Review

„Und als die Hähne krähten, da ward mein Auge wach,
da war es kalt und finster, es schrien die Raben vom Dach!“

Die Geschehnisse am 18.Oktober 1977 wurden zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Wenn jetzt – im Jahr 2008 – ein Film wie der „Baader Meinhof Komplex“ in die Kinos kommt, der genau zu diesem Zeitpunkt endet, dann wirkt das wie der Versuch, einen Prozess darzustellen, der zu dieser „Explosion“ der Ereignisse an diesem Tag führte – die Befreiung der Geiseln aus einer Lufthansa Maschine in Mogadischu, der Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Stammheimer Gefängnis und die Ermordung von Hanns Martin Schleyer nach wochenlanger Entführung.

Doch es ist genauso ein Irrtum, eine Kontinuität in dieser Entwicklung erkennen zu wollen, wie den Herbst 1977 als deutlichen Wendepunkt zu interpretieren. Es war der Beginn eines schleichenden Prozesses, dessen Auswirkungen sich erst in der jüngeren Vergangenheit herauskristallisierten und es ist kein Zufall, dass sich zu diesem Zeitpunkt so namhafte deutsche Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Alexander Kluge mit Darstellern wie Mario Adorf, Heinz Bennent oder Hannelore Hoger zusammentaten und mit Hilfe von Heinrich Böll, der am Drehbuch mitwirkte, eine Film-Collage entwarfen, die ihre Emotionen angesichts der aktuellen Ereignisse ausdrücken sollte.

Herausgekommen ist dabei ein Stimmungsportrait, dessen Einmaligkeit sich aus der Unmittelbarkeit herleitet, in der die Beteiligten in unterschiedlichsten kreativen Formen ihre Gefühle ausdrücken. Das Konglomerat, das daraus entstanden ist, lässt sich nicht in Einzelteil dividieren. Zwar erkennt man jeweilige Stilmittel wie Alexander Kluges tendenziellen Dokumentarstil, Fassbenders melodramatisches Selbstporträt oder Schlöndorffs ironisches Fernsehspiel, aber die Szenen sind so eng miteinander verflochten, dass sich daraus ein vielfältiges Bild ergibt, das dem Betrachter die Möglichkeit belässt, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Angesichts des aktuellen Films nach Austs Buch, der mit einer Vielzahl von Fakten Objektivität vorzugaukeln versucht, wird bei Betrachtung dieses Films erst deutlich, welcher Mut darin bestand, sich seiner subjektiven Gefühle hinzugeben und damit auch angreifbar zu werden. Vergleicht man Form und Inhalt zwischen dem Film von 1978 und dem „Baader Meinhof Komplex“ fällt die Diskrepanz zwischen äußerer Auffälligkeit und inhaltlicher Tiefe auf, die auch ein Ausdruck des veränderten Zuschauerverhaltens ist.

Die kritischen Reaktionen auf „Deutschland im Herbst“ ließen damals nicht lange auf sich warten, denn ein Film ,der mit dokumentarischen Aufnahmen des Staatsaktes zur Beerdigung Hanns-Martin Schleyers beginnt und mit der schmucklosen Beerdingung von Ensslin, Baader und Raspe auf einem kleinen Friedhof am Rande Stuttgarts endet, entsprach nicht der vorherrschenden Meinung. Ein solcher Film, der keine klare Verurteilung der Terroristen beinhaltete, sondern persönliche Irritationen und Zweifel an rechtsstaatlichen Methoden ausdrückte, die fehlende Verarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus verdeutlichte und Erklärungen für die Geschehnisse zu finden versuchte, konnte so nur von „Links“ kommen. Diese politische Einordnung ist sicherlich richtig, aber sie genügte schon, einen Film zu diffamieren, der zwar kein Geheimnis um seine subjektive Emotionalität machte, aber gleichzeitig den Versuch verdeutlicht, seine eigenen Gedanken zu ordnen und damit auch innere Unsicherheit ausdrückte.

