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Mulholland Drive - Straße der Finsternis (2001)

Eine Kritik von Der Pate (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 09.01.2006, seitdem 865 Mal gelesen


Der "Mulholland Drive", der bereits in dem Thriller "Mulholland Falls" mit Nick Nolte, Melanie Griffith und Jennifer Connelly eine wichtige filmische Rolle spielte, zieht sich hoch über Los Angeles an den Bergen entlang. Steile Wände strecken sich auf der einen Seite in den Himmel und auf der anderen stürzt der Abgrund in bodenlose Tiefen. Eine schöne Lady gleitet auf dem Rücksitz einer Limousine durch die Nacht, als der Wagen plötzlich mit dem Auto durchgeknallter Teenager kollidiert. Als sie erwacht, ist sie äußerlich fast unverletzt, aber der Unfall hat sie von der überschaubaren Straße ihres bisherigen Lebens auf einen verlorenen Highway geschleudert – denn sie weiß nicht mehr wer sie ist.

So beginnt David Lynchs Geniestreich "Mulholland Drive". Nach seinen Erstlingswerken "Eraserhead" und "Der Elefantenmensch" und seinem einfachen geradlinigen, in tollen Landschaftsaufnahmen schwelgenden Film Road-Movie "The Straight Story", verfolgt der Meister nun erneut die Linie weiter, die er in seinen Meisterwerken "Blue Velvet" und "Lost Highway" erkundet hat. Wieder hat Lynch kein Interesse daran, eine Geschichte zu erzählen, sondern wandelt auf vielschichtigen, verschlungenen Traumpfaden.
Folgen wir ihm nun ein Stück tiefer hinein in dieses Labyrinth aus Personen, Orten, Motiven, in dem sich der Zuschauer immer mehr zu verlieren beginnt und in dem auch die Figuren verlorenen scheinen.

Nachdem die an Gedächtnisschwund leidende Frau (Laura Elena Herring) eine Nacht lang ziellos umhergeirrt ist, findet sie in einem leer stehenden Haus eine vorübergehende Bleibe. Doch sie ist dort nicht allein, denn aufeinmal steht eine junge, gutgelaunte Frau im Raum, die in die Stadt der Engel gekommen ist, um ein Star am Filmhimmel zu werden. Ihr Name ist Betty Elms (Naomi Watts), und das Haus gehört ihrer derzeit abwesenden Tante. Betty hält die fremde Frau prompt für eine Freundin ihrer Tante. Die Unbekannte, die gerade das Filmplakat mit der einstigen Kinogöttin Rita Hayworth vor Augen hat, stellt sich rasch als Rita vor.
Zur selben Zeit versaut ein Killer seinen Auftrag und patzt mehr Leichen zusammen, als er eigentlich sollte, und ein anderer Mann blickt auf dem Parkplatz eines Lokals dem puren abscheulichen Bösen ins Auge, und dann ist da noch der Erfolgs-Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux), der weder Angst noch Sorge kennt, liefert er doch einen Hit nach dem anderen ab. Da hat er auch kein Verständnis dafür, dass er auf Druck von außen die ihm unbekannte Camilla Rhodes für die Hauptrolle seines neuen Films engagieren soll. Der selbstsichere Kesher weigert sich, diese Drohungen wahrzunehmen.
Aber damit fängt sein Ärger richtig an: Erst überrascht er seine Frau mit einem anderen Mann beim Sex, dann kassiert er Prügel und schließlich sagt man sein Filmprojekt ab. Als Kesher völlig ausgepowert ist, trifft er an einem gottverlassenen Ort auf den geheimnisvollen Cowboy (Monty Montgomery), der ihm klarmacht, dass er nur eine Chance hat, wenn Camilla die Rolle bekommt: „Du wirst mich noch einmal treffen, wenn du deine Sache gut machst – und noch zweimal wenn nicht!“

Untermalt von Angelo Badalamentis wundervoller Musik, präsentiert uns David Lynch einen 140 Minuten langen Trip in die Traumwelt der Großstadt, bei dem mit Naomi Watts (King Kong) und Laura Elena Harring damals zwei faszinierend aufspielende Newcomerinnen im Zentrum der Handlung stehen. Wie ein Puzzle fügen sich die Szenen unmerklich aneinander, und was man zu Beginn für scheinbar verschiedene Parallelhandlungen hält die nicht miteinander zusammenhängen, ergibt sich am Ende