"A doppia faccia" von Riccardo Freda wurde in der Reihe der Edgar-Wallace-Verfilmungen der Rialto veröffentlicht. Das prägt die Rezeption des Films hierzulande bis heute - in zwiespältiger Weise: Zum einen wäre der Film ohne die Aufnahme in die Reihe sicher weniger bekannt geworden, zum anderen wäre er aber nicht aufgrund der Erwartungshaltung an die Wallace-Filme - und somit vermutlich günstiger - beurteilt worden. Die Erwartung der deutschen Zuschauer knüpfte sich weniger an die Romane des Krimiautors, sondern an die Standardelemente der Verfilmungen, die längst ein Eigenleben entwickelten hatten, das sich immer weiter von den Buchvorlagen absetzte. Dieses Publikum sah sich vor allem mangels der bekannten und beliebten Standard-Darsteller der Reihe in seinen Wallace-Sehgewohnheiten enttäuscht, was dem Film einen kapitalen Misserfolg an den deutschen Kinokassen bescherte. Wenn sich tatsächlich einmal im Film das Scotland-Yard-Schild dreht und im Vorspann Riccardo Freda zu "Richard Freda" germanisiert wird, wirkt dies schon recht bemüht - dass der letzte Film der Reihe, "Sette orchidee macchiate di rosso" ("Das Rätsel des silbernen Halbmonds") von Umberto Lenzi, schließlich vollends in Italien spielte, ließ das Feigenblatt der Wallace-Gialli fallen und machte der Tradition der Krimireihe endgültig den Garaus. Die Anhänger der typischen Wallace-Krimis aus den frühen und mittleren 60er Jahren veranlasst dies mitunter zu ignoranten Verrissen von Fredas Film sowie der später ebenfalls in die Reihe einbezogenen Gialli "Cosa avete fatto a Solange" ("Das Geheimnis der grünen Stecknadel") von Massimo Dallamano und Lenzis "Sette orchidee", denen nicht nur mangelnde "Wallace-Atmosphäre" vorgeworfen wird, sondern die wegen einzelner Nackt- oder Gewaltszenen mehr oder minder explizit als Sex- oder Splatterfilme verworfen werden. Ein weiteres Problem wurde dem Film in Deutschland durch die Kürzungen mit auf den Weg gegeben, durch die man den Film an vielen Stellen um vermeintlich überflüssige Einstellungen erleichterte, vermeintlich zu lange Sequenzen zurechtstutzte und so besonders den Beginn des Films ein wenig hastig wirken ließ.
Klaus Kinski, neben dem kaum zu sehenden Günter Stoll der einzige aus anderen Wallace-Krimis bekannte Darsteller, ist in diesem Film nicht wie in so vielen Wallace-Filmen als Kleingauner oder armer Irrer, sondern stark aufgewertet in einer Hauptrolle zu sehen. Schon bei der Besetzung des zwei Jahre älteren Wallace-Films "Die blaue Hand" hatte man Kinskis zuvor an triviale Nebenrollen verschwendetes Talent erkannt und ihm eine Hauptrolle gegeben, die er hervorragend ausgefüllt hatte. Bei Fredas Film kam Kinski eine Eigenschaft des noch im Bestehen begriffenen Sub-Genre des Giallo zugute, die sich später immer mehr verfestigen sollte: Die im Gegensatz zum Großteil der Wallace-Krimis stark relativierte Rolle der Polizei, die den Kriminalfällen meist hilflos gegenübersteht und den eigenmächtigen Ermittlungen mehr oder weniger betroffener Privatpersonen hinterherhinkt. So gibt Stoll als Inspektor Steevens von Scotland Yard hier eine Randfigur ab und muss in entscheidenden Szenen die Polizeipräsenz seinem Kollegen Luciano Spadoni in der Rolle des Inspektor Gordon überlassen. Kinski dagegen kann in einer komplexen Hauptrolle als Firmenerbe John Alexander glänzen, dessen Frau in einem mysteriösen Autounfall umgekommen zu sein scheint - bis plötzlich Zeichen für ihr mögliches Überleben zutage treten.
Neben Günter Stoll verstärkt noch Christiane Krüger als leichtes Mädchen Christine die deutsche Schauspielerpräsenz in diesem Film und steuert einiges an in der Reihe bis dahin kaum gewohnter nackter Haut bei, was sicher zur befremdenden Wirkung auf die Zuschauer beitrug. Margaret Lee, Annabella Incontrera und Barbara Nelli als mysteriöse Schönheiten und Sydney Chaplin als schmieriger Firmenchef Mr. Brown ergänzen die Besetzung in sehr ansprechender Weise. Die hochcharismatische, leider etwas unterrepräsentierte Margaret Lee ist als Johns Frau Helen zu sehen, die mit ihrer Freundin Liz eine lesbische Beziehung eingeht - was sicher ebenfalls verunsichernd auf das Wallace-Publikum wirkte, zumal später noch ein Erotikfilmchen eine entscheidende Rolle für die Filmhandlung spielt, das Liebesspiele zweier Frauen zeigt. Zudem fällt auf, dass das Thema Homosexualität in diesem Film nicht explizit dialogisch behandelt und die lesbische Affäre seiner Frau von John recht gelassen zur Kenntnis genommen wird.
