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No Country for Old Men (2007)
Eine Kritik von Rollo Tomasi (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 03.03.2008, seitdem 1340 Mal gelesen
SPOILER
Seit Mitte der 80er Jahre liefern die Brüder Joel und Ethan Coen einigermaßen regelmäßig Filme ab, die sich durch formale Perfektion, ausgefeilte Charaktere und skurrile Handlungsverläufe auszeichnen. Ihre Wurzeln haben sie im Thriller-Genre.
Mit "Blood Simple" haben sie einen kleinen schmutzigen Thriller vorgelegt, der schon viel von ihrer Meisterschaft in sich trägt. Bei "Miller's Crossing" ist dann auch die Besetzung schon erlesener. Nach ebenso ergiebigen Ausflügen ins Fantastische ("Barton Fink", der dann erste wichtige einige Preise gewinnen konnte), in die Komödie ("The big Lebowski") und die Tragödie ("The man who wasn't there") kehrten Sie Anfang der 90er mit "Fargo" wieder zum Thriller-Genre zurück. "Fargo" sollte der bis dahin größte Erfolg der beiden Brüder werden. Völlig zurecht wurde das Drehbuch der Coens mit Oscar ausgezeichnet. Alle diese Filme setzten vor allem auf hervorragend ausgearbeitete Charaktere. Selbst kleine Nebenrollen konnten mit ihren Texten glänzen.
Mit ihrem neuesten Werk "No country for old men" kehren sie nach der durchschnittlichen Komödie "Ein unmöglicher Härtefall", die dann eigentlich nur noch die witzigen Charaktere zu bieten hatte, aber keine wirklich gute Geschichte mehr, und dem völlig überflüssigen Remake des Komödien-Klassikers "Ladykillers" ein weiteres Mal zu ihrer Spezial-Disziplin, dem Thriller zurück. Zwar hat auch dieser Film die herausragend ausgearbeiteten Charaktere zu bieten, aber im Vordergrund steht die Geschichte. Der Film stellt darüber hinaus eine Rückkehr zu den Wurzeln der Coen-Brüder dar. Ähnlich wie ihrem Frühwerk "Blood Simple" ist die Grundstimmung des Films ist grimmig und pessimistisch.
Bei allen Gemeinsamkeiten mit ihren alten Filmen unterscheidet sich "No country for old men" aber auch erheblich von ihren anderen Werken.
Man kann den Coen-Brüdern bei all ihrer formalen Meisterschaft vielleicht einen Vorwurf machen: Die Filme haben keine Botschaft, sie sagen nichts aus, stehen für sich.
Man kann fast den Eindruck gewinnen, dass die Coens diesmal auf Nummer sicher gehen wollten und sich für die Aussage des Films besonders viel Zeit genommen haben. Sie haben zu diesem Zweck an ihren Thriller quasi noch einen weiteren Film, einen Dialog-Film angehängt, in dem es fast ausschließlich um die Botschaft geht. Der Überbringer dieser Botschaft im Film ist Tommy Lee Jones in der Rolle des "alten" Sheriffs Ed Tom. In verschiedenen Gesprächen mit einem älteren Polizisten, einem nicht näher vorgestellten Freund und seiner Frau spricht er darüber.
Er beklagt sich über die Verrohung der Sitten, die Grausamkeit der heutigen Verbrecher, die vor nichts mehr Respekt haben und nicht einmal einen Grund für einen Mord brauchen. Er fühlt sich dieser Situation nicht mehr gewachsen. Er geht den modernen FBI-Agenten bei Ermittlungen aus dem Weg, führt die Untersuchungen auf seine Weise durch und kommt immer zu spät. Schließlich zieht er die Konsequenzen und geht in den Ruhestand. Er fühlt sich zu alt für dieses Land. Für seine Frau ist er zu Hause keine Hilfe. Es bleibt ihm nur noch, auszureiten, wie es im wilden Westen Usus war. Sein Vater war auch Sheriff und musste zu seiner Zeit nicht mal eine Waffe tragen. In einem Traum am Ende des Films erscheint ihm sein Vater, von dem er wusste, dass er sich immer auf ihn verlassen konnte, auch ohne viel Worte. Mit diesem Traum macht der Film einen Bogen zum Anfang des Films. Ed Tom weist auch hier schon auf die Verrohung der Menschen hin, die ihn am Ende resignieren, aufgeben lässt. Der filmische Kreis schließt sich.
