Ansicht eines Reviews

Wüstenplanet, Der (1984)

Eine Kritik von *RM (aka Alfred Bester) (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 06.04.2004, seitdem 1731 Mal gelesen


Die filmische Adaption des klassischen und weltweit erfolgreichen „Dune“ - Stoffes aus der Feder von Kultautor Frank Herbert kann auf eine ähnlich turbulente Vorgeschichte wie die „Herr der Ringe“ – Verfilmungsversuche zurückblicken. Im Laufe der 70er Jahre blieben viele Ansätze auf der Strecke, selbst „Alien“ - Macher Ridley Scott wurde einmal als Betreuer des Projekts „Dune“ gehandelt. Doch über Ansätze kam man aus drehbuch- und produktionstechnisch bedingten Unstimmigkeiten nie hinaus. Doch Produzent Dino DeLaurentiis ließ von seinem Vorhaben nicht locker und verpflichtete „Elefantenmensch“ – Regisseur David Lynch (heute bekannt v.a. durch „Alien III“, „Twin Peaks“ und „Sieben“), der ein gewaltiges Kinoprojekt organisierte und fast 45 Millionen Dollar verpulverte, bis sein Werk es in einer etwa 130 Minuten langen Fassung im Jahre 1984 auf die große Leinwand schaffte.

... um weit hinter den Erwartungen zurückzubleiben, finanziell und inhaltlich.
Was war geschehen?

Zum Inhalt:
Die Galaxis verzeichnet das Jahr 10191, und ihr Herrscher ist Imperator Shaddam IV., der die Macht innehat in einem gigantischen galaktischen Reich voller mächtiger Fürstenhäuser. Daneben kommen mächtige Positionen dem religiösen Frauenorden der Bene Gesserit und den Navigatoren zu, mutierten Wesen, die dank der Kraft der Melange, des „Spice“, die Raumschiffe der Flotte durch die Kraft ihrer Gedanken steuern und kontrollieren können und so den interstellaren Raumflug möglich machen. Das „Spice“ ist eine Droge, gewonnen durch die Sandwürmer auf dem lebensfeindlichen Wüstenplaneten Arrakis, dem einzigen Ort im Universum, wo das Spice gefunden werden kann. Aus machtpolitischen Gründen lockt Imperator Shaddam Herzog Leto Atreides als Verwalter auf den Wüstenplaneten, um ihn durch das verräterische Haus der Harkonnen in eine tödliche Falle zu locken. Sein Sohn Paul und seine hellseherisch begabte Geliebte Jessica können dem Angriff der Harkonnen jedoch entkommen und finden Zuflucht beim versklavten und geflohenen Wüstenvolk der Fremen. Zusammen mit diesem rüstet Paul, der in der Nähe des Spice seltsame Veränderungen durchmacht, zum Kampf gegen Shaddams Pläne und die Besatzungsmacht der Harkonnen. Auf Arrakis entbrennt ein gigantischer Kampf um Macht und Herrschaft in der Galaxis...

Regisseur Lynch hat sich eine fast nicht zu meisternde Last aufgebürdet: Herberts „Duniversum“ ist keine leicht aufnehmbare Gute-Nacht-Geschichte, es ist der (in Romanform noch um einen ganzen Zyklus erweiterte) Entwurf einer archaischen Zukunftsvision voller machtpolitischer Ränkespiele, ökonomisch und auch ökologischer Verquickungen und zahlreicher spiritueller Elemente, versetzt mit einer Fülle eigener Sprachkonstruktionen. Da bedarf es mehr als einer einleitenden Erzählerstimme aus dem Off, auch wenn Lynch sich vielerorts sichtlich bemüht, der Tiefe der Vorlage gerecht zu werden.
Nächstes Problem: Die filmische Adaption musste ja auch dem Herbert-unkundigen Kinogänger zugänglich gemacht werden. Der war Anfang der 80er aber das verspielte und inhaltlich weitaus simplere „Star Wars“ – Universum aus George Lucas’ Feder gewöhnt, mit schwer atmendem Erzbösen, kleinen Robotern, vielen Laserschießereien und kämpfenden Teddybären. Diese Eindrücke waren mit Herberts Zukunftspanorama wenig kompatibel. Einen intellektuellen Maßstab in Sachen Science Fiction hatte uns Ende der 60er bereits Stanley Kubrick mit seiner „2001“ – Odyssee an die Hand gegeben, und im Fernsehen kannte man noch die liebenswerte alte Kirk-Crew im geordneten „Star Trek“ - Universum. Das einzige, was den Zuschauer auf das gänzlich abgehobene, fremde Universum des „Dune“ - Kosmos hätte vorbereiten können, war der Industrial Look des Klassikers „Alien“, ein SciFi-Streifen, der seine Faszination aber primär aus den Mitteln eines anderen Genres bezog, dem Horror.
So musste Lynch sich um die schwierige Präsentation eines stilistischen Mittelwegs bemühen, darüber hängend das alte Damoklesschwert aller Literaturverfilmungen: Die Erfüllung der Wünsche des Mainstream-Consumers und des Romankenners gleichermaßen.

