Review

„Von allen guten Mammuts verlassen"

Der Roland aus dem Schwabenland verehrt den Stephan aus dem Amiland. Schon bei seiner Ausbildung an der Münchner Filmhochschule verkündete der Student Emmerich lauthals sein Faible für den Starregisseur Spielberg aus Übersee sowie dessen Blockbuster-Oeuvre. Dass es ihm mit diesen „Gefühlen" durchaus ernst war und ist, hat er schon häufig „eindrucksvoll" unter Beweis gestellt. Seit seinem finanziellen Durchbruch mit der Actiongurke Universal Soldier und dem krudem SF-meets-Altes Ägypten-Genremix Stargate darf er wie sein großes Vorbild Millionbudgets diverser Hollywoodstudios verpulfern. Das ging bisher auch häufig - zumindest finanziell - erstaunlich gut.
Independence Day, The Day after Tomorrow, Der Patriot und selbst die uninspirierte und peinliche Neuauflage von Godzilla ließen die Kassen ordentlich klingeln. All diese Filme erscheinen zwar wie eine billige Kopie des Spielbergschen Erfolgsrezepts, wirken im direkten Vergleich hölzern und auch häufig seelenlos, können aber - das Abschalten sämtlicher Denkfunktionen ist dafür allerdings obligatorisch - mit einem enormen Unterhaltungswert aufwarten.
Der Vergleich mit Spielberg ist ohnehin nicht fair, spielt dieser doch in einer ganz anderen Liga und hat sich zudem kontinuierlich weiterentwickelt. Ähnliches ist von unserem Roland nicht zu vermelden, aber vielleicht wollte er das auch nie. In seinen beinahe drolligen Versuchen, etwas Anspruch in seine Effektspektakel zu packen, ähnelt er ohnehin weit mehr der Bruckheimer-Muse Michael Bay. Vor allem von historischen Stoffen sollten die beiden die Finger lassen. Pearl Harbour und Der Patriot sind an Geschichtskitsch und Klitterung nicht zu überbieten und würden selbst den unsäglichen Sat-1 „Eventfilmen" noch zur Ehre gereichen. Vor diesem Hintergrund ließ Emmerichs Ausflug in die Steinzeit schlimmes befürchten.

Für alle Rolandjünger gleich einmal die frohe Botschaft vorneweg: Auch 10.000 BC ist ein durch und durch typischer Emmerich geworden: Platt, laut, effektgeladen und bombastisch. Mehr „Positives" gibt es aber leider nicht zu verkünden. Was Emmerich mit diesem Film an völlig unstimmigen Zutaten zusammen rührt, spottet jeder Beschreibung. Da verbünden sich steinzeitliche Indianer mit (wohl) afrikanischen Stämmen um ihre entführten Stammesgenossen von einem „ägypterähnlichem" Volk zu befreien, das mit Hilfe von Mammuts Pyramiden baut. Für den obligatorischen Tier-Thrill sorgen ein überdimensionierter Säbelzahntiger sowie urzeitliche Riesenvögel (Jurassic Park lässt grüßen). Das klingt völlig bescheuert? Nun, das ist es auch. Hat man sich auf den Quark einmal eingelassen, kann man sich prächtig amüsieren ob soviel unfreiwilliger Komik und historischem Dilettantismus. Bei seinem Publikum die niedersten Trashinstinkte zu wecken, dürfte allerdings kaum im Sinne des „Erfinders" gewesen sein.

Ob Archäologen, Paläontologen, Anthropologen, Geologen oder Vertreter der noch vergleichsweise jungen Zunft der vergleichenden Sprachwissenschaften. Sämtlichen genannten Wissenschaftlern dürfte regelrecht schwindlig werden, bei so viel dreister Ignoranz gesicherter Erkenntnisse ihrer Disziplinen. Wenn man einen Film 10.000 BC betitelt, evoziert man damit klar einen zumindest in groben Zügen korrekten historischen Ansatz, der - allen zugestandenen künstlerischen „Freiheiten" des Unterhaltungskinos zum Trotz - nicht in ein wild zusammengewürfeltes Potpourri bestenfalls urgeschichtlich anmutender Requisiten, Spezies und Lebensumstände ausarten sollte. Die Macher waren wohl selbst mit Werken wie aus der deutschen Kinder- und Jugendbuchreihe „Was ist Was" überfordert, oder - noch schlimmer - es war ihnen schlicht und ergreifend völlig einerlei. Vor diesem Hintergrund wäre ein Titel wie Neanda Jones - oder die Jäger der verlorenen Schatzis auf dem ersten Kreuzzug zum Tempel des Mammuts im Königreich des Säbelzahntigers zwar etwas lang, aber weitaus treffender und zielgruppenorientierter gewesen.

So wirken sämtliche Darsteller auch wie auf einem Faschingsball mit dem Motto „Ach wie lustig war doch die Steinzeit". Da ist es auch schon egal, dass alle indianischen Mammutjäger perfekte Zähne - natürlich frisch gebleecht - und Bob Marley Gedächtnisfrisuren tragen. Auch der Plot ist an Lächerlichkeit kaum mehr zu unterbieten. Der kindische Mix aus profaner Liebesgeschichte und peinlicher Erlöser-Schmonzette beginnt bereits nach wenigen Minuten den Lachmuskeln das Äußerste abzuverlangen. Eine Stimme aus dem Off - im Original Omar Shariff, der offenbar dringend eine Renten-Aufbesserung benötigte - faselt dazu die ganze Zeit von Prophezeiung, Bestimmung, auserwählt sein und ähnlichem mythischen Unfug. Das ganze bedeutungsschwangere Gedöns soll dem Spektakel offenbar einen tieferen Sinn verleihen, was vollends in die Fellhose geht. Die Off-Kommentare, untermalt mit einem pathetisch-kitschigen Score, machen den Film jedenfalls endgültig zur Lachnummer.
Wer jetzt zumindest auf ein paar knackige Actioneinlagen mit erhöhtem Gewaltpegel hofft, wird ebenfalls bitter enttäuscht. Selten war ein "historisches" Spektakel neuerer Provenienz unblutiger und in seiner Gewaltdarstellung zurückhaltender als 10.000 BC. Bei einem solchen Budget war natürlich kein zweiter Apocalypto zu erwarten gewesen, aber auch Gladiator und Troja wirken gegen Rolands Steinzeitabenteuerle wie rauschende Gewaltorgien.
Das größte Manko ist allerdings, dass 10.000 BC Emmerichs üblicherweise größten Trumpf nicht ausspielen kann: den Unterhaltungswert. Die ganze Befreiungsodyssee durch verschiedene Vegetationszonen ist zu keinem Zeitpunkt spannend oder fesselnd. Der Film ist schlicht und ergreifend furchtbar langweilig. Nur in der Veralberung kann der Film Unterhaltungspunkte sammeln. Aber schließen wir doch mit etwas Erfreulichem. Zumindest im Bereich der Technik hat Emmerich noch nicht alles verlernt. Die Effekte sind über jeden Zweifel erhaben und das einzige Indiz, dass man sich in einer A-Produktion befindet. Die Mammuts sowie die riesige Pyramiden-Baustelle sind perfekt animiert und bewahren den Film zwar nicht vor dem Absturz in die niedersten Trash-Regionen, machen ihn aber wenigsten zu einer visuell beindruckenden Trash-Gurke. Mit $ 105 Millionen Budget aber auch - trotz Rolands bewährter schwäbischer Sparsamkeit - zu einer nicht ganz billigen Trash-Gurke. Das muss erst einmal wieder eingespielt werden.

Aber genug der Worte. Mehr lohnt nicht, schließlich „spricht der Film für sich selbst". Der erste richtige Emmerich-Flop jedenfalls scheint unausweichlich. Da wird es ihn auch nicht trösten, dass sein Vorbild aus Jugendtagen ebenfalls zum Eventkino der leichten Art zurückgekehrt ist. Wohl eher im Gegenteil. Schließlich steckt darin auch die Gefahr des direkten Vergleichs. Dass der vierte Auftritt des Mannes mit dem Hut ein ähnliches Fiasko wird, ist allerdings kaum vorstellbar. Spielbergs siebter Sinn für das Blockbusterkino schimmerte auch in seinen zuletzt eher düster geratenen (u.a. Krieg der Welten) Werken durch.
Bis Mai ist es jedenfalls nicht mehr allzu lange hin. Ob Roland schon die Peitsche spürt? Na ja, vielleicht hat er sich ja als Requisite ein Mammutfell zurückbehalten. Es soll ja recht dick gewesen sein.

(2/ 10 Punkten)

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