Im Gegensatz zu einer Aussage wie „Seht sie nicht so, wie sie nicht waren“, die Brigitte Mohnhaupt am Ende vom „Baader Meinhof Komplex“ in den Mund gelegt wird, fehlt es in „Deutschland im Herbst“ an konkreten, griffigen Aussagen. Trotzdem bleibt immer deutlich, dass Niemand der Beteiligten die Morde und Gewalttaten gut heißt, nur rechtfertigen diese aus ihrer Sicht nicht automatisch das Handeln des Staates. Sehr gut drückt das Fassbender in seinem sehr persönlichen Film aus, der schon wegen des Zusammenspiels mit seinem damaligen Lebensgefährten Armin Meier, der sich nur kurz nach der Entstehung des Films und der Trennung von Fassbender das Leben nahm, tief berührt, wenn er seine Zweifel am Selbstmord der drei „RAF“- Mitglieder formuliert. Er tut dies in der Diskussion mit Meier, der eine radikal andere Meinung vertritt (die dazu führt, dass sie sich prügeln und er ihn kurzfristig aus der Wohnung schmeißt) und mit seiner Mutter Liselotte Eder, die empfiehlt, lieber die Klappe zu halten, weil sonst schnell der Einruck des Sympathisanten entstände.

Fassbender kann sich einfach nicht vorstellen, wie Jemand wie Baader in den Besitz einer Waffe gelangt ist, obwohl er sich im sichersten Gefängnis Deutschlands befindet, in dem jeden Tag dreimal die Zelle untersucht wird. Damit drückt er die damaligen Zweifel aus, ohne konkrete Schuldzuweisungen zu nennen. Nur galt eine solche Annahme allein schon als ungeheuerlich, weil sie dem Staat zumindest die Möglichkeit des unkorrekten Verhaltens unterstellte. Wenn ein Film wie „Der Baader Meinhof Komplex“ heute in scheinbar dokumentarischer Art zeigt, wie die Waffen in das Gefängnis geschmuggelt wurden, dann ändert das nur wenig an dem von Fassbender ausgedrückten Lebensgefühl. Im Stil eines Kriminalfilms werden für den damals noch nicht beteiligten Zuschauer erklärende Fakten gezeigt, die sich erst deutlich später herausstellten und trotzdem nicht endgültig erklären können, warum dem Wachpersonal und Geheimdienst nichts aufgefallen ist. Für einen jüngeren Zuschauer mag das genügen, wer nie Zweifel hatte, wird sich bestätigt fühlen, aber den damals bei Vielen erzeugten Gefühle wird damit nicht widersprochen.

Der Authentizität und der künstlerischen Umsetzung hat ein Film wie „Der Baader Meinhof Komplex“ nichts entgegen zu setzen, aber es ist ein Ausdruck der Veränderung im gesellschaftlichen Selbstverständnis Deutschlands, dass „Deutschland im Herbst“ kaum Jemand kennt, während Eichingers neueste Produktion einen Block-Buster-Status erhält. Schon die 68er Studentenrevolte scheiterte letztendlich an der fehlenden Unterstützung in der Bevölkerung und auch die „RAF“ verlor nach 1977 zunehmend an Zugkraft. Obwohl es danach noch einige schwerwiegende Attentate gab, konnten diese niemals mehr die Hysterie erwecken, wie sie im „deutschen Herbst“ vorherrschte – der Zenit an staatlicher Verunsicherung war überschritten, auch weil neue Gesetze eingeführt wurden, die die Bürgerrechte einschränkten und damit die Strafverfolgung erleichterten.

Bei aufmerksamer Betrachtung des Films erkennt man Zeichen für diese kommenden Veränderungen, wie etwa in den Worten des damals noch inhaftierten Horst Mahler, der später in die NPD eintrat, aber vor allem in der Tatsache, dass er eine Momentaufnahme darstellt, die eine Entwicklung zwingend nach sich zieht, ohne zu wissen, in welche Richtung diese führt. Gerade das macht den Film aus heutiger Sicht so wertvoll, da er dieses Lebensgefühl auch den damals noch nicht dabei Gewesenen vermitteln kann, und Jeder für sich daraus eigene Erkenntnisse gewinnen kann, wie er die letzten 30 Jahre der Entwicklung in Deutschland beurteilen will. Im Zentrum des Films erklingt Schuberts Lied „Frühlingstraum“ aus der Winterreise, aber im Film wird die letzte Zeile weggelassen, in der der Träumer versucht, wieder in den Traum zurückzukehren, aus dem er brutal geweckt wurde :

„Doch an den Fensterscheiben, wer malte die Blätter da ? -
Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah ?“ (10/10)

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