Und nun schwankt „Dune“ zwischen großem Science – Fiction – Politthriller, einer Menge bizarrer, symbolhafter Fantasy-Esoterik, einer mythischen Märchenhaftigkeit, verkappten Actionszenen und eingestreuten Off-Kommentaren, die uns die Gedanken der hippiehaft philosophierenden Protagonisten näher bringen sollen.
Inhaltlich funktioniert dies selten ganz, die Story um den „Spice“ - Machtkampf und Pauls messianisch überfrachteter Werdegang entwickelt sich mal schleppend, mal zu rapide, und selten ausgeglichen. Die erste Filmhälfte mag Romankenner aber in Sachen Adaption noch zufrieden zu stellen, in der zweiten Hälfte entfernt sich Lynchs Interpretation merklich von Herberts Vorlage, um schließlich einer eigenen symbolbehafteten Auflösung zu frönen.
Als archaisch-feudale Zukunftsvision, abgekoppelt von der literarischen Vorlage, kann der bemühte Streifen aber vielfach punkten: Lynch offeriert dem Zuschauer eine erdrückende visuelle Kraft, zelebriert durch eine Vielzahl beeindruckender Kulissen und detailliert hergerichteter Lokalitäten, bemerkenswerter Kreaturschöpfungen (die Navigatoren und die Sandwürmer) und passenden Kamerakompositionen. Daneben agiert eine namhafte Darstellerriege um Kyle MacLachlan, Linda Hunt, Jürgen Prochnow, Max von Sydow und anderen, die aber nicht richtig zueinander zu finden scheint. Es gelingt selten, den an sich bedeutungsschwangeren Personenkonstellationen Leben einzuhauchen, zu sehr verhaftet sind die Macher in ihrem religiös-mythischen Überbau, der Sympathien und Identifikationen erdrückt.

Was soll ich nun abschließend zu David Lynchs „Dune“ sagen?
An diesem Streifen scheiden sich noch heute die Geister. Für viele gehört er zu den größten Meisterwerken anspruchsvoller Science Fiction, andere sehen in ihm einen netten, aber nicht vollkommen gelungenen Versuch, wieder andere zerreißen ihn buchstäblich in der Luft und konstatieren pure Langatmigkeit und überholte Effekte als Quintessenz des Sandwurmepos.
Ich persönlich mag den Film, wenn ich ihn auch nie zu einem gelungenen Kinoerlebnis stilisieren könnte. Lynchs „Wüstenplanet“ – Interpretation lebt v.a. von seiner visuellen Opulenz und der Einbettung neophilosophischer Gedankenspielchen in ein Quasi-mittelalterliches Zukunftsszenario. Zu den Figuren findet man praktisch nie, und der tiefere Zugang zu Handlungen und Motivationen der gezeigten Abläufe bleibt dem Zuschauer aufgrund zu großer Fremdartigkeit meist verwehrt. Und dennoch liegt gerade in dieser Fremdartigkeit und bewussten Mystifizierung mancher Mainstream-kompatibler Inhalte des Films der eigentliche Reiz dieser filmgewordenen SciFi-Esoterik-Saga.
Eines kann mit Sicherheit festgestellt werden: Lynch hat sich viel Mühe gegeben, dem Stoff einen Platz in der Filmgeschichte zu sichern, und er hat es geschafft, wenn auch die eigentliche Qualität umstritten bleibt. „Dune“ gewinnt sicher an Gunst, wenn man ihn als eigenständiges Werk der Science Fiction betrachtet, allerhöchstens inspiriert von Herberts Vorlage, als autarkes Zukunftsmärchen mit vielen Experimenten, abseits der Prämissen einer reinen Literaturverfilmung.


P.S. --> Hinweis zu den Fassungen:
Die etwas über 130 min. laufende Kinofassung ist die von Regisseur David Lynch autorisierte Fassung, auch wenn er sich offenbar oftmals nicht zufrieden mit dieser Variante zeigte. Die 3-Std.-Fassung basiert auf einer TV-Ausstrahlung, in der viel vorher nicht zu sehendes Material gezeigt wird, das dem Film zumindest zum Teil weitere erzählerische Tiefe verleiht, von vielen aber auch streckenweise als langweilig empfunden werden könnte. Von dieser Fassung hat Lynch sich distanziert, als Regisseur wird daher das in solchen Fällen gängige Synonym „Alan Smithee“ verwendet. Der Film ist hier TV-like nur im 4:3-Vollbildformat zu betrachten, außerdem können einige fehlende Effektfertigstellungen (unzureichendes Nachkolorieren der Fremen-Augen etc.) beobachtet werden.
Übrigens versuchte sich 1999/2000 Regisseur John Harrison in Form einer dreiteiligen TV-Miniserie erneut an dem Stoff.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "*RM (aka Alfred Bester)" lesen? Oder ein anderes Review zu "Wüstenplanet, Der (1984)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von *RM (aka Alfred Bester)

Zurück





Copyright © 1999-2012 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

842 Besucher online





Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Mein wunderbarer Waschsalon (1985)
Hereafter - Das Leben danach (2010)
Get the Gringo (2011)
Blade 2 (2002)
Shaolin - Warteliste des Todes (1979)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich