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Tödliche Weihnachten (1996)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 23.11.2016, seitdem 438 Mal gelesen



`Bloody Winter Wonderland´

Dass Renny Harlins filmische Großtaten allesamt im Winter spielen, ist praktisch logisch. Schließlich ist der Mann Finne und die kennen sich aus mit Schnee, Eis und Kälte. Aber auch wenn man für solche Scherze nichts übrig hat, so ist es doch frappierend, dass Harlin weder vor, noch nach seiner fulminanten Action-Symphonie in drei Sätzen Vergleichbares zustande brachte. Es kann sich immerhin damit trösten, dass er mit `Die hard 2´, `Cliffhanger´ und `The Long Kiss Goodnight´ für immer seinen Platz im Olymp der größten Actionfilme sicher haben wird.
Ja genau, „Tödliche Weihnachten" (hier ist der deutsche Titel zur Abwechslung mal griffiger als der bräsige „ausgedehnte Gutenachtkuss"). Also der Film, in dem Renny seine damalige Gattin Geena Davis zur knallharten Action-Heroine aufpimpte und damit standesgemäß krachend Schiffbruch erlitt. Völlig zu Unrecht, denn der bleihaltige Agentenreißer ist das, was man in Fankreisen gemeinhin als „Brett" abfeiert. Ein schnittiges Snowboard mit messerscharfen Kanten.

Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif für ballernde Schönheiten in Männerfilmen, die noch dazu dem starken Geschlecht gehörig den Marsch bliesen. Von Angelina Jolie, dem mimischen und sehnischen Äquivalent zu Jason Statham, war Mitte der 1990er (zum Glück) noch weit und breit nichts zu sehen. Und Linda Hamilton zählt nicht. Sie ist ganz offensichtlich eher der herbe Typ und außerdem gab Cyborg Arnie klar den Böller-Ton an. Heute dagegen wird selbst das martialische Star Wars-Universum von der holden Weiblichkeit dominiert. Also gebt Geena noch mal eine Chance, sie hat´s verdient.

Im Grunde ist `The Long Kiss Goodnight´ ein Prequel zur Bourne-Reihe. Allerdings minus Beklemmung, Düsternis und politischem Subtext. Harlin setzt auf volles Krawumm-Rohr und eine ordentliche Schippe derben Humors. Der Look ist nicht farbentsättigt, sondern grell. Das gilt auch für Inszenierung und Schauspiel. Vor allem Samuel L. Jackson zieht sämtliche Register als schmieriger Privatdetektiv Mitch Henessey, der unversehens in ein Agentenkomplott stolpert, das bis in höchste Regierungskreise wabert. Harlins Muse Geena steht ihm da nur wenig nach und mutiert nach partiellem Gedächtnis-Reboot zur arroganten Killer-Schlampe mit hypernervösem Abzugsfinger.

Die darauf folgende, muntere Schnitzeljagd durch die verschneite USA ist keine Sekunde realitätsnah, aber gerade das macht den knalligen Spaß erst aus. Nachdem die biedere Kleinstadtlehrerin Samantha Caine erst einmal entdeckt hat (sie musste dafür einen Hirsch über den Haufen fahren), dass Mann, Familie und Profession lediglich Tarnung gewesen sind, lässt sie ihren inneren Berserker von der Leine. Zunächst ist sie zwar noch irritiert von urplötzlich verfügbaren Fähigkeiten wie Messerwerfen, Nahkampftechniken und Expertise im Umgang mit allen nur erdenklichen Schusswaffen. Doch schnell findet sie großen Gefallen an deren brachialer Wirkung, zumal sie bald von verschiedenen Geheimorganisationen verfolgt wird, die ihr allesamt ans enge Outfit wollen.
Natürlich ist dieses ganze Szenario einigermaßen Gaga, aber Harlin hat genau das richtige Gegenmittel um das klapprige Plotgerüst mitsamt seiner primären Prämisse nicht einstürzen zu lassen. Also lässt er Jackson alias Henessey sämtliche Supergirl-Aktionen Samanthas mit wahlweise bissigen, flapsigen, oder sarkastischen Sprüchen kommentieren und nicht selten auch  persiflieren. Im Zusammenspiel mit dem durchgängigen Bleifuß-Tempo sowie einem abwechslungsreichen und erfrischend unzimperlichen Action-Karussell aus Schießereien, Verfolgungsjagden, Explosionen und Faustkämpfen hält Harlin die Unterhaltungswertnadel stets im roten Bereich.

In dem bewegt sich auch Bad Guy Craig Bierko, der als psychopathischer Killer geradezu enthusiastisch auf die Jagd geht und ähnlich überdreht agiert wie Geena Davis. Das hat teilweise Comic-Book-Charakter, aber dank der immer wieder gnadenlosen Brutalität kippt das Ganze nie in humoristische Untiefen. Dafür sorgen schon seine Helfershelfer und Vorgesetzten, die allesamt beherrschter auftreten, ohne es allerdings an vergleichbarer Gewalt-Affinität fehlen zu lassen. Schlussendlich nützt das eine so wenig wie das andere, denn wenn das ungleiche Duo Samantha und Henessey erst einmal ins Rollen kommt, sind Gefangene eher keine Option.

Also vergesst den Flop-Odem von `Tödliche Weihnachten´ und steigt auf Rennys schnittigen Action-Schlitten. Es geht im Schuss ins Tal, Adrenalinhoch garantiert. Und wer immer noch nicht überzeugt ist: ein gewisser Quentin Tarantino nimmt in seiner blutigen Revenge-Orgie `Kill Bill´ mehrfach Bezug auf Harlins unfreiwilligen und gänzlich unverdienten Hollywood-Abstieg, übrigens auch akustisch. Und Quentin zitiert nur, was er verehrt. Was soll man sagen? Hat Geschmack, der Mann. Also ab in Rennys `Bloody Winter Wonderland´.


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