Review

  „Old-school Action at its best"

Das waren noch Zeiten, als der Gouvernator im fröhlichen Wechselspiel mit seinem italienisch stämmigen Genrerivalen eine kompromisslose Actiongranate nach der anderen unters treue Zielpublikum feuerte. Da wurden ohne mit der Wimper zu zucken zementierte Vorurteile bedient und die von vielen insgeheim verachtete Political Correctness in Fetzen geschossen.  Frei nach dem Motto: Erst Schießen, dann Fragen. Gefangene werden heute mal keine gemacht. Ja, ja. Die seligen 80er. So oder ähnlich werden diese Streifen heute vielerorts nostalgisch zum Kult verklärt.
Lustigerweise geben sich da nicht selten die gleichen Leute euphorisch, die damals angewidert die Nase rümpften, ob so viel tumber Brutalität und primitiver Klischeehaftigkeit. Unter Gymnasiasten, Studenten und Bildungsbürgern war es (offiziell) absolut verpönt, diesen Streifen auch nur ansatzweise Sympathie entgegen zu bringen. Tja, so ändern sich die Zeiten. Endgültig schließt sich dieser Kreis der Verlogenheit, wenn artverwandte aktuelle Produktionen wie 96 Hours erneut verdammt werden.

Zugegeben, die (oftmals extrem scheinheilige) Political Correctness hat in der heutigen Zeit dermaßen übersteigerte Ausmaße angenommen, dass die freie Meinungsäußerung teilweise ernsthaft in Gefahr gerät. 96 Hours ist vor diesem Hintergrund problemlos zu verteufeln, ist man da doch fraglos hochoffiziell auf der richtigen Seite. Schließlich singt der Film unverblümt das Lied von den bösen, brutal-kriminellen Osteuropäern (in diesem Fall Albanern), von steinreichern Arabern, die in ihrer moralischen Verkommenheit auf dem europäischen Sklavenmarkt westliche (Jung-)Frauen ersteigern und von korrupten (französischen) Staatsbeamten, die sich durch Deckung und Mitorganisation dieser verwerflichen Machenschaften eine goldene Nase verdienen. Das ist natürlich Klischeebeladen, tendenziös und reißbrettartig bis zur Schmerzgrenze. Nur, wer nimmt das wirklich ernst?

96 Hours
ist ein knallharter Rachethriller und kein gesellschaftskritisches Drama mit Actioneinlagen. Wie seine offensichtlichen Vorbilder aus den 80er Jahren will der Film ein spezielles Publikum lediglich möglichst rasant unterhalten. Die Zutaten sind identisch: ein auf simpelster Schwarz-Weiß-Malerei beruhendes Szenario, ein kompromissloser und wortkarger Einzelkämpfer der sich einer ganzen Armee übelster Schurken gegenüber sieht, eine Vielzahl äußerst brutaler Kampfeinlagen und Shootouts sowie ein Handlungsfaden, dem man auch volltrunken problemlos und ohne Verständnislücken folgen könnte.

Der sonst eher im Charakterfach anzutreffende Liam Neeson gibt den sich im selbst verordneten Ruhestand befindenden Ex-CIA-Agenten (ein ganz klassisches Genreklischee) Bryan Mills. Er will ein besseres Verhältnis zu seiner jahrelang vernachlässigten Tochter aufbauen. Als diese mit einer Freundin zu einer Europatour aufbricht, ist der ehemalige Regierungsbeamte wenig begeistert. Natürlich werden seine schlimmsten Ängste grausame Realität. Die Mädchen werden von einem albanischen Mädchenhändlerring verschleppt. Mills weiß aufgrund früherer Kontakte, dass lediglich 96 Stunden verbleiben, um die Entführten aufzuspüren. Kurz entschlossen bricht er nach Paris auf, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Im Verlauf seiner Agentenkarriere hat er sich eine Reihe ganz besonderer Fähigkeiten erworben, die ihn zum Albtraum für die Kidnapper werden lassen.

Es ist nicht zuletzt Liam Neesons beinharte und überpräsente Performance, die Taken aus dem Actioneinerlei der letzten Jahre heraushebt. Seine vor allem in vielen historischen Rollen etablierte Würde und Ernsthaftigkeit verleiht der Figur eine Genreuntypische  Seriosität und  Autorität. Mit stoischer Kompromisslosigkeit hinterlässt  der ehemalige Agent eine blutige Schneise der Verwüstung in der Pariser Unterwelt. Zur Rettung seiner Tochter ist ihm wirklich jedes Mittel recht. Hier könnte selbst Jack Bauer noch etwas lernen. Die zahlreichen Kampfeinlagen sind hervorragend choreographiert und wirken trotz des hohen Härtegrades überaus realistisch.
Die düstere Atmosphäre und finstere Stimmung des Thrillers erinnern vor allem an französische Polizeifilme der 1970er Jahre. Das kommt nicht von ungefähr. Produzent und Drehbuchautor Luc Besson ist ein großer Belmondo- und Ventura-Fan. Paris ist hier nicht die romantische Stadt der Liebe oder die glitzernde Touristenmetropole, sondern ein dunkler Moloch aus Korruption, Prostitution und organisiertem Verbrechen. Natürlich ist dieses Szenario in seiner Ausschließlichkeit ebenso realitätsfern wie die beiden erstgenannten und dient einzig und allein der moralischen Legitimation der ultrabrutalen Hauptfigur.

Fazit:
Mit 96 Hours hat der französische Erfolgsproduzent Luc Besson ein im besten Sinne altmodisches Actionspektakel vom Stapel gelassen, das vor allem dank seiner kompromisslosen Härte und überaus simplen Plotstruktur bestens funktioniert. Bis zum Anschlag politisch unkorrekt, will der Film lediglich unterhalten, was ihm vortrefflich gelingt. Hauptdarsteller Liam Neeson überzeugt als beinharte und humorlos-stoische Ein-Mann-Armee und erinnert dabei nicht nur an die US-Actionheroen der 80er Jahre, sondern insbesondere auch an französische Genrestars wie Jean Paul Belmondo oder Lino Ventura. Dass das uramerikanische Actionkino ausgerechnet aus dem liberaleren West-Europa eine (reaktionäre) Frischzellenkur verpasst bekommt (der Film liegt in den USA auf 120 Millionen $-Kurs) entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Political Correctness war hier wohl eher nicht die Antriebsfeder. Für eingefleischte Genrefans eindeutig ein Glücksfall.

(8,5/10 Punkten)              

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