"The Strangers" beginnt scheinbar komplett falsch für einen Horrorfilm. Zuerst vermittelt eine Texttafel, dass die kommenden Ereignisse auf einer wahren Begebenheit beruhen und kramt dazu eine Kriminalstatistik hervor, dann verrät die erste Szene schon, wie die Geschichte ausgehen wird. Während eine zitternde, sehr jugendliche Stimme die Polizei um Hilfe ruft und von herumliegenden Leichen spricht, fängt die Kamera ein Gewehr, ein blutverschmiertes Messer und diverse Zerstörungen innerhalb eines Hauses ein.
Rückblende - die Kamera sieht in das tränenverschmierte Gesicht von Kristen (Liv Tyler), während ein frustriert aussehender Mann neben ihr das Fahrzeug lenkt. Es handelt sich dabei um ihren Freund James (Scott Speedman), aber angesichts ihrer Stimmung entsteht der Eindruck, dass zuvor ein grosses Drama geschehen sein muss. Geschickt spielt "The Strangers" mit den persönlichen Empfindungen seiner Protagonisten und lässt diese von Beginn an ein Leid auskosten, dass tatsächlich noch gar nicht begonnen hat.
Für den Betrachter entsteht der gegenteilige Eindruck. Denn spätestens wenn dieser nach kurzer Zeit erfährt, dass die schlechte Stimmung dadurch entstand, dass Kristen James' Heiratsantrag ablehnte, und diesem die romantische Fahrt ins elterliche Ferienhaus etwas peinlich ist, wird deutlich, dass den Protagonisten das wirkliche Unglück noch bevorsteht. Entsprechend positiv entwickelt sich zuerst auch die Nacht für das junge Paar, das sich bald wieder näher kommt. Genregerecht ertönt das aggressive Hämmern an der Eingangstür in dem Moment, als ihr Schlüpfer zu Boden fällt.
Zunehmend verdeutlicht sich, wie geschickt der Schachzug war, zu Beginn schon das kommende Verbrechen anzudeuten, denn während sich das Paar noch seiner Sinnkrise hingibt, rechnet der Betrachter zu jedem Zeitpunkt mit schrecklichen Greueltaten. Dadurch entwickelt der Film durchgehend ein hohes Spannunspotential, ohne dafür irgendwelche extremen Plots konstruieren zu müssen. Auch das Klopfen scheint für James und Kristen harmlos zu sein, denn offensichtlich hatte sich die junge Frau nur verlaufen. Das merkwürdigerweise das Licht vor der Haustür ausgefallen war, fällt wieder nur dem Zuschauer auf, der während des gesamten Films den beiden Protagonisten immer einen Schritt voraus ist. Weshalb er auch ahnt, dass es ein Fehler ist, Kristen allein zu lassen, um ihr Zigaretten zu holen...
"The Strangers" verwendet zwar den Hitchcockchen Trick, dem Betrachter mehr Informationen zu geben als den Agierenden, aber er hält diesen trotzdem kurz. Es entsteht ein Schwebezustand zwischen dem Erkennen der hoffnungslosen Lage, aber ohne die weiteren Konsequenzen im Detail zu erahnen. Der Film kann dadurch seine Spannung fast bis zum Schluss aufrecht erhalten, ohne den Fehler zu begehen, zu früh die Bedrohung zu konkretisieren. Fast altmodisch beweist "The Strangers" , dass Gewaltdarstellungen beim Aufbau einer horrormässigen Stimmung nicht notwendig sind.
Trotz kleinerer Logik-Mängel und einer manchmal etwas zu gewollten und zum Ende hin sich wiederholenden Schreckenskonstellation, vermeidet der Film zwei typische Fehler. Durch die Konzentration auf zwei Personen gibt es weder die üblichen Charakterisierungen, noch irgendwelche idiotischen Verhaltensmuster. Tyler und Speedman agieren altersgerecht als Erwachsene Anfang Dreissig, denen man nicht vorwerfen kann, dass sie die Situation nicht richtig einschätzen.
Das gelingt letztlich auch dem Betrachter nicht, denn "The Strangers" liefert für das sadistische Treiben keinen psychologischen Hintergrund und wird Freunde der gepflegten Aufklärung enttäuschen. Dabei liegt genau darin die Stärke des Konzeptes, dass den Horror nicht mit einer Erklärung fassbar werden lässt und so dessen allgemeinen Charakter bewahrt, der nicht ausschliesst, dass Jeder in eine solche Situation geraten könnte (7,5/10).