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Saw IV (2007)
Eine Kritik von Asbestos (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 09.02.2008, seitdem 884 Mal gelesen
Es passiert so viel in Teil 4. Eigentlich mehr als in den Teilen 2 & 3 zusammen. Streckenweise wirkt diese komplexe Konstruktion von einem Folterthriller fast überladen.
Positiv ist zunächst einmal das angenehm hohe Tempo, dass nach dem etwas langsameren dritten Teil eine willkommene Abwechslung darstellt. Dabei ist die Schnitzeljagd der Polizei und der FBI-Agenten teilweise etwas hektisch. Besonders dann, wenn man sich vor Augen hält, dass fast der gesamte Film in einem Zeitrahmen von 90 Minuten stattfinden soll. Hier wäre es besonders clever und reizvoll gewesen, die Story tatsächlich auf die Sekunde genau an den vorgegeben Countdown anzupassen. Da aber so viele neue Figuren auftreten und an verschiedenen Orten zu Werke sind, hätte dann ein ständiges Split Screen Verfahren und ein Zähler irgendwo am Bildrand herhalten müssen, um diese Illusion aufrecht zu erhalten. Zudem hätten dann die Flashbacks gestört, da sie den Zeitfluß unterbrechen.
Wegen der vielen FBI-Verhöre wirkt SAW 4 beinahe wie ein Profiler-Thriller nach klassischem Vorbild und rückt damit Werken wie SIEBEN oder SCHWEIGEN DER LÄMMER wesentlich näher, als es die ersten drei SAW-Teile bereits taten. Führt die Polizeiarbeit aber nun zu wirklich schockierenden Erkenntnissen, die uns vom Sessel hauen? Nein, eigentlich nicht. Ebensowenig überzeugt die psychologisch eher unzureichende Transformation von John Kramer zu Jigsaw. Aber das sind auch nicht die entscheidenden Punkte. Es geht doch eh wieder nur darum, dass das böse Genie Jigsaw schon wieder alles im Voraus geplant hat und die FBI-Flaschen blind in alle für sie vorgesehenen Fallen tappen. Denn gerade diese ständige Überlegenheit des Schurken, der seinen Opfern und Gegenspielern immer einen Schritt voraus ist, macht ja den speziellen Reiz dieser Filmreihe aus. Irgenwie ist Jigsaw so was wie ein blutrünstiger und morbider Fantomas.
Überhaupt ist Tobin Bell mal wieder großartig aufgelegt. Seine Darstellung des diabolischen Fallenstellers lässt andere Psychopathen wie etwa den geschwätzigen und selbstgefälligen Hannibal Lecter absolut alt aussehen. Es wird nie langweilig, den klugen John Kramer in seinem Element zuzusehen und zuzuhören, weil Bell förmlich in der Rolle aufgeht und durch seine Ausstrahlung den Status einer Ikone ganz von sich aus erlangt.
Herzstück des Treibens sind selbstverständlich wieder die Fallen, die zwar in ihrem Aufwand eine Nummer heruntergeschraubt wurden, aber gerade wieder durch ihre Boshaftigkeit und ihren Einfallsreichtum überzeugen. Dass man als langjähriger Gorehound mit Erfahrungen wie BLOODSUCKING FREAKS oder GUINEA PIG doch noch immer über neue kreative Foltermethoden so staunen kann, spricht ganz klar für die Macher der SAW-Reihe.
Hier muss ich leider aber auch Kritik an der deutschen Kinofassung bzw. der R-rated Version des Films anbringen: Da wirkten viele der blutigen Szenen sehr holprig und geizten mit Details. Und diese offensichtlichen Schnitte schadeten der rohen Kraft dieser drastischen Momente, was im Kinosaal oftmals zu einem Raunen führte. Hier hätte man sich lieber die unrated Fassung angesehen, die in den USA bereits wenige Tage vor dem deutschen Kinostart veröffentlicht wurde. Wieder typisch BRD.
Ebenfalls schwach fand ich dieses Mal die lustlose deutsche Synchro, die bisher bei diesem Franchise eigentlich sehr gut ausgefallen war. Aber es fehlten hier plötzlich die zynischen Kleinigkeiten und der letzte Schuss Raffinesse, so als wäre die deutsche Übersetzung zwar noch sinngemäß, aber eben nicht so lebhaft, wie sie es sein könnte.
Das sind jedoch nur Banalitäten, die spätestens bei der Anschaffung einer ordentlichen DVD getilgt werden.
Neben der Überladenheit der Story und der etwas mangelnden psychologischen Komponente ist allenfalls noch zu kritisieren, dass Teil 4 nie und nimmer als eigenständiger Film funktionieren kann. Das soll ihm seine Existenzberechtigung nicht nehmen, aber wer bislang nicht aufmerksam und mit Begeisterung die Saga um die tödlichen Fallen verfolgte, braucht sich gar nicht erst die Mühe machen, sich in der vierten Runde zurecht zu finden. Andererseits schaut jemand, der generell mit solchen Filmen nichts anfangen kann, einen SAW 4 sowieso nicht an.
Und für die treuen Fans ist Teil 4 dann ja auch ein gefundenes Fressen für Diskussionen und Ansichten. Da werden so viele neue Fragen gestellt und Dinge offen gelassen, dass man sich den fünften Teil schon sehnlichst herbei wünscht.
Zwar ist das Ende etwas verwirrend, zumindest beim ersten Ansehen, aber SAW verdient es eh, mehrfach betrachtet und genauer analysiert zu werden. Denn es ist bewundernswert, dass sich die Macher allein schon bei der Errichtung eines solchen Gewirrs aus Verweisen und neuen Storyelementen so viel Mühe gemacht haben. Da wäre es nicht weiter tragisch, wenn dieses immer größer werdende Mosaik des Grauens, für das uns immer mehr Steinchen zur Verfügung stehen, auch den einen oder anderen Patzer aufweist. Dafür ist das Gesamtbild einfach zu beeindruckend. Und allein wie sogar der dritte Teil durch die Ereignisse aus Teil 4 im Nachhinein zusätzlich aufgewertet und völlig anders beleuchtet wird, ist schon phänomenal. Hut ab vor diesem cleveren Verwirrspiel.
Und wenn man letztlich mit Auflösung dieser neuen Story nicht viel anfangen kann, so wurde man doch anderthalb Stunden lang gut unterhalten, kam als Fan der Reihe allemal auf seine Kosten und kann sich ja anschließend im Web über konkrete Zusammenhänge auf diversen Foren informieren. Ehrlich gesagt, führt nach diesem vierten Teil kein Weg an der imdb & Konsorten vorbei.
Doch letztlich kann man es drehen und wenden, wie man will. Die SAW-Filmreihe ist das intelligenteste und beste Horrorthrillerkino unserer Zeit.
9 von 10.
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