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Es gibt nur Wenige, die so geschickt auf der Klaviatur für Emotionen spielen können wie Luc Besson. Besonders der Aufbau eines Szenarios unterliegt bei ihm klaren Regeln, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen kann - so auch in "96 Hours". Besson hat verstanden, dass ein frühes Bombardement an Action-Elementen weit weniger eindrucksvoll ist, als eine sich zum Ende hin steigernde Gewaltkurve, die psychologisch geschickt vorbereitet wurde.

Mit wenigen Details entwirft Besson eine Situation, die so einfach wie adrenalingeschwängert ist. Bryan Mills (Liam Neeson) ist ein in äußerlich bescheidenen Verhältnissen, allein lebender Mann, dessen Gedanken vor allem seiner 17jährigen Tochter Kim (Maggie Grace) gelten. Besson arbeitet immer mit starken Gegensätzen, so dass Mills Auftreten auf dem Geburtstag seiner Tochter unglücklich wirkt, da der neue Mann seiner Exfrau (Famke Janssen) sehr wohlhabend ist. Gleiches gilt auch für sein Geschenk, dass im Gegensatz zu dem stolzen Rappen, den der Stiefvater aufmarschieren lässt, unbedeutend wirkt. Er muss ansehen, wie seine Tochter diesem begeistert um den Hals fällt.

Um gar nicht erst den Eindruck einer Loser-Geschichte entstehen zu lassen, stehen kurz danach drei alte Kumpels vom Geheimdienst bei Mills vor der Tür, die ihn darum bitten bei einem Job als Bodyguard für eine berühmte Sängerin (Holly Valance) mitzumachen. Schnell wird deutlich, dass der Mann es noch drauf hat, denn er wehrt geschickt einen Messerstecher ab. Schon nach wenigen Minuten hat Besson damit den Sympathieträger aufgebaut, der von Neeson gewohnt souverän gespielt wird. Bryan Mills ist der ruhige, unprätentiöse Profi, der alles im Griff hat, und dessen Liebe zu seiner Tochter so groß ist, dass er auch gelassen auf äußere Ungerechtigkeiten reagiert. Er ist sich der eigenen Schuld an dieser Situation zudem bewusst, da er sie lange wegen seines Geheimdienstjobs vernächlässigt hatte.

Diese Konstellation ist keineswegs unwichtig, denn sie bereitet Mills Tour de Force in Paris vor. Wenn Besson nicht selbst Pariser wäre, müsste man ihm dessen Warnung vor einer Reise in Frankreichs Hauptstadt übelnehmen, denn Mills Vorbehalte, als seine Tochter dorthin reisen will, zeugen von provinziellsten Vorurteilen. Verkauft wird es allerdings als weise Voraussicht, gepaart mit der realistischen Einschätzung eines erfahrenen CIA-Agenten und bevor der Eindruck entstehen könnte, dass er genauso schief liegen könnte wie seine ehemaligen Kollegen im Irak, werden seine Tochter und deren Freundin Amanda (Katie Cassidy) gleich am Pariser Flughafen von einem netten jungen Mann angesprochen, der sich als Kundschafter für die fiesen albanischen Mädchenhändler herausstellt.

Bessons Stärke liegt auch darin, den Betrachter so sehr zu beschäftigen, dass er neben dem eigentlichen Handlungsstrang weder nach links noch rechts sieht. Amanda wird zwar ebenfalls entführt, aber da sie es ist, die gleich daran denkt, mit dem hübschen jungen Mann vom Flughafen zu schlafen, während ausdrücklich betont wird, dass Kim noch Jungfrau ist (was ihren Marktwert noch steigert), interessiert sich der Film für sie nicht weiter. Weder tauchen ihre Eltern oder Freunde auf, noch wird die Polizei eingeschaltet. Amanda hatte ihr Leben ( und jegliches Mitgefühl) mit ihrem Bekenntnis zu Sex und Leichtsinn verwirkt. Ganz anders reagieren Kims Eltern, die natürlich zusammen mit dem Stiefvater an einem Strang ziehen, weshalb Bryan Mills schon wenige Stunden später in Paris ankommt und sich auf die Suche nach seiner Tochter macht.

Wie schon in "Kiss of a Dragon" hat Besson eine höllische Freude daran, die Pariser Polizei und deren gehobene Gesellschaft als korrupt und geldgierig darzustellen. Mills alter Pariser Geheimdienstkumpel hat inzwischen einen Schreibtischjob und stellt sich schnell als Klotz am Bein heraus, weshalb Mills zusätzlich zu den Gangstern auch noch die Polizei auf den Fersen hat. Mills bekommt es im Grunde nur mit zwei Arten von Typen zu tun - mit brutal aussehenden Zuhältern bzw. Schlägern und gelackten Anzugträgern, die sich vor allem in ihrer Arroganz einig sind. Damit ist auch der Boden für dauerhafte Selbstjustiz bereitet, denn die Kerle haben alle dermassen eine Fresse zum Reinschlagen, dass Mills Vorgehensweise - immer erst zu schießen, dann zu fragen - ganz allgemein goutiert wird.

"96 Hours" bleibt in seiner psychologischen Konstellation jederzeit konsequent, denn weder kennt Mills Selbstzweifel oder kurzfristige Erschöpfungsphasen ,noch gibt es unter den Verbrechern andere Gefühle als Geldgier oder sexuelle Obsesssion. Selbst in Momenten der Bedrohung fällt diesen nur ein, Mills noch einen Deal vorzuschlagen. Da dieser bekanntlich ein ganz hehrer Charakter ist, dem weder Geld noch Besitz etwas bedeuten, kann so ein Deal nur tödlich enden. So reaktionär und oberflächlich der Film konzipiert ist, so perfekt ist er umgesetzt. Alles unterliegt der Prämisse, Emotionen beim Betrachter hervorzurufen, um ihn immer direkt auf Augenhöhe mit dem Einzelkämpfer zu belassen und dessen Beweggründe mit zu empfinden.

"96 Hours" kann sehr gut unterhalten, weshalb die dort verbreiteten Klischees und die daraus entstehende Selbstjustiz als notwendiges Mittel zum Action-Zweck angesehen werden könnten, welche man nicht zu ernst nehmen sollte. Man könnte es aber auch umgekehrt betrachten - "96 Hours" funktioniert nur deshalb so gut, weil er bewusst auf archaische Gefühle setzt und vorhandene Vorurteile bedient. In seiner Wucht und Gesamtwirkung ein eindrucksvoller Film, der bei genauer Betrachtung einen inneren Zustand preisgibt, der einen negativen Eindruck hinterlässt (3/10).

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