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Chinatown (1974)
Eine Kritik von Der Mann mit dem Plan (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 09.01.2004, seitdem 1179 Mal gelesen
Um sicherzustellen, dass keine neugierige Ohren die kommende Informationen erhaschen können, fragt ein Anrufer J.J. Gittes einmal im Film "Chinatown": "Sind sie allein?" Gittes' Antwort zeigt, dass die Figur des pessimistischen, fast schon nihilistischen Privatdetektivs, so wie sie seit der Glanzzeit des film noirs Tradition hat, hier auf die Spitze getrieben wird: "Wer ist das nicht?".
"Chinatown" ist eine visuelle und inhaltliche Verbeugung vor Hollywoods Schwarzer Serie, vor Filmen wie "Die Spur des Falken" oder "Goldenes Gift". Jene Filme, die meist von Korruption, Mord und Sex erzählen, und die fast immer auf die gleiche Art und Weise beginnen: Die femme fatale des Films betritt das Büro des Privatdetektivs und gibt ihm einen Auftrag, den beider Leben verändern werden soll. Doch bereits nach diesem klassischen Eintrag in noir-Gefilde, schüttelt "Chinatown" viele der Genrekonventionen ab, und baut seine eigene Regeln auf. Damit konstruiert "Chinatown" fast nebenbei ein eigenes Genre, den neo noir.
Im traditionellen Sinne des noir-Films erwartet man "Chinatown" so: Die femme fatale gibt den zynischen Gittes einen verwirrenden Auftrag, ihre wahre Motivation dreht sich allerdings um Juwelen, Geld, im Zweifelsfalle um alte Malteser. Am Ende stellt sich die Dame jedoch als eine der Drahtzieherinnen heraus, und der knallharte "hard boiled"-Privatdetektiv zeigt seine emotionale Distanz zu allem, was seinen Beruf ausmacht, und macht die Frau, die er unweigerlich, zumindest körperlich, geliebt hat, dingfest. Nicht so hier. Die Frau, die im Büro Gittes' (Jack Nicholson) steht, und ihn bittet, herauszufinden, ob ihr Gatte Hollis Mulwray (Darrell Zwerling) ein Verhältnis mit einer anderen habe, stellt schon die erste Hürde im Puzzlespiel "Chinatown"s dar.
Für Gittes ist der Auftrag leicht. Ein paar Observationen, und schon hat er ein paar nette Fotos von dem Wasserwerkchef Los Angeles', wie er mit einer blonden, sehr jungen Dame herumturtelt. Kaum hat Gittes die Informationen für Mulwrays Ehefrau zusammengesammelt, da werden diese in den Medien breitgewälzt. In Tagen, in denen Hollis Mulwray den Bau eines neuen Damms, der die drohende Dürre in L.A. verhindern soll, ablehnt, keine gute Publicity für den einflussreichen Mann. Wenig später wird Mulwray tot aufgefunden, und die Witwe Mulwrays wendet sich an Gittes. Zu dessen Überraschung ist es eine andere Frau, als jene, die ihn damals zur Verfolgung ihres Mannes angeheuert hatte. Diesmal ist es die echte Evelyn Mulwray (Faye Dunaway), durch die er in eine komplizierte Korruptionsaffäre um Wasser, Energie und Landbesitz, aber auch in eine riesige Familientragödie schliddert.
"Chinatown" spielt in Los Angeles des Jahres 1937, und fängt ein wunderschön bebildertes Porträt dieser Zeit ein. Stilvoll ausgestattet und ganz im liebevoll rekonstruierten Retro-Stil der Dreißiger Jahre entfaltet sich ein fantastischer noir-Film, der den Zuschauer auf eine fesselnde Reise durch die maroden Abgründe von Macht, Mord und Familie Kalforniens führt. Jack Nicholsons J.J. Gittes ist nicht jener extrem abgebrühter Privatdetektiv, der keinen Fall an sich herankommen lässt - er handelt am Ende sogar aus selbstlosen, von seiner eigenen Moral diktierten Gründen. Ein noir-Held mit Herz, wer hätte das erwartet. Und auch Evelyn Mulwray entpuppt sich nicht als lasche Karikatur der düsteren Auftraggeberfrauen der Schwarzen Serie, sondern als wirklich emotionsgeladene Figur, die eine echte, mitreißende Geschichte hinter ihrem Auftreten versteckt. "Die Spur des Falken"-Regisseur John Houston tritt als bulliger, hämischer Drahtzieher des Komplotts auf, bleibt in seiner Darstellung aber immer schmerzlich ruhig, besonnen, manierlich, steigert seine Rolle nie in etwas Comichaftes, Böses hinauf.
Trotz all der Variationen gegenüber der geliebten noir-Traditionen könnte Jake Gittes und "Chinatown" direkt aus einem Raymond Chandler-Roman entspringen. Allein die zynischen One-Liner Gittes' könnten es locker mit dem Philip Marlowe des Humphrey Bogart aus "Tote schlafen fest" aufnehmen. Und obwohl "Chinatown" in Farbe gedreht wurde, fügt er sich perfekt in die Schwarze Serie ein. Verzichtend auf den monochromen Effekt, mit dem man sicherlich interessante, formelle Spielereien mit Schatten erwirken kann, breitet Kameramann John A. Alonzo ein farbiges, kraftvolles Bild Kaliforniens zu einer schweren Zeit aus, ohne Atmosphäre und Funktionalität des Films innerhalb des noir-Kontextes zu zerstören.
Regisseur Roman Polanski, der selber einen kleinen Cameo-Auftritt in der berühmten Messerstecher-Szene hat, drehte das komplexe, oft ineinander verwinkelte Skript von "Chinatown" sehr zügig und läßt den Zuschauer nie Zeit, einmal richtig durchzuatmen. "Chinatown" verlangt dem Zuschauer vollste Konzentration ab. Wer einmal mit seinen Gedanken abschweift, der wird sich in einem Verschwörungspuzzle wieder finden, das er nicht mehr überschauen mag. Zwar erläutert Gittes im Dialog alle zwanzig Minuten brav noch ein paar Zusammenhänge, damit sich niemand überfordert vorkommt, aber dennoch passiert in "Chinatown" zu viel zu Wichtiges, als das man sich nur eine Sekunde Unaufmerksamkeit erlauben dürfte.
Das Ende von "Chinatown" ist dann der bittere Abgesang auf Gittes' Heldentum. Im Gegensatz zu dem Originalskript gibt es kein Happy End, sondern ein downbeat ending par excellence. In den letzten Minuten dieses fantastischen Films zeigt Polanski, worum es Gittes wirklich ging. Trotz all dieser riesigen Verschwörung, trotz aller Morde - sein Herz und seine Bemühungen galten Evelyn Mulwray. Aus der stereotypen knallharten P.I. wird ein aus zutiefst menschlichen Emotionen motivierter Mann. Zwar erzählt "Chinatown" die Geschichte von L.A., am Ende ist es jedoch eine persönliche Tragödie, die all die korrupten Machenschaften überschattet.
"Chinatown" ist kein Plagiat einer erfolgreichen Krimireihe Hollywoods. "Chinatown" ist die Hommage an das gesamte noir-Genre. "Chinatown" ist zweifellos der beste neo-noir Film, der je gedreht wurde. Jedes Detail stimmt in Vollendung: Drehbuch, Darstellung, Kamera, Musik - ein perfekt komponierter Krimi, der mitreißender, spannender und unterhaltsamer nicht sein könnte. "Chinatown", ein zynischer Klassiker der letzten großen filmischen Dekade Hollywoods, der Siebziger Jahre.
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