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Chinatown (1974)
Eine Kritik von Ulthar (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 08.03.2004, seitdem 417 Mal gelesen
Sechs Jahre nach "Rosemaries Baby" und fünf Jahre nach der brutalen Ermordung seiner schwageren Frau Sharon Tate kehrte Roman Polanski wieder in die USA zurück, um dort "China Town" zu drehen. Dieser Film sollte für Polanski zugleich sein Meisterwerk werden und eine Art Schlussstrich unter die persönliche Tragödie des jungen polnischen Regisseurs.
Angelehnt an die Filme der schwarzen Serie, den Film Noir, gelingt es Polanski ein bedrückendes Sittenbild einer Gesellschaft zu schaffen, die jegliche Moral und jeglichen Anstand verloren zu haben scheint. Zu dieser Erkenntniss muss letztlich auch die Hauptfigur Jake Gettis (Jack Nicholson) kommen, wenn alles wofür er zuvor gekämpft hat letztlich auf den Straßen China Towns seine Bedeutung verliert.
Dabei beginnt der Film wie eine klassische Raymond Chandler Verfilmung. Los Angelas in den 30er Jahren, eine Dürre hat sich über die Stadt gelegt. Wasser ist zu einem der wichtigsten Güter geworden und so ist Jake zunächst skeptisch als eine junge Frau in seinem Büro erscheint, die möchte das ihr Mann, der Chef der städtischen Wasserwerke, beschattet wird, da sie vermutet das er eine Affäre hat. Was nach so klassischem Muster beginnt, verwandelt Polanski in den folgenden zwei Stunden immer mehr in einen Überfilm, der den Zuschauer, ähnlich wie seinen Hauptprotagonisten Jake, auf eine Reise in die Abgründe führt. Der Film verlässt dabei immer mehr die ausgefahrenen Wege des Film Noir und entwickelt einen eigenen Stil, der bis heute höchstens noch in solcher Intensivität von "L.A. Confidential" erreicht wurde. Jede Kameraeinstellung, jedes Wort, jeder einzelne Augenblick ist wichtig, führt die Geschichte voran, treibt sie unausweichlich auf ihr tragisches und zutiefst verstörendes Ende hin. Dabei gibt Polanski dem Zuschauer nicht mehr Informationen als seiner Hauptfigur, lässt den Zuschauer ähnlich im Dunkeln tappen. Der Zuschauer muss sich den Film erarbeiten, darf keine Sekunde Aufmerksamkeit auf anderes verschwenden, wobei es bei Polanskis Inszenierungsstil und der Dichte der Geschichte auch unmöglich ist sich nicht vollkommen auf sie einzulassen.
Eine falsche Fährte jagt die Nächste, nichts ist sicher, keiner sagt die Wahrheit. Jake Gettis muss feststellen, das sich aus dem vermeintlich einfachen Fall einer geprellten Ehefrau ein Fall entwickelt, der ihn nicht nur in die höchsten politischen Kreise führt, sondern auch immer weitere Kreise zieht. Nichts und Niemand scheint unschuldig, jeder spielt ein Doppeltes Spiel, das sich erst nach und nach zu einer grausamen Familientragödie entspinnt. Polanski gelingt es die zunächst geradlinig und einfach verlaufende Story dabei geschickt aufzubrechen, immer mehr Fährten, manche Falsch manche wahr, legt er dem Zuschauer hin, ehe er sie in den letzten 10 Minuten meisterlich wieder zusammen führt und den Zuschauer ähnlich wie die Hauptfigur mit einer bitteren und brutalen Auflösung konfrontiert, die in den letzten Einstellungen in China Town ihre perfide Vollendung finden.
Basierend auf Robert Townes Skript, das 1974 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, übrigens der Einzige für das 11 mal nominierte Meisterwerk, war es Polanski selbst, der noch während der bereits laufenden Dreharbeiten das Buch weiterentwickelte, und letztlich auch das von Towne vorgesehene Happy End umschrieb. So war China Town zunächst auch nicht als Ort der Handlung im Script enthalten, sondern sollte (was es ja auch tut) als Symbol für Korruption und Unwirksamkeit des Gesetzes und seiner Vertreter stehen, ist zugleich aber auch Sinnbild für die Rolle von Faye Dunnaway.
Neben dem erstklassige Script sorgt insbesondere die detailverliebte und realistische Ausstattung des Films für seine fesselnde Atmosphäre. Egal ob Kostüme, Autos oder Ausstattung der Sets, hier ist wahrlich großes gelungen, das zudem noch durch eine nahezu perfekte Kameraarbeit eingefangen wurde. Es sind Bilder die im Gedächtnis haften bleiben, so etwa die berühmte Szene in der Nicholsons Nase zerschnitten wird, übrigens von Polanski selbst, der in einem kurzen Auftritt zu sehen ist, oder aber die Szenen in den Orangenplantagen.
Jack Nicholson, 1974 einer der zugkräftigsten Stars in Hollywood, bietet mit der Rolle des Ex Cops und Privatdetektivs Jake Gettis eine der bis heute besten Leistungen seiner Karriere. Sein Gettis wird von ihm als Mann dargestellt, der mit seiner Vergangenheit leben muss, der zugleich aber auch für sich beschlossen hat seinen Prinzipen zu folgen und dabei auch nicht zurückschreckt wenn es schmerzhaft wird. Das diese Einstellung ihn letztlich desillusioniert und gebrochen zurücklassen wird, deutet sich bereits vor dem Finale immer wieder in Nicholsons Spiel an, immer wieder gibt er Einblicke in das Innere des Detektivs. Neben Nicholson ist es Faye Dunaway, die dem Film ihren Stempel aufdrückt. Eigentlich war sie nur als Ersatz für Townes frisch geschiedene Ehefrau Ali McGraw zu der Rolle gekommen, doch es gelingt ihr die Rolle zu prägen, unschuldig und doch getrieben von einem düsteren Geheimnis, spielt sie die Frau des ermordeten Chefs der Wasserwerke. Grandios auch die Besetzung von John Huston, war er doch in den 40er Jahren Regisseur bei einem der besten Filme der schwarzen Serie, dem "Malteser Falken" mit Humphrey Bogart. So erweist Polanski dem Genre zugleich seinen Dank und verneigt sich eindeutig vor den filmischen Vorbildern.
Roman Polanski hat mit "Chinatown" einen seiner besten Filme, wenn nicht sogar den Besten, gedreht. Eine solch dichte Atmosphäre verbunden mit brillanten Schauspielern findet man selten. Mehr als 30 Jahre nach der Hochzeit des Film Noir belebte Polanski diese Genre neu, gab ihm zugleich aber auch eigene neue Impulse, die bis heute nachwirken. Ein unbestrittenes Meisterwerk, das man gesehen haben muss, wenn man sich auch nur im entferntesten für Filme interessiert. Einen Film der so nahe daran ist, perfekt zu sein, findet man nicht oft. 10 von 10 Punkten.
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