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"Gardens of the Night" beschreibt die zwei gegensätzlichen Bereiche der menschlichen Existenz - den Innenraum mit seiner schutzbietenden Privatheit und den Aussenraum, der neben der Erfahrung immer auch die Möglichkeit der Gefahr und des Ausgeliefertseins bedeutet. Erst die Verzahnung zwischen diesen Ebenen sichert die notwendige Komplexität, dem Leben standzuhalten und seine Individualität umzusetzen, aber in der Realität funktioniert diese Verzahnung oft nicht.

Sich dem Thema "Pädophilie" und "Kinderpornografie" zu widmen, birgt automatisch die Gefahr, entweder Stammtischparolen nach noch härterer Bestrafung der Täter zu unterstützen oder das Thema durch Verständnis erzeugende Psychologisierungen zu verharmlosen. "Gardens of the night" vermeidet diese Polarisierungen, erzeugt einerseits durch seine methodisch, lakonische Schilderung der organisierten Kinderpornografie bzw. - Prostitution einen widerwärtigen Ekel, entlässt aber die Gesellschaft mit ihrer idealisierten Vorstellung von Familienglück nicht aus der Verantwortung. Vor allem bietet der Film keine Patentrezepte zur Vermeidung, sondern beschreibt realistisch einen Fall, dem man präventiv nicht begegnen kann. Das macht den Film so unbequem und unangenehm.

Die 7-jährige Leslie (Ryan Simpkins) verlässt morgens das Haus der Eltern, um zur Schule zur gehen. Die gesamte Umgebung atmet den Geist bürgerlichen Wohlstands und Ordnung, weswegen der alleinige Schulweg von den Eltern, die beide berufstätig sind, kaum als riskant angesehen wird. Als ein Mann, der sich Alex nennt (Tom Arnold), sie anspricht, befinden sie sich inmitten der gepflegten Einfamilienhäuser - noch ganz in der Nähe von Leslie's Zuhause. Er sucht seinen Hund und vermutet ihn bei ihrem Labrador. Ganz offensichtlich kennt er sich aus und sie suchen ihn in den anliegenden Gärten. Nach der ergebnislosen Suche bietet Alex ihr an, sie zu ihrer Schule zu bringen, damit sie nicht zu spät kommt. Das Kind zögert, aber der Mann wirkt vertrauenswürdig und nicht drängend und so steigt sie ein. Tatsächlich bringt er sie noch pünktlich zur Schule und erzählt ihr, dass er und sein Partner Frank (Kevin Zegers) bei den Wasserwerken für Leslie's Vater arbeiten.

Für den Betrachter wirkt diese Szene sofort befremdlich, aber gleichzeitig überraschend in ihrer psychologischen Schlüssigkeit. Alex und Frank sind sehr gut vorbereitet, hatten mit Sicherheit Leslie's Situation zuvor genau studiert und können mit einer Vielzahl von Details aufwarten. So kennt Alex, der behauptet früher selbst auf Leslie's Schule gegangen zu sein, die Namen ihrer Lehrer. Er vermittelt dem Mädchen das Gefühl, zu ihrer natürlichen Umgebung dazu zu gehören, und sie steigt auch prompt ein, als er neben ihr auf dem Heimweg wieder anhält und ihr erzählt, ihre Eltern hätten ein Problem und er soll sie zu ihnen bringen. Dazu hält er noch schnell an einem öffentlichen Telefon und telefoniert vor Leslie's Augen angeblich mit ihrem Vater. Selbst jetzt ist ihr Misstrauen noch nicht erloschen, aber ihre Widerstandskraft ist angesichts der vielfältigen Ereignisse nicht mehr stark genug, nicht am Strohhalm des ihr angebotenen Softdrinks zu saugen...

Die genaue Beobachtung dieser Szene ist deshalb so wichtig, da damit der Annahme widersprochen wird, durch ausreichende Vorkehrungen könnte man einer solchen Situation vorbeugen. Sicherlich kann man sein Kind noch umfassender beschützen, aber wer würde leugnen, dass das Leben in einer friedlichen Gegend nicht irgendwann auch nachlässig macht. Der Rückzug in die Privatheit bietet keinen ausreichenden Schutz, denn "Gardens of the Night" macht deutlich, dass den Tätern die Mechanismen sehr klar sind, und das sie sich ausreichend Zeit dafür nehmen, Schwachstellen herauszubekommen.

Dieses "Verständnis" macht in besonderem Masse die Widerwärtigkeit des weiteren Geschehens aus, denn der Umgang mit der "Ware Kind" erfordert besondere Sensibilität. Als Leslie aus ihrem Schlaf in einem fremden Zimmer erwacht, ist dort schon der gleichaltrige afro-amerikanische Junge Donnie. Sein Schicksal entspricht mehr der typischen Erwartungshaltung, denn er entstammt einem vaterlosen Haushalt und einer verantwortungslosen Mutter, so dass er von den Tätern einfach aufgegriffen wurde. Alex inszeniert sich zunehmend als "Ersatzvater", der den Kindern vorgaukelt, ihre Eltern hätten sie im Stich gelassen. Dabei ist er deshalb besonders überzeugend, weil man ihm tatsächlich Gefühle für die Kinder anmerkt und er selbst nicht übergriffig wird.

