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„Blasierte Meisterschaft"

Als Ethan Coen auf der Bühne stand, um den Oscar für den besten Film entgegen zu nehmen, wirkte er seltsam distanziert, ja beinahe schon blasiert, als ginge ihn das ganze Spektakel nicht sonderlich viel an. Nach dem Motto: „Jetzt habt ihrs endlich kapiert, was für begnadete Filmemacher wir sind. Wir brauchen eure Anerkennung zwar nicht für unser Ego, aber was solls. So ein paar Oscars haben noch keinem geschadet." Auf Dankesworte verzichtete er gleich ganz, offenbar hatte er sich schon beim Oscar für die beste Regie verausgabt. Sein weniger arrogant wirkender Bruder schien auch nicht sonderlich bewegt. Wenigstens ließ er sich noch zu ein paar freundlichen Worten herab. Und dann waren sie auch schon entschwunden. Das Publikum muss diese teilweise an Überheblichkeit grenzende, aufreizende Lässigkeit deutlich gespürt bzw. wahrgenommen haben, hielt es sich doch mit an dieser Stelle sonst gern gezeigten stehenden Ovationen weitestgehend zurück.

Das aktuelle Werk der Coens - No country for old men - war der Academy for Motion Pictures und Sciences jedenfalls vier Goldjungen wert. Ein Umstand, der nicht zuletzt auch auf die mediokre Konkurrenz der 80. Oscarverleihung zurückzuführen ist. Trotzdem ist den Coen-Brüdern ein kraftvoller und atmosphärisch ungemein dichter Film gelungen, der zweifellos aus dem Filmeinerlei des vergangenen Jahres herausragt. No country for old men hat ein paar fantastische Bilder und Dialogsequenzen zu bieten. Die gemächlich erzählte Geschichte ist lange Zeit ungemein spannend und fesselnd. Aber ist er deshalb gleich der „beste Film des Jahres" oder gar ein „Meisterwerk"? Auf den ersten Blick spricht vieles dafür.

Schon die ersten Minuten, in denen mit einer kargen Westernlandschaft Ton und Atmosphäre des Films definiert werden, sind in ihrer schnörkellosen Simplizität und ihren Ikonenhaften Bildern schlichtweg brillant. Die düstere und trostlose Grundstimmung der Romanvorlage von Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy wird mit diesen wenigen Pinselstrichen perfekt eingefangen.
Das gilt auch für die jeweiligen Einführungen der drei Protagonisten. Da wäre zunächst Llewelyn Moss. Der Vietnamveteran streift durch die Einöde auf der Jagd nach versprengtem Wild. Dabei gerät er an den Schauplatz eines missglückten Drogendeals. Zwischen einem Dutzend Leichen entdeckt er einen 2 Millionen $ schweren Geldkoffer. Als er sich entschließt ihn mitzunehmen, tritt er eine Gewaltlawine los, die beinahe alle auftretenden Figuren unter sich begraben wird. Josh Brolin spielt den mürrischen Einzelgänger auf sehr zurückhaltende aber überaus eindringliche Art. Mit wenigen lakonischen Worten und sparsamen Gesten gelingt es ihm, die raue aber tiefe Liebe zu seiner Filmehefrau darzustellen. Dieses unaufgeregte Spiel, gepaart mit einer unaufgesetzten Lässigkeit macht Lewellyn zum Sympathieträger und zum emotionalen Mittelpunkt des Films.

Sein Gegenpart ist der psychotische Killer Anton Chigurh. Mit einer lächerlichen Pagen-ähnlichen Frisur und einem Druckluftzylinder als Mordwaffe ist er eine der bizarrsten Figuren der letzten Filmjahre. Er folgt ausschließlich seinem eigenen Kodex und reflektiert zu keiner Sekunde sein zutiefst amoralisches Tun. Auf der Jagd nach Llewelyn und dem Geldkoffer geht er buchstäblich über Leichen. Wie das unabänderbare Schicksal zieht er eine blutige Schneise des Todes durch die trostlose Landschaft. Der Spanier Javier Bardem spielt diesen völlig humorlosen Killer auf ähnliche zurückhaltende Art wie Brolin Llewelyn, was seine Figur umso bedrohlicher erscheinen lässt. Anders als bei Anthony Hopkins Hannibal Lecter ist man von Bardems Charakter aber mehr abgestoßen als fasziniert. Zu keinem Zeitpunkt schlägt man sich als Zuschauer auf die Seite des Mörders. Bardem macht keinerlei Empathieangebote, was auch viel besser zum zutiefst pessimistischen Grundton des Films passt. Der Oscar für die beste Nebenrolle ist ohne Frage verdient.
Als Klammer und moralischer Kompass fungiert schließlich der alternde Polizist Ed Tom Bell. Fassungslos folgt er der Blutspur Chigurhs und versucht Llewelyn vor dem Unausweichlichen zu bewahren. Er scheint zunehmend überfordert mit der modernen Gewalteskalation. Im Prolog des Films beschwört er eine „gute alte Zeit" herauf, in der ein Sheriff auch ohne Waffe zurecht kam. Wenn Moss das Herz des Films darstellt, so steht Ed Tom Bell für die (verlorene) Seele des Films. Tommy Lee Jones spielt diesen resignierenden Polizisten gewohnt souverän.