In einer Rückschau lässt sich sagen, dass es im Grunde in vielen Filmen der Coens um die Verrohung der Menschen geht, die aus niederen Beweggründen bereit sind, Grenzen zu überschreiten. Der Friseur in "The man who wasn't there" erpresst den Chef seiner Frau, um an Geld zu kommen. Der Autoverkäufer in "Fargo" will seine Frau entführen lassen und gerät damit in einen Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Dass die Coens einen direkten Zusammenhang zwischen "Fargo" und "No country for old men" herstellen wollen, mag man auch an den ersten Spielszenen von "No country for old men" erkennen. Am Ende von "Fargo" sitzt einer der verrohten Gangster auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens. Am Anfang von "No country for old men" wird diese Szene gedoppelt: Wieder wird ein Verbrecher auf den Rücksitz eines Polizeiwagens gesetzt.
Was die Botschaft der Filme der Coens angeht, stellt "No country for old men" sozusagen die Quintessenz vieler Filme der Coens dar.
Für die Botschaft des Filmes hat die Figur des alternden Sherriffs entscheidende Bedeutung. In den vorhergehenden Thriller kann er kaum eingreifen.
In diesem ersten Teil des Films geht es im Wesentlichen um das Duell zweier Männer.
Der eine, Lowellyn Moss (Josh Brolin), ist ein bauernschlauer Typ, der in dem schmutzigen Geld, das er in der Wüste findet, seine Chance sieht. Auch er ist im Grunde viel zu alt für dieses Land. Wie kann er nur auf die Idee kommen, einem mexikanischen Killer Wasser zu bringen, nur weil der danach verlangt hat? Wer in der heutigen Zeit so gutmütig ist, muss mit den Konsequenzen "leben" - oder eben nicht.
Der andere, Anton Chigurh (Javer Bardem), ein psychotischer Killer, passt eigentlich genau so wenig in die moderne Zeit. Er hat sich aber mit den modernen Errungenschaften arrangiert, benutzt z. B. (scheinbar ungern) einen Peilsender zum Auffinden des Geldes, aber er scheint fast erstaunt und verwirrt zu sein, als der Sender plötzlich zu piepen beginnt.
Dass beide trotz aller Unterschiede miteinander in Beziehung stehen, wird wieder durch die Verwendung von Dopplungen verdeutlicht. Beide kommen an den Ort des Massakers. Während Moss zum Ort des Geschehens zurück fährt, um einem halbtoten mexikanischen Killer Wasser zu bringen, entledigt sich Chigurh bei der Gelegenheit ungeliebter Mitwisser.
Beide werden verletzt - an ähnlichen Stellen, an der Schulter und an den Beinen. Chigurh besorgt sich in einer Apotheke auf seine ihm eigene Art und Weise immerhin Medikamente. Moss hingegen behilft sich zunächst einmal auf die alte, simple Weise mit einem Stück Stoff.
Die ersten 90 Minuten des Films stehen fast ganz im Zeichen des in klassischer Western-Manier funktionierenden Duells dieser beiden Männer.
Hier zeigt sich die Meisterschaft der Coens auf eindrucksvolle Weise.
Der Film kommt fast ohne Musik aus und ist dennoch in der Lage, fast greifbare Spannung zu erzeugen. Auch der Inszenierungsstil ist an die Botschaft des Films angepasst. In langen, erfreulich altmodischen aber nicht minder wirkungsvollen Einstellungen wird die Geschichte erzählt. Auf die leider heutzutage fast üblichen schnellen Schnittfolgen wird gänzlich verzichtet. Dann punktet der Film durch das Drehbuch, das Dialoge enthält, die man in dieser Qualität lange nicht mehr auf der Leinwand bewundern durfte, und die, wie bei den Coens üblich, mit lakonischem Humor garniert sind. Und schließlich werden diese Dialoge dann auch noch von exzellenten Darstellern interpretiert. Josh Brolin, der sich in der letzten Zeit durch geschickte Rollenauswahl (u. a. in "Planet Terror") in Hollywoods A-Liga gespielt hat, spielt den um seine Chance kämpfenden Schweißer mit einer Mischung aus Naivität und Bauerschläue. Und Javier Bardem, mit Sicherheit einer der besten Schauspieler der heutigen Zeit, gibt mit der Verkörperung des irren Killers Chigurh eine weitere Glanzvorstellung ab. Mit wenigen Gesten, kaum Mimik und einer fast freundlichen Stimme verleiht er seinem Charakter eine Undurchdringlichkeit, wie sie bedrohlicher nicht sein könnte. Mit seiner Konsequenz, seiner Cleverness und seiner Überlegenheit steht Anton Chigurh in der Tradition der ganz großen Bösewichter der Filmgeschichte, sei es Hannibal Lecter oder Michael Meyers.
