Kampagne entblödet den Regisseur in die rechtsradikale Ecke zu stellen und damit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie wenig sie in der Lage ist offensichtliche Ironie zu dekodieren, wenn die eigene Politik das Angriffsziel ist.
Dabei ist auch der zweite Nachrichtenblock kurz vor Ausbruch des Krieges gegen die extraterristischen Rieseninsekten ein weiterer klarer Hinweis. Da hantiert - begleitet von dem Slogan „Für eine bessere Zukunft" - eine Gruppe Grundschulkinder unter der Aufsicht des Militärs und dem glücklichen Lächeln ihrer Mütter mit schweren Handfeuerwaffen womit offenkundig die amerikanischen Waffengesetze aufs Korn genommen werden. Der nächste Clip nimmt das oft scharfrichterlich operierende US-Justizsystem ins Visier und zeigt einen Schwerverbrecher, der binnen eines Tages gefasst, unter dem Beifall des Gerichtspublikums zum Tod verurteilt und hingerichtet wurde. Und schließlich wird die in Propagandafilmen gern bemühte Grausamkeit des aktuellen Gegners herausgestellt, der eine wehrlose Kuh zerfleischt und unter mormonischen Siedlern ein Blutbad angerichtet hat.
In dieser letzten Einspielung ist dann auch so ganz nebenbei die Tatsache erwähnt, dass der Krieg keineswegs von den „Bugs" ausgegangen ist, da die Siedler trotz Warnungen im Hoheitsgebiet der Arachnoiden eine Kolonie gründeten. Im weiteren Verlauf der Handlung wird darauf seitens des Militärs und der Regierung kein einziges Mal mehr Bezug genommen, sondern ganz im Gegenteil der Eindruck vermittelt, dass die Rieseninsekten der eindeutige Aggressor sind und daher vernichtet werden müssen. Als ein Kriegsberichterstatter vorsichtig die Frage nach der ursprünglichen Provokation stellt, geht diese im Hurra- und Kampfgebrüll der auf den ersten Kampfeinsatz hinfiebernden Rekruten unter.
Als dieser dann endlich kommt verläuft er ganz anders als erwartet. Die menschlichen Truppen sehen sich einer Übermacht aus extrem gewaltbereiten Rieseninsekten gegenüber, die eine blutige Schneise der Verwüstung in die Reihen der mobilen Infanterie schlagen. Da werden Gliedmaßen abgetrennt, Körper zerfetzt und Gedärme herausgerissen. Verhoeven zeigt die Grausamkeiten die der Krieg dem menschlichen Körper zufügen kann mit schonungsloser Brutalität und einer Drastik, die zumindest in einem hoch budgetierten Hollywood-Unterhaltungsfilm völlig konkurrenzlos dasteht.
Auch diesbezüglich formierten sich wieder zwei konträre Lager, die beide die eigentliche Intention Verhoevens nicht sehen wollten bzw. konnten. So wurden die blutigen Metzeleien von einem Splatter-affinen Publikum mit lautem Beifallsgegröhle bejubelt, während sich vornehmlich linksliberale Kreise sowie der political correctness Zugetane mit Grausen abwandten und den Machern eine perverse Lust an Grausamkeit und Geschmacklosigkeit unterstellten.
Was hier allerdings bewusst auf die Spitze getrieben wird, ist der Kontrast zwischen dem im Vorfeld gern suggerierten sportlichen Wettkampf mit der Aussicht auf Ruhm, Ehre und Abenteuer und der dann folgenden Realität des Krieges, die für die Masse der Beteiligten lediglich Tod, Blut und Tränen bereithält. Die Wirkung ist in Starship Troopers umso heftiger, da bei den Zusammenstößen mit den „Bugs" die zu Beginn errichtete saubere und klinisch reine Plastikwelt buchstäblich in blutige Stücke zerhackt wird. Entgegen immer wieder zu lesender Meinungen wird Krieg hier keineswegs als heroische Notwendigkeit und im Kern gute Sache präsentiert oder gar beworben - das ständige, dröhnende Hinausposaunen dieser Botschaften ist beißende Ironie in Reinkultur -, sondern als unmenschlicher Fleischwolf, der in erster Linie von dem Streben nach Macht angetrieben wird.
Das wird besonders deutlich am Ende des Films, als der inzwischen zum hohen Offizier des militärischen Geheimdienstes aufgestiegene Carl keinen Zweifel daran lässt, das ihm menschliche Opfer völlig gleichgültig sind, wenn es darum geht an Informationen zu gelangen, die helfen können den Gegner endgültig zu besiegen. Dass diese Ansichten und die Figur insgesamt keineswegs positiv zu sehen ist, zeigt die überdeutliche Anlehnung seiner Uniform an die gängige Ausstaffierung der SS.
Und da wären wir wieder bei dem bis heute kontroversen Deutungsspektrum. Dabei ist auch hier alles wie gehabt. Will man Verhoevens Filme im Sinne des Machers deuten, dann muss man seinen ausgeprägten Hang zu Provokation, schwarzem Humor und dem Stilmittel der teilweise ins Groteske gehenden Übertreibung kennen und als Interpretationsinstrumentarium heranziehen. Mit Vorliebe rückt er zudem der häufig verlogenen political correctness zu Leibe und scheut sich auch nicht vor allerlei Derbheiten hinsichtlich der Darstellung von Sex und Gewalt, die seiner Ansicht nach im Mainstreamkino jegliche Realitätsnähe vermissen lassen.
Starship Troopers ist alles andere als ein Werbefilm für Faschismus, oder eine schlichte Schlachtplatte für bierselige Männerrunden. Will man den Film auf eine dieser Weisen sehen, so muss man entweder zentrale Hinweise völlig fehlinterpretieren, oder gleich ganz auf jedwede Dekodierung verzichten. Starship Troopers ist eine perfekt getrickste und mit vordergründigen Schauwerten gespickte Brachial-Satire, die die weniger schmeichelhaften Eigenheiten der US-amerikanischen Außen- und Innenpolitik (bzw. jedweder anderen Supermacht) wie Aggressivität, Bevormundung, Gehirnwäsche und Verdrehung der eigenen Haltung zuwiderlaufender Tatsachen herausfiltert und bis zur totalen Übertreibung karikiert. Eine Politik bei der der Krieg nicht nur als legitime politische Option gesehen, sondern auch verharmlost dargestellt und als identitätsstiftendes Merkmal instrumentalisiert wird. Dass faschistisches Gedankengut dabei auf einen fruchtbaren Boden fällt, ist in der hier behaupteten Drastik zweifellos provokant, aber durchaus diskutabel.
Dass diese böse Parabel auch noch einen enormen Unterhaltungswert besitzt, sollte man ihr aber nicht zum Vorwurf machen. Vielmehr wird die subversive Grundhaltung des Films damit umso greifbarer, indem dem Publikum hier geschickt ein selbstreflexiver Spiegel vorgehalten wird nach dem Motto: Seid ihr wirklich völlig immun gegen kollektives, patriotisches Hurra-Gebrüll und ein vermeintlich glasklares Feindbild?
Eines dürfte jedenfalls fest stehen. Dass im heutigen „Schluss mit lustig"-"Krieg gegen den Terror"-Klima den Hollywoodbossen nochmals eine solche filmische Ironie-Breitseite gegen amerikanische gesellschafts- wie außenpolitische Mechanismen bzw. Verhaltensmuster durch die millionenschweren Finger schlüpft, ist absolut undenkbar. Womit wir wieder bei der Kernaussage wären, oder etwa doch nicht?