Trotzdem gelingt Tom Arnold gerade mit dieser zwiespältigen Figur, die schreckliche Perfidität dahinter zu verdeutlichen. Einerseits tritt er als ihr Beschützer auf, der teilweise vehement gegen Angriffe einschreitet und damit das Vertrauen der Kinder gewinnt, andererseits steht immer der geschäftliche Erfolg im Vordergrund. Gut zu erkennen ist die psychische Zerstörung des Gleichgewichts zwischen Privatheit und Aussenwelt. Während Leslie als Kinderprostituierte und Fotomodell verkauft wird, ist ausgerechnet der Verkäufer die einzige Vertrauensperson, die ihr Schutz bietet. Trotz des äußerlich sympathischen Auftretens von Alex, macht der Film immer dessen eigentliche Intention deutlich, so dass es zwar verständlich wird, warum die Kinder ihm vertrauen, aber gleichzeitig in seiner Person das Grauenhafte der Situation erst kulminiert.

"Gardens of the Night" vermeidet in seinen Schilderungen jegliche Plakativität und ist fast dokumentarisch in der Beschreibung der Vorgänge, die ganz geschäftsmäßig abgewickelt werden. Wenn dabei mit Zwischenhändlern von "Sicherheit" gesprochen wird, dann wirkt das so, als wenn man bei einer Baustelle von einem Gerüst redet - ganz ruhig und selbstverständlich. Regisseur Damian Harris vermeidet jeden Aktionismus seiner jungen Darstellerin, sondern zeigt sie nur passiv in ihren Situationen, was ihr Ausgeliefertsein noch stärker verdeutlicht.

Erträglich wird die erste Hälfte des Films nur dadurch, das man zu Beginn die knapp 16jährige Leslie (Gillian Jacobs) in ein Obdachlosenheim für Minderjährige gehen sieht, so dass man zumindest davon ausgehen kann, dass sie die Ereignisse überlebt. Und durch die Beschreibung ihrer Fantasiewelt und des Zusammenhalts zwischen Leslie und Donnie - ihr Privatleben findet nur noch in ihren Köpfen statt.

Im ersten Moment, als sich der Film nach einem Zeitsprung von etwa 7 Jahren Leslie und Donnie (Evan Ross) als Jugendlichen widmet, atmet man als Zuschauer fast auf, aber schnell erschließt sich die Realität des Straßenlebens und die Folgen der jahrelangen psychischen Zerstörung. Ähnlich wie zuvor wird auch ihr jetziges Leben detailreich geschildert, ohne dabei in plakativen Aktionismus zu verfallen. Dem Film ist während der gesamten Laufzeit das Gleichgewicht anzumerken zwischen einer abwechslungsreichen Schilderung, die keine Erlahmung der Aufmerksamkeit zulässt, und dem Fehlen des Gefühls, dabei unterhalten zu werden.

Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, dass ausgerechnet John Malkovich, der oft psychopathische Bösewichter spielte, als Leiter des Obdachlosenheimes für die vertrauensvollsten Momente sorgt und Leslie davon überzeugen kann, zu ihren Eltern zurückzukehren. Die wenigen Minuten, die Leslie in ihrem Elternhaus verbringt, gehören zu den unerträglichsten des gesamten Films. Die Eltern können trotz ihrer Freude über die Rückkehr der totgeglaubten Tochter, nicht aus ihrer bürgerlichen Haut und aus ihren Vorstellungen von Privatheit. In diesem Leben ist für ihre frühzeitig erwachsen gewordene Tochter kein Platz mehr und der Film macht deutlich, dass dieses Denken dazu führt, warum die Kinder - auch nach ihrer Flucht von ihren Peinigern - das Leben auf der Straße, der Rückkehr in ihr Elternhaus vorziehen.

Regisseur und Drehbuchautor Damian Harris hat zwei Jahre lang recherchiert, bevor er diesen Film gedreht hat, und man spürt in jeder Sekunde die realistische, authentische Umsetzung, die noch von den überzeugenden Darstellungen unterstützt wird. Die Bewertung seines Films entzieht sich üblicher Kriterien, da ästhetische Gesichtspunkte angemessen zurückhaltend angewendet werden und im Vordergrund die Beschäftigung mit einem unangenehmen Thema steht.

Die eigentliche Konfrontation entsteht erst dadurch, das Harris ein äusserst negatives Bild unserer Zivilisation zeichnet, sich nicht mit der Bestrafung von Tätern aufhält, sondern dem Betrachter ein Spiegelbild seines Denkens vor Augen hält, dass sich von vorhandenen Mustern verabschieden muss, um damit die Grundlage für die hier geschilderten Ereignisse zu entziehen - Hoffnung macht sein Film nicht (10/10).

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