Schon in den ersten Einstellungen, die karge, nicht durch die Menschen modernisierte Landschaft zeigen, glaubt man den Staub der Wüste spüren zu können. Ein erster Höhepunkt ist dann sie Szenenfolge, in der Moss das Massaker entdeckt, selbst entdeckt und schließlich von einem Hund im Wasser verfolgt wird. Diese Szenen vereinen auf wunderbare Weise Komik und Spannung. Inszenatorisches Highlight ist der westernmäßige Shootout in leeren Straßen ziemlich genau in der Mitte des Films, beginnend mit der Szene im Hotelzimmer, die an Spannung kaum mehr zu überbieten ist.
Weitere Höhepunkte sind eigentlich alle Szenen, in den Chigurh auftritt. Schon die erste Szene im Polizeirevier ist gekennzeichnet von enormer Kraft, und damit ist nicht nur Chigurhs körperliche Kraft gemeint. Die Szene auf der Landstraße, in der er freundlich einen Autofahrer bittet, stillzuhalten (übrigens gibt es auch zu dieser Szene eine Dopplung, denn auch Moss bittet das Tier am Anfang still zu halten, damit er es auch treffen kann), ist im wahrsten Sinne ein Schlag vor den Kopf. In der Tankstellen-Szene vermag Bardem nur mit dem Spiel seiner Augen einen Schrecken zu verbreiten, die einem kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Aber gleichzeitig wirkt er durch seine linkische Art irgendwie komisch - das ist schlicht meisterhaft gespielt. Allein über die Frage an den Kopfgeldjäger (Wooody Harrelson), der ihm, wie so viele, irgendwann einmal in einem Hotelzimmer gegenüber sitzt, könnte man stundenlang nachdenken: "Wenn dich die Regel, nach der Du lebst, hier her geführt hat: Was ist diese Regel dann Wert?"
Im Finale des ersten Teils schließlich gelingt es den Coens wieder einmal, alle Erwatungen des Zuschauers zu brechen. Keine Schießerei! Kein finaler Shootout! Man kann den Verlauf nur erahnen. Der Verzicht auf diese Gelegenheit zur Zurschaustellung von Gewalt, zeigt deutlich, dass es den Coens darauf nicht ankommt. Im Gegenteil: Würde eine explizite Darstellung der Schießerei nicht auch bedeuten, dass man die Verrohung der Menschen irgendwie doch cool findet?
Apropos Hotelzimmer: Die Zimmernummern sind sicher nicht zufällig gewählt. Moss steigt in drei Hotelzimmern ab, das erste hat die Nummer 138, das zweite die Nummer 213. Beide Nummern enthalten die "13", eine Zahl die im Allgemeinen als (Un-)Glückszahl angesehen wird. Sein Schicksal ereilt ihn dann im dritten Hotel in Zimmer Nummer 114. Daneben liegt Zimmer 112. Die 113 gab es nicht.
Das ist nur eines von vielen Puzzlestücken, die zusammengesetzt das zweite große Thema des Films ergeben: das Schicksal, dem man nicht entrinnen kann, die Winzigkeit, die über Glück oder Pech entscheidet.
Chigurh personifiziert dieses Schicksal. Häufig stehen oder sitzen ihm Personen gegenüber, die ihm ausgeliefert sind. Und manchmal lässt er das Glück entscheiden, was nun geschehen soll.
