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Videodrome (1983)

Eine Kritik von Soonor (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 01.12.2008, seitdem 343 Mal gelesen


Das Kino der 70er Jahre wurde im Zuge der damaligen Liberalisierung der Gesellschaft durch die „68er“ mit Erotikfilmen, Hardcore-Pornos, Horror- und Gewaltstreifen geradezu überschwemmt. In diesem Zusammenhang erscheint mir „Videodrome“ einerseits wie eine Kritik an dieser neuen Freiheit. Denn was passiert, wenn alte Grenzen eingerissen werden und Menschen wild drauflos experimentieren? Sie stumpfen ab, immer auf der Suche nach einem neuen Kick, ohne zu wissen wie weit sie dabei gehen können/dürfen. Konsequent zu Ende gedacht, läuft das auf Selbstzerstörung hinaus, und die hat David Cronenberg hier sehr drastisch dargestellt.
Es fängt noch relativ harmlos an, wenn Nicki beim Sex geritzt werden will und sich mit einer Nadel stechen lässt, geht über ausgedrückte Zigaretten auf dem Körper weiter bis hin zur freiwilligen Teilnahme an einem Film, von dem sie weiß dass es sich dabei um Snuff handeln könnte. Echt krank, aber typisch für orientierungslose Menschen, die nie echte körperliche Geborgenheit kennengelernt haben. Sex wird zum Synonym für Liebe erklärt, wodurch eine tiefgründige, emotionale Hingabe an den Partner unnötig wird. Befriedigung ist dann nur noch durch härtesten Sado-Masochismus möglich, der real auch tödlich enden kann: Erstickung, innere Verletzungen, Selbstmord aufgrund von Depressionen, die der Entfremdung von sich selbst geschuldet sind usw.
Das ist eine Ebene des Films, eine andere die Abrechnung mit den Massenmedien. Selbst wer nicht zu extravaganten Sexspielen und Gewalttätigkeiten gegen sich und Andere neigt, partizipiert wenigstens als Zuschauer daran, sonst wären Horror- und Pornofilme nicht so beliebt. Man ist teilweise vom Gesehenen angewidert, kann aber nicht seinen Blick davon abwenden, weshalb man unfreiwillig ein Teil solcher Produktionen wird. Das Angebot wird durch die Nachfrage bestimmt, und die verlangt nach immer härteren Sachen, bis Realität und Fiktion miteinander verschmelzen. Im Film wird sinngemäß gesagt, dass der Bildschirm eine zweite Netzhaut ist, und das was wir dort sehen, in unserem Gehirn verankert wird. Die Argumentation von James Woods in einer Talkshow, dass Gewalt im Fernsehen aggressive Tendenzen kompensieren kann, wird somit verworfen, zumal Cronenberg nicht für platte Gewaltdarstellungen bekannt ist, die er damit rechtfertigen könnte.
Dem kanadischen Regisseur geht es mehr um die psychischen Wirkungen, die körperliche und sexuelle Gewalt beim Zuschauer hervorruft. Dieser verschmilzt mit dem Medium zu einem Monster, was durch eklige Effekte toll umgesetzt wurde, bis die menschliche Hülle überflüssig ist und das Medium die Seele (oder was immer den Menschen sonst ausmacht) absorbiert hat. Ein heftiger, nachdenklich stimmender Film, der auf meiner Skala 9 von 10 Punkten bekommt. Und auch wenn die beabsichtigte Aussage dominant gegenüber dem Unterhaltungsaspekt ausfällt, fühlte ich mich genau dadurch vom Gesehenen angezogen, weil man stets mitdenken muss, wie dies und das wohl gemeint ist. Und wer sich speziell für den Teil mit der sexuellen Abstumpfung und Selbstentfremdung interessiert, ist mit Cronenbergs 96er-Werk „Crash“ ebenfalls gut beraten.


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