Diese Gelassenheit ist jedoch nur ein Aspekt von Kinskis John Alexander als einer der interessantesten Figuren, die die Wallace-Filmreihe (sofern man denn diesen Film dazurechnen möchte) zu bieten hat. Johns äußere Kälte und scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber der Außenwelt – besonders gegenüber Christine, die er mit verächtlicher Brutalität behandelt – wird nur wenige Male von Gefühlsausbrüchen abgelöst, in denen er die Liebe zu seiner untreuen Frau bekennt – wie in einer der eindrucksvollsten Szenen des Films, in der er durch die in rauschhaft vorbeistreichenden Bildern gezeigte Barlandschaft Londons vagiert und seine Trauer in Alkohol ertränkt, während er den Tränen nahe scheint. Dass diese Szene in den zwei mir bekannten Schnittfassungen des Films an verschiedenen Stellen auftaucht, ist nicht ganz unverständlich, denn sie zeigt einen seelischen Zustand, der John über die ganze Filmdauer unausgesprochen begleitet. Dass er verdächtigt wird, seine Frau umgebracht zu haben, scheint ihn weniger wegen der möglichen Folgen für ihn selbst als wegen der Idee, dass er seine Frau gehasst habe, an sich zu treffen. Auch in kleinen Details seiner Rolle zeigt Kinski seinen Perfektionismus, Gesten wie sein nervöses Spiel mit einer Zigarette und die abrupten Grobheiten gegenüber Christine und Alice sind lupenrein einstudiert.
Die Szene, in der John die Bars besucht, ist nicht nur wegen ihrer Bilder, sondern vor allem auch wegen ihrer wunderschönen musikalischen Unterlegung bemerkenswert. Nora Orlandis sehnsüchtig-melancholische Filmmusik trägt ganz entscheidend zur Wirkung von Fredas Werk bei. Dabei war die Komponistin auch als Sängerin des berückenden Titelliedes „Non dirmi una bugia“ tätig – für beide Funktionen werden im Vorspann jedoch Pseudonyme genannt. Das Lied taucht zum ersten Mal auf, als John seine Frau mit ihrer Gespielin Liz im Badezimmer ertappt und wird im folgenden noch des öfteren abgespielt werden, wobei er jedes Mal an seine Frau erinnert wird. Auf diese Weise bekommt das Lied eine gliedernde Funktion für die Filmhandlung oder markiert zumindest deren Gliederung. Auch weitere Stücke wie zum Beispiel die beinahe gewalttätig über Akkordbrechungen daherrauschende Klaviermelodie, die wir während des Vorspanns hören, bauen auf der harmonischen Struktur von „Non dirmi una bugia“ auf. Orlandi bedient sich virtuos verschiedener Tasteninstrumente wie des Cembalos und der Hammondorgel, um jedem Stück seine eigene Atmosphäre zu geben. Aggressive Rocktöne fördert sie ebenso zutage wie beunruhigende atonale Klangkulissen. Die Filmmusik ist in ihrer Melancholie und Sensibilität ebenso untypisch für die Wallace-Reihe wie der ganze Film, kann aber wohl zu den besten der Reihe gezählt werden. Nora Orlandi veredelte im übrigen auch Sergio Martinos Edel-Giallo „Lo strano vizio della Signora Wardh“.
Ein großes Thema des Films ist die Verbindung von Erotik und Gewalt. Das wird bildlich in dem Filmchen verdichtet, das zum entscheidenden Indiz für ein mögliches Überleben von Helen wird. Christine spielt hier mit einem Messer an ihrer maskierten Kollegin herum. Der Club, in den sie John mitschleift, wird von Rockern bevölkert, die im Vorbeifahren jungen Frauen die Kleider vom Leib reißen. So erlebt John eine Odyssee in eine Nachtwelt, deren Brutalität ihm aber gar nicht so fremd zu sein scheint, wenn er Christine etwa mit einer abgebrochenen Flasche zu Geständnissen zwingt. Weiterhin spürt Fredas Werk den psychischen Abgründen hinter einer großbürgerlichen Existenz nach, den fatalen Auswirkungen der Langeweile von Menschen, die zu viel besitzen, und ihren möglichen katastrophalen Auswirkungen. Die Narbe am Nacken von Helen dient als Wiedererkennungszeichen, erscheint aber auch als Zeichen für die verborgenen seelischen Wunden einer zu perfekter Repräsentation verpflichteten Edel-Gattin.
Wenngleich die mit offensichtlichen Modellen gestellten Auto- und Zugunfälle des Films sicherlich nicht mehr dem heutigen Stand der Technik entsprechen, kann er dafür mit herrlichen Innenausstattungen beeindrucken, vor allem, was Johns Villa und sein Bürogebäude betrifft. Auch die Ausleuchtung nächtlicher Gassen ist fabelhaft gelungen. Der Film gewinnt auf visueller Ebene viel Dynamik aus den plötzlichen Nahaufnahmen, in denen – wie es für den Giallo typisch werden sollte – Indizien wie Helens Narbe, ihr Ring und ihr Etui auftauchen.
Durch seinen virtuosen Hauptdarsteller, seine in ihren Bann ziehende Filmmusik und kleine gesellschaftsanalytische Akzente kann Riccardo Fredas Früh-Giallo als unterschätztes Werk gelten, dessen Qualitäten in der unpassenden Rolle eines Wallace-Krimis kaum wahrgenommen wurden.