In einer der letzen Szenen des Films sagt der Sheriff, er hätte sich gewünscht, dass Gott sich ihm einmal zeigt. Wenn er mit Gott das Schicksal meint, so hat er versucht, sich seinem Schicksal zu stellen, als er in das Zimmer mit der Nummer 114 eingetreten ist. Man könnte fast sagen, dass er in seiner Situation, in der er versagt hat, in der er sich nutzlos vorkommt, den Tod gesucht hat. Aber das Schicksal, oder Chigurh, der offenbar anwesend war, hat sich nicht gezeigt. Er "muss" weiterleben.
Der Film ist durchzogen von Situationen, in der eine Winzigkeit über Tod oder Leben entscheidet. Am Anfang hätte Moss der Hund oder eine der vielen Kugeln auch erwischen können. Der Fahrer des Wagens, denn Moss anhält, um vor Chigurh zu fliehen, wird von einer Kugel getroffen, er sitzt nur knapp daneben. Selbst Chigurh ist vor den Wendungen des Schicksals nicht sicher. Nur durch Zufall entdeckt er mit dem Peilsender das Geld. Und am Ende fährt er deutlich sichtbar über eine grüne Ampel, aber das rettet ihn nicht vor dem Zusammenstoß. Warum muss aber Chigurh nicht sterben, wenn er doch für die Verrohung der Sitten steht? Nun, das liegt wahrscheinlich daran, dass er ein Mann mit - wenn auch seltsamen - Prinzipien ist und dass er für die anderen Figuren des Films als Schicksal fungiert.
Diesem Schicksal sehen sich am Ende auch zwei Jugendliche gegenüber (auch zu dieser Szene gibt es eine Dopplung, denn auch Moss trifft einmal auf Jugendliche, die allerdings schon wesentlich abgezockter sind), die einen kleinen, unschuldigen Hoffungsschimmer darstellen. Sie bieten dem verwundeten Chigurh völlig ohne Gegenleistung ein Hemd an. Das passt nicht in das Wertesystem des Killers und so zwingt er sie dazu, für das Hemd Geld zu nehmen. Das reicht schon, um zwischen den beiden Jungen für Verstimmung zu sorgen. Das Schicksal hat zugeschlagen und sein Ziel fast erreicht.
Das Schicksal ist im Übrigen ebenso ein Thema, das bereits in vielen anderen Filmen der Coens eine große Rolle gespielt hat. Gerade durch dumme Zufälle oder reines Glück oder Pech sind immer wieder sie absurden Situationen entstanden, die die Coen-Filme so unterhaltend gemacht haben. In "No country for old men" werden die entstehenden Situationen natürlich ernst ernst genommen, da sonst die Botschaft des Films an Glaubwürdigkeit verlieren würde.
Aufgrund der pessimistischen Grundstimmung des Films muss man filmische Vorbilder für "No country for old men" sicher bei Filmen von Sam Peckinpah suchen. Während es in "The wild bunch" darum geht, dass die Cowboys erkennen, dass sie von der Eisenbahn und anderen technischen Errungenschaften überrollt werden, muss hier der Sherriff erkennen, dass er zu alt für die unerklärlich grausamen Verbrechen der heutigen Zeit ist. Die Story von "No country for old men" ähnelt in den Grundzügen der von "Getway". Auch hier geht es im eine Verfolgungsjagd im mexikanischen Grenzgebiet, die übrigens in beiden Fällen auch in El Paso ihr Ende finden soll.
"No country for old men" ist zum einen ein Thriller, der mit Elementen des klassischen Westerns arbeitet und zum anderen ein Dialogfilm über die Verrohung der Gesellschaft. Im ersten Teil zeigen sich die meisterhaften Fähigkeiten der Coen-Brüder hinsichtlich Inszenierung und filmischer Gestaltung. Im zweiten Teil nehmen sich die Brüder viel Zeit, um ihre Botschaft zu verdeutlichen. Mit dem Schluss des ersten Teils und dem dialoglastigen zweiten Teil gelingt es den Coens einmal mehr, die Erwartungen der Zuschauer über den Haufen zu werfen. Viele Zuschauer werden gerade vom Schluss des Filmes enttäuscht sein. Diesen Zuschauern halten die Coens damit den Spiegel vor und entlarven sie als Menschen, die zwar vielleicht selbst (noch) nicht verroht sind, aber zumindest an der expliziten Darstellung einer verrohten Gesellschaft ihren Spaß gehabt hätten. Chapeau, Joel und Ethan Coen!
9/10
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