Eine Kritik von LivingDead (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 17.10.2007, seitdem 371 Mal gelesen
Man kann darüber streiten, inwiefern es bedenklich ist, dass im Zeitalter der computeranimierten Trickfilme die handgezeichneten äußerst rar geworden sind; oder gar ausgestorben wären, wenn nicht doch in hohen Abständen immer mal wieder ein Zeichentrickfilm das Licht der Welt erblicken würde. Viele vermissen in den aktuellen Werken von Pixar und Co Persönlichkeit, Nähe, Wärme. Zu kühl sind die Animationen, die doch paradoxerweise natürlicher wirken sollten als die zweidimensionalen Zeichnungen eines klassischen Trickfilmes. Obschon sich in den letzten Werken ein immer drastischer Qualitätsabfall verzeichnen ließ („Cars“ oder auch „Ab durch die Hecke“), ziehen die Trickfilme immer noch Massen in die Kinos und sorgen mit ihren immer besser werdenden Animationen für offene Münder. Dass dabei die Quintessenz – die Geschichte – erst einmal hinten anstehen muss, versteht sich von alleine. Umso schöner ist es dann, wenn dann doch einmal ein richtig guter Trickfilm um die Ecke geschlichen kommt, der es bewerkstelligt, all die Stärken der Computeranimation hervorzuheben, und die Schwächen weitestgehend auszuklammern. „Ratatouille“ ist so ein Fall. Völlig unverhofft gelang Pixar ein kleines Meisterwerk, welches qualitativ mit den Disney-Klassikern alter Tage mithalten kann und das im Sumpf der Masse zu sinken drohende Schiff der Trickfilme noch zu retten vermag.
In „Ratatouille“ wird die Geschichte einer kleinen Ratte namens Remy erzählt, die auf einem kleinen Bauernhof in Frankreich ihr Dasein fristet. Doch Remy unterscheidet sich in einem Punkt ganz stark vom Rest seiner großen Familie: Er ist ein Feinschmecker. Abfallreste und Verdorbenes – die üblichen Mahlzeiten einer Ratte – sind für ihn Tabu. Für Remy gehören Bries und Baguette auf den Mittagstisch; koste es was es wolle. Und als Remy dann auf der Suche nach Feinkost ins Bauernhaus einer alten Frau einbricht und dabei erwischt wird, muss plötzlich die gesamte Rattenfamilie die Flucht vor der schießwütigen Frau ergreifen. Doch auf der Flucht wird Remy von seiner Familie getrennt und findet sich plötzlich inmitten der Stadt der Liebe und des guten Essens wieder: Paris.
Und wie es der Zufall so will, schließt Remy Bekanntschaft mit dem Küchenjungen Linguini, der in dem einst angesehenen Restaurant seines verstorbenen Koch-Idols Gusteau arbeitet. Linguini entdeckt das Talent der kleinen Ratte zum Koch. Zusammen versuchen sie das Gusteau vor dem Untergang zu retten und den härtesten Kritiker des Restaurants – den finsteren Ego – zufrieden zu stellen.
Regisseur Brad Bird („Der Gigant aus dem All“; „Die Unglaublichen“) liefert hier seine dritte Arbeit ab, und schafft gleichzeitig das wohl beste Werk seiner kurzen Filmografie abzuliefern. Mit seiner Fähigkeit sich auf das Nötigste zu beschränken, die Geschichte ohne Schlenker und Umwege direkt zu erzählen, kann man Bird durchaus unterstellen, mit „Ratatouille“ eines der wohl besten computeranimierten Zeichentrickfilme geschaffen zu haben, das bisher in den Lichtspielhäusern lief.
Wirkten viele Trickfilme in der Vergangenheit durch ihre Vielzahl an Charakteren überladen und die Geschichten zerfasert, so zieht Bird seine Storyline in „Ratatouille“ konsequent durch. Durch die geringe Anzahl an Figuren wirken diese auch durch die Bank weg glaubhaft und Charakterwandlungen innerhalb der Geschichte bleiben stets nachvollziehbar. Überhaupt lässt sich Bird erstaunlich viel Zeit für seine Figuren, wodurch sich auch die recht hohe Laufzeit von knapp 110 Minuten erklären lässt. Doch seiner erzählerischen Finesse ist es dann zu verdanken, dass es nie langweilig wird, sondern sich in genau den richtigen Momenten immer wieder ein feiner Witz offenbart oder eine wahnwitzige Actionsequenz für Tempo sorgt.
Ein weiteres Plus für „Ratatouille“ ist der akkurate Humor, der sich, entgegen des Trends billigen Slapstick oder Anspielungen auf aktuelle Kinofilme zu verramschen, auf Feinsinnigkeit spezialisiert. Geistreiche Anspielungen auf Frankreich inklusive, durchziehen leise Humorspitzen den gesamten Film und schaffen es, dass der Zuschauer die gesamte Laufzeit über stets ein Lächeln im Gesicht behält. Vor allem das Spiel mit Gestik und Mimik (typisch Frankreich eben) sorgen durch die grandiosen Zeichnungen immer wieder für Lacher.
Für die ganz Kleinen mag sich diese Art von Humor nicht immer offenbaren, doch auch für diese sind mehr als genügend lustige Szenen enthalten, sodass sich auch Kinder sehr gut unterhalten fühlen dürften. Doch schlägt „Ratatouille“ deutlicher als zuvor in die Kerbe „Trickfilm für die etwas Größeren“, da der Humor und einige Anspielungen doch eher für ein älteres Publikum konzipiert sind.
Wie bereits erwähnt sind auch die Animationen wieder einmal absolut großartig gelungen und lassen die Grenzen zwischen Realität und Trickfilm des öfteren verschwimmen oder gar ganz verschwinden. Allein das Fell der Ratten ist schon ein Spektakel sondergleichen und in den rasanten Actionszenen kann man sich vor Details kaum retten. Hier hilft tatsächlich nur ein mehrmaliges Ansehen, um auch wirklich alles mitzubekommen.
Doch eine Frage bleibt. Was unterscheidet „Ratatouille“ jetzt vom Gros der Trickfilme? Was macht ihn so gut? So besonders?
Die Antwort ist leicht: „Ratatouille“ beschränkt sich auf das, was einen guten Trickfilm ausmacht. Eine einfache Geschichte, die sich Zeit für glaubhafte Charaktere nimmt, die man schnell in sein Herz schließt, und denen man in brenzligen Situationen nur zu gern helfen würde und letztendlich umso glücklicher ist, wenn alles gut ausgeht. Keine nervigen Musicaleinlagen, kein billiger Slapstick, keinerlei Peinlichkeiten oder negative Ausrutscher; einfach ein richtig unterhaltsamer Animationsspaß, der deutlich macht, dass ein computeranimierter Trickfilm durchaus Seele besitzen kann. Hoffen wir, dass Pixar und andere Animationsstudios diesen Trend beibehalten und uns wieder Qualität statt Quantität bieten.