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EIN DICKER, TOTER MANN

Im Wasser ist ein dicker, toter Mann, ein saufender Cop will den Grund wissen, ein kleiner Gauner benutzte den dicken Mann, ein kiffender Assi schikanierte den dicken Mann, ein Sheriff ist der Sache auch noch auf der Spur. Am Ende ist der Fall gelöst, nur kommt während des Films nie so richtig das Gefühl auf, dass da überhaupt ein Fall ist.

Auf mehreren Ebenen kommt die kleine Independent-Produktion Interstate 84 nicht über das Niveau eines bemühten TV-Krimis hinaus. Eher noch erweckt der Film den Eindruck, völlig unausgegoren, unausgewogen, unüberlegt, unentschlossen und uninspiriert zu sein. Da stehen sich die Figuren gegenseitig auf den Füßen, ohne dass klar würde, um wen oder was es nun hauptsächlich geht. Da bekommt jede der Figuren ihren Hintergrund: der saufende Cop hat natürlich eine kaputte Beziehung in petto, was aber egal ist, denn irgendwie geht es ja gar nicht um ihn; der kiffende Assi ist eigentlich nur ein Großmaul, das von Mama gehauen wird und seinen Frust seinerseits an Schwächeren auslässt, was aber egal ist, denn irgendwie geht es ja gar nicht um ihn; und so weiter und so fort, bloß: worum geht es denn irgendwie? Oh ja, es geht irgendwie um Glaube und Schicksal und die dunklen Seiten des Lebens und Blablabla. Wie kommt man denn darauf? Na, da sieht man doch des Nachts ein Neonkreuz leuchten und da hatte doch der Dicke nur wenig mehr als eine Bibel bei sich - das müsste genügen, damit unser Filmchen ein wenig Tiefe gewinnt. Ein Trugschluss: die Geschichte dümpelt auf der Oberfläche dieser Tiefe wie eine Wasserleiche im Nichtschwimmerbecken.

Dazu kommen die filmischen Unzulänglichkeiten. Zahlreiche Kameraeinstellungen konnten wohl lediglich mehr oder weniger out of focus gelingen. Die Dialoge kommen stellenweise aus der Autorenwerkstatt und deshalb gibt es meist statt eines Gesprächsverlaufs einen Gesprächsablauf zu hören. Die Schnitte sind mitunter so begabt, dass sich z.B. der kurze Sprint vom Kühlergrill eines Autos zur Fahrertür mirakulös in die Länge zieht, und der Film wäre zu kurz, hätte man auf die blau-rot und nachtclubgrell erleuchteten Bilder von Tittentänzerinnen verzichtet, die nichts weiter erzählen als "blau", "rot", "Nachtclub" und "Tittentänzerin" - und natürlich, dass der saufende Cop echt durch ist.

Zu allem Überfluss macht Interstate 84 den dramaturgischen Fehler, ein und dieselbe Geschichte unnötig und gleich mehrfach zu zersplittern. Da ist zum Einen die bereits genannte Gleichgewichtung der Figuren, die nicht eigentlich zu zahlreich sind, aber deren undifferenzierte Hervorhebung eher verwirrt. Da ist zum Zweiten die Brechung des linearen Erzählens durch umfangreich ausgestaltete Rückblenden, in denen ausgehend von den Aussagen des kleinen Gauners und des kiffenden Assis nach und nach die Geschichte des Dicken klarer wird (hier wird auch reichlich unmotiviert nach und nach gesagt, was auch viel früher schon gesagt sein könnte - man dankt der begnadeten Gesprächspsychologie der Gesetzeshüter, wo immer sie in diesem Film auch sei). Und da ist zum Dritten ein vermurkster Handlungsaufbau, der die zweite Hälfte des Films ganz einschränkt auf eben die beiden Gespräche: der kleine Gauner quatscht mit dem saufenden Cop im Steinbruch, der kiffende Assi wird vom Sheriff in der Polizeistation verhört. Das zusammen ergibt einen dramaturgischen Quark, bei dem es völlig egal ist, ob er links- oder rechtsdrehend ist. Der Film verzettelt sich formal ebenso wie er es auf inhaltlicher Ebene tut, nur ist das in diesem Fall leider kein Pluspunkt aufgrund der Übereinstimmung von Form und Inhalt. Der Zuschauer wohnt stattdessen einem 90-minütigen Schwächeanfall von Drehbuch und Montage bei.

Wenn man als Zuschauer nicht aus Einsicht und kraft des grundsätzlichen Rechtes, woanders hin zu schauen, vorspult, abbricht oder woanders hin schaut, summiert sich das alles zu einem Ärgernis von Kriminalfilm, vor dem man Passanten ruhig warnen kann: bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

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