Die USA hat in Paul Haggis neuestem Werk jegliche Farbe verloren und wenn man in das ernste, zerfurchte Gesicht des ehemaligen Militär-Polizisten Hank Deerfield (Tommy Lee Jones) sieht, dann gewinnt man das Gefühl, das auch sämtliche Freude entschwunden ist.
Sein Sohn ist nach einem abendlichen Ausgang nicht mehr in die Kaserne zurückgekehrt. Für dessen Vorgesetzten und Kameraden ist das nichts besonderes, aber Hank Deerfield hält das für untypisch, denn sein Sohn, der bis vor kurzem anderthalb Jahre im Irak gekämpft hatte, ist für ihn ein disziplinierter Soldat. Tommy Lee Jones spielt den gealterten Soldaten als einen stoischen, an äußerer Ordnung interessierten Menschen, dessen Weltbild komplett durch das Soldatenleben geprägt ist, was sich auch in einem ständigen Misstrauen besonders gegenüber Ausländern zeigt. Die Beziehung zu seiner Frau Joan (Susan Sarandon) ist erkaltet und ihre Gespräche beschränken sich trotz der für Beide schwierigen Situation auf das wesentlichste.
Das er nicht negativ wirkt ist vor allem das Verdienst des sehr zurückhaltenden Agierens von Tommy Lee Jones, der seiner Figur Tiefe gibt und plakatives Verhalten vermeidet. Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis verzichtet bewusst darauf, Hank Deerfield eine Person gegenüber zu stellen, die eine andere Haltung vertritt, sondern zeichnet hier ein komplexes Bild des konservativen Amerika. Nachdem Deerfield sich auf den Weg zum Stützpunkt seines Sohnes gemacht hat, an dem er früher selbst einmal stationiert war, findet das Geschehen nur noch in dieser von der Anwesenheit vieler Soldaten geprägten Kleinstadt statt. Doch auch die Stripbars und Fast Food Tempel, die für die wenigen bunten Bilder in diesem Film sorgen, können den trostlosen Eindruck nicht verwischen, da sie auch nicht in der Lage sind, wirkliche Freude zu vermitteln.
Unabhängig von der tristen Umgebung entwickelt Haggis eine klassische Crime-Story. Tommy Lee Jones zeigt neben seinem sperrigen Charakter auch den Polizeispürsinn, der sich nichts vormachen lässt und der merkt, dass etwas nicht stimmt. Da ihm die Militärpolizei nicht weiterhilft, wendet er sich an die örtliche Polizeibehörde, wo er an Detective Emily Sanders (Charlize Theron) verwiesen wird, die sich aber auch nicht zuständig fühlt. Theron wirkt ähnlich blass wie ihre Umgebung und sieht sich dazu noch einer skeptischen Männerwelt gegenüber, die ihr unverhohlen vorwirft, ihre Karriere im Bett forciert zu haben. Auch von ihr hört man keine kritischen Bemerkungen, aber sie steht trotzdem für eine menschlichere Sichtweise und nachdem die zerstückelte Leiche von Hank’s Sohn gefunden wurde, unterstützt sie diesen und versucht gegen den Willen der Militärpolizei und den ihrer eigenen Kollegen, den Fall aufzuklären.
Haggis erzählt diese Entwicklung in sehr ruhigen Bildern und vermeidet jeden schnellen Schnitt. Diese Langsamkeit kommt seiner Intention sehr zu gute, da er äußerliche Ablenkungen und damit plakative Zuspitzungen vermeidet. Im Gegenteil verlässt er sich ganz auf die sich zwangsläufig ergebenden Konsequenzen, die die Agierenden (und den Betrachter) zwingen, sich den Realitäten zu stellen. Optisch findet der Irak-Krieg nur in verwackelten Bildern einer Handy-Kamera statt, aber Haggis zerstört die Illusion, dass man diese Bilder zu Hause in Amerika einfach wieder loslassen kann. Gerade dadurch, dass er die Handlung nur unter Menschen spielen lässt, die der US-amerikanischen Politik loyal gegenüber stehen, ist die sich hier entfaltende Wirkung besonders stark. Denn auch sie – und das macht Tommy Lee Jones in seiner langsamen Entwicklung deutlich – müssen sich dem Dreck und der Zerstörung stellen, die dieser Krieg nach sich zieht und der längst das eigene Land erfasst hat.
Wenn man Haggis Film etwas vorwerfen will, dann nur, dass er nicht nur völlig ernsthaft bleibt, sondern sämtliche Details – optisch wie erzählerisch – seiner Intention unterordnet. Haggis verzichtet auf unterhaltende Details und Brüche, bleibt immer nachvollziehbar und emotional zurückhaltend. Auch Deerfield’s Veränderungen bekommen keinen kitschigen Touch, da er sich in seinem unemotionalen, wenig beweglichen Charakter treu bleibt, aber es trotzdem offensichtlich wird, dass er zu denken beginnt. Einzig Susan Sarandon wird ein starker emotionaler Moment gegönnt, als sie vom Tod ihres Sohnes erfährt, aber diese Szene wirkt fast unangenehm in ihrer Intensität gegenüber der sonstigen Hilflosigkeit, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben.
„Das Tal von Elah“ will nicht unterhalten und deshalb auch nicht plakativ konfrontieren. Es lockt den Betrachter lange Zeit auf eine falsche Fährte, indem er diesem klassische Muster einer Kriminalstory vorgaukelt, die eine vordergründige Spannung erzeugen können. Diese entsteht vor allem im Kopf des Betrachters und der Film erzielt mit der Auflösung deshalb seine Wirkung, weil er nicht den Fehler begeht, etwas sensationelles zu präsentieren, sondern sich während seiner gesamten Laufzeit konsequent der perversen Logik widmet, die sich aus dem Handeln ergibt (9/10).