Auch die Regieleistung der Coen-Brüder ist weit über dem Kollegendurchschnitt anzusiedeln. Trotz eines fast völligen Verzichts auf Filmmusik und genretypische Actionsequenzen ist Chirgurhs Jagd nach Llewelyn und dem Geldkoffer ungemein spannend und nervenaufreibend in Szene gesetzt. Mit sparsamen Mitteln aber einem untrüglichen Gespür für Dramaturgie und Szeneaufbau gelingt es, den Zuschauer förmlich in den Konflikt hineinzuziehen. Das handwerkliche Können der Coens ist unbestreitbar. Das unausweichliche Zusammentreffen der beiden Kontrahenten ist von einer inszenatorischen Virtuosität, wie sie nur ganz selten auf der Leinwand zu bewundern ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde alles richtig gemacht.

Anders verhält es sich mit dem Coen-typischen Zynismus und trockenem Wortwitz. Was in Fargo genau die richtige Würzmischung war und den Film atmosphärisch abrundete, wirkt in No country for old men seltsam deplaziert und kontraproduktiv. Gerade im Mittelteil schlägt der Ton zu sehr in Richtung (schwarzer) Humor um, und verpasst dem Film einen bissig-ironischen Anstrich, der ihm viel von seiner zuvor aufgebauten, pessimistischen und trostlosen Atmosphäre raubt. Besonders unpassend und störend ist in diesem Zusammenhang die Figur eines von Woody Harrelson dargestellten Kopfgeldjägers, dessen einzige Funktion es ist, Llewelyn (überflüssigerweise) vor Chigurgh zu warnen. Diese durchgeknallte Charakter schlittert nicht nur hart an der Grenze zur Karikatur entlang, sondern ist darüber hinaus auch noch völlig unerheblich für den weiteren Handlungsverlauf, da er das Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten weder verhindert, noch den Ausgang beeinflussen kann.
Die Coens scheinen ihren „Fauxpas" ebenfalls irgendwie bemerkt zu haben, kehren sie doch im Schlussdrittel zur pessimistischen Eingangsstimmung zurück. Dies glückt allerdings nur teilweise und so bleibt der fatale Eindruck, die Macher würden ihre düstere Gewaltstudie selbst nicht ganz ernst nehmen bzw. ihrer Sache nicht völlig sicher sein. Vielleicht wollten sie einfach auch wieder einmal zu cool sein - siehe Oscarverleihung - und sind dabei über das Ziel hinaus geschossen.

Auch der finale Umgang mit den beiden Protagonisten Moss und Chigurh hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Besonders Brolins Charakter wird unerwartet schnöde und relativ früh fallen gelassen. Zu kritisieren ist dabei weniger sein „Schicksal" als vielmehr die völlig emotionslose, beinahe hingeschluderte Inszenierung desselben. Die Szene wirkt im Gesamtkomplex des Films einfach nicht stimmig.
Ähnliches gilt für Bardems Figur. Zwar schenken ihm die Macher mehr Aufmerksamkeit, lassen ihn aber am Ende in eine überflüssige Situation „krachen", die anders hätte ausgehen müssen, um eine relevante Aussage zu machen oder einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Fazit:
Trotz enormer Stärken bei Kameraführung, Spannungsaufbau sowie einem groß aufspielenden Darstellertrio kann No country for old men letztlich nicht vollends überzeugen. Das dramaturgisch und erzählerisch schwächelnde Schlussdrittel, der unpassende Stimmungswechsel im Mittelteil mit dem fehlbesetzten Woody Harrelson und vor allem die unterschwellig mitschwingende Überheblichkeit der Coens ergeben ein zwiespältiges Bild. Keine Enttäuschung, aber doch - wie so häufig bei den Coens - eine letztlich überschätze und überbewertete Gewaltstudie. Vor allem die teilweise mitschwingende, ironische Distanz schwächt die Wirkung des Films entscheidend ab. Dem ganzen Film haftet dazu etwas penetrant Selbstgefälliges an nach dem Motto: „Seht her, wie wir mit wenig Aufwand mal so eben ein weiteres cooles Meisterwerk hinlegen."
Als Zuschauer verlässt man das Kino mit der Gewissheit einen handwerklich herausragenden und atmosphärisch dichten Neo-noir-Thriller genossen zu haben, der einen aber seltsam unberührt zurücklässt. Trotz seiner rabenschwarzen Thematik ist der Film nicht schwer verdaulich, was hier eindeutig als Kritik zu werten ist. Auch regt er kaum zur gedanklichen Reflexion an. Wenn man einen Film über die Unausweichlichkeit und Unaufhaltsamkeit von Gewalt in unserer modernen Gesellschaft drehen will, sollte man sein Publikum emotional mehr einbinden. Für einen ironischen Blick auf ebendiese Thematik ist No country for old men wiederum zu humorlos und zu düster geraten. So bleibt trotz aller handwerklicher Brillanz und inszenatorischer Meisterschaft ein eher zwiespältiger Eindruck vom „besten Film" des Kinojahres 2007. Vielleicht sollte man sein Publikum einfach ernster nehmen. Nicht nur bei Preisverleihungen und Ehrungen, sondern auch beim „Tagesgeschäft".

(6,5/ 10 Punkten)

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