Im letzten Drittel von Los Cronocrímenes gibt eine Szene, in der dem Zuseher offenbart wird, daß sich in dem Raum, in dem sich zwei der Hauptfiguren gerade unterhalten, eine weitere Person befindet, die sich eher ungeschickt versteckt. Das Besondere daran ist nun, daß es sich hierbei um eine Wiederholung handelt, da die entsprechende Szene bereits früher stattfand und man den unbekannten Lauscher nicht bemerkt hat. Die Frage, die sich somit stellt, ist, ob der Regisseur den Zuschauer mit einem billigen Taschenspielertrick betrügt, oder ob der Unbekannte bereits beim erstmaligen Vorführen der Szene im Bild war und dieser Umstand dem gespannten Betrachter schlicht und einfach entgangen ist. Tatsächlich ist letzteres der Fall, und damit beweist Nacho Vigalondo eindrucksvoll, daß er sein Handwerk versteht wie kaum ein anderer. So wie Dario Argento seinerzeit bei Profondo Rosso den Mörder bereits sehr früh auf dem Silbertablett servierte, so vertraut Regisseur und Drehbuchautor Vigalondo auf sein Können und zeigt dem Zuseher (der zu diesem Zeitpunkt bereits im Netz der Handlung verstrickt ist) ein nicht unwichtiges Plotdetail, ohne daß es dieser zu registrieren vermag. Alle Achtung!
Mit Los Cronocrímenes ist Nacho Vigalondo nicht nur ein kleines Meisterwerk sondern auch der beste Science-Fiction-Film seit Donnie Darko gelungen. Die ungemein faszinierende Geschichte dreht sich um Héctor (Karra Elejalde), der mit seiner Frau Clara (Candela Fernández) eben ein Häuschen auf dem Lande bezogen hat. Als Héctor beim Beobachten der Gegend eine verängstigte Frau (Bárbara Goenaga) im Wald entdeckt, die sich entkleidet, geht er der Sache auf den Grund und wird von einem Unbekannten, dessen Kopf mit blutverschmierten Bandagen umwickelt ist, mit einer Schere attackiert. Héctor gelingt die Flucht, doch der mysteriöse Angreifer läßt nicht locker und bleibt ihm dicht auf den Fersen. Héctor rettet sich in einen Laborkomplex, trifft auf einen Wissenschaftler (Regisseur Nacho Vigalondo), und sucht auf dessen Rat hin schließlich Zuflucht in einem seltsamen Behältnis... Mehr zu verraten wäre fahrlässig, denn Los Cronocrímenes funktioniert umso besser, je weniger man über den Inhalt weiß. Als unbedarfter Zuseher findet man sich schnell in Héctors Fußstapfen wieder und beginnt, mit ihm einen Alptraum sondergleichen zu durchleben. Häppchenweise füttert uns Vigalondo mit Informationen, die langsam aber sicher Licht ins Dunkel bringen und die Tragweite der Ereignisse aufzeigen. Der Regisseur verzichtet völlig auf technische Spielereien und Spezialeffekt-Firlefanz und konzentriert sich stattdessen auf die irrwitzige aber ausgesprochen clevere Geschichte, wobei er im Verlauf der Handlung einige Fäden auswirft, deren lose Enden er aber am Schluß auf grandiose und befriedigende Weise wieder miteinander verknüpft. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Los Cronocrímenes ist kein Film, den man mal so im Vorbeigehen wegguckt... um ihn richtig verstehen und somit genießen zu können, ist nicht nur viel Aufmerksamkeit und Konzentration gefordert, man muß sich auch in den Film hineinziehen lassen und die Entscheidungen des Protagonisten hinterfragen (wie würde man selbst in dieser Situation handeln?). Los Cronocrímenes ist wahrlich kein einfacher Film, aber wer sich auf dieses intelligente Puzzle einzulassen vermag, der wird mit einem der originellsten und interessantesten Filme des letzten Jahrzehnts belohnt, der auch nach dem Abspann die Gedanken noch einige Zeit auf Trab hält.