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Chinatown (1974)

Eine Kritik von Der Ewige Lawrence (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 28.08.2007, seitdem 349 Mal gelesen


  In jeglicher Fachpresse ist man einhellig der Meinung, Chinatown wäre die perfekte Hommage für den Film Noir. Er wäre der perfekte Film Noir. Und insofern wäre er auch ein perfekter Film.

Hierzu sollte man vielleicht erwähnen, dass, obwohl sie in der gleichen Ära spielen, L.A.Confidential oder Black Dahlia, keinesfalls als Film Noir gelten können. Dafür sind sie viel zu sehr moderne Filme. Diese fallen eher in die Kategorie Hard Boiled Krimi oder vielleicht schlimmstenfalls Pulp.

Chinatown indes kann man getrost als Film Noir ansehen, aber dann wiederum auch nicht....

Exkurs: Kennen Sie John Huston? John Huston ist der Begründer des Film Noir. Mit die Spur des Falken hat er den ersten Film Noir abgeliefert. Die Spur des Falken hat alle wichtigen Bestandteile eines Film Noir: Einen undurchsichtigen Antihelden als Protagonisten, der ziemlich wendehalsig agiert, bis er endlich am Ziel ist. Eine ziemlich undurchsichtige, fast schon zu konfuse Story, die eigentlich nur als Vehikel dazu dient, den Zuschauer öfters in die Irre zu führen, schäbige Charaktere en Masse, jeder Menge korrupter Typen, eine sehr pessimistische Weltanschauung und natürlich die obligate Femme Fatale, mörderisch, gefährlich, gemein, und den Protagonisten öfters um den Finger wickeln könnend.Durch diesen Geniestreich konnte sich John Huston in Hollywood als Ausnahmeregisseur etablieren und genoß so zeitlebens Narrenfreiheit in der Wahl seiner Inszenierungen.

Das sieht man auch in seiner Filmographie, welche durchzeichnet ist mit der persönlichen Weltanschauung eines John Huston: Sehr selten ist dies eine heile Welt, öfters ist es eine dreckige, pessimistische Welt ohne Helden, nur Schurken. Diejenigen, die unschuldig sind, gehen entweder vor die Hunde oder werden solange korrumpiert bis sie genau in diese Welt passen. Einen absolut negativen Höhepunkt dieser Weltanschauung John Hustons bekommt man in dem formal perfekt inszenierten Brief aus (oder doch an?) Peking serviert, welcher auf dem Höhepunkt der damals noch jungen James Bond Reihe gedreht wurde und ein kalter Kriegs-Agenten Thriller sein soll. Nur so viel sei verraten: Der Film ist derart fies und zynisch, dass er eigentlich fast als menschenverachtend angesehen werden könnte, würde man nicht mehr über John Huston wissen.

Denn seine Werke, so düster sie auch mitunter sein mögen, sind meistens Anklagen gegen eine verrohte Gesellschaft, die sich selbst auf Grund von Marginalien zerfleischt. Da Huston nun mal kein Optimist ist, wählt er also das Mittel der griechischen Tragödie, um eine Reinigung beim Publikum durchzuführen. Auf der anderen Seite lässt er sich auch nicht von den Studiobossen und Konzernen verbiegen. Irgendwie verdient das schon Respekt. Ende des Exkurses.

Was hat das alles mit Chinatown zu tun?Erst mal ein Wort zu Polanski, dem Regisseur von Chinatown. Polanski war in den 70ern einer der besten Regisseure überhaupt, nicht nur war er ein phänomenaler Beobachter des kleinen alltäglichen Grauens (siehe der Mieter), er war auch ein meister des subtilen intelligenten Thrills. Ferner war er in jeglichem Genre zu Hause (sieht man auch in der formal perfekten Blutsauger-Klamotte Tanz der Vampire).Und wenn er sich vornimmt, als Hommage den perfekten Film Noir zu drehen, an wessen Film Noir wird er sich wohl orientieren?
Nun zum Vergleich Chinatown mit der Spur des Falken:
  1. Wir haben einen Privatdetektiv, der um seinen Fall zu lösen mit allen möglichen Leuten paktiert, scheinbar auf die Vorschläge aller möglichen Leute eingeht, sich von denen schmieren lässt. All das nur, um seinen Fall zu lösen.
  2. Da haben wir eine verzwickten Fall, in dem mehr auf dem Spiel steht als Anfangs ersichtlich
  3. Da sind die korrupten Leutchen, die alle durchs Bild hüpfen
  4. Da ist die vermeintliche Femme Fatale, undurchsichtig, lasziv, faszinierend
Aber: der Detektiv ist nicht skrupellos oder hart, er kriegt öfter was auf die Fresse oder die Nase, die vermeintliche Femme fatale entpuppt sich als erbärmliches Wesen, der verzwickte Fall ist relativ klar ersichtlich und nachvollziehbar, die Schurken tragen nicht zur Tragödie bei, sondern die korrupten Arschlecker.

Das Einzige, was dieser Film letztendlich mit einem gemeinen Film Noir gemeinsam hat, ist die düstere Atmosphäre, die Korruptheit des gesamten Systems, das pessimistische Grundbild der Gesellschaft.


Letztendlich könnte man diesen Film auch als eine eigene Interpretation Roman Polanskis der Werke John Hustons interpretieren und Hommage bezeichnen.Dafür sprechen vor allem zwei wichtige Punkte: John Hustons gar nicht mal so unwichtige Nebenrolle und das abrupte, verstörende Ende dieses ansonsten recht gemächlich vor sich hin laufenden Filmes.Dieses Ende vermittelt diesem Film eine kaum ertragbare Intensität und Bösartigkeit, ja sogar Garstigkeit, wie sie höchstens von Houston selbst inszeniert hätte werden können.
Also, insofern ist dies meines Erachtens eine großartige Hommage an Houston als Film Noir getarnt.
Kleine Fußnote am Ende: Dass Jack Nicholson und Faye Dunawaye exzellent spielen und eine Menge Magie versprühen, versteht sich von selbst. Und dass dieser Film mittlerweile ein oft zitierter Klassiker ist auch. Aber er ist mehr Houston als Noir.

8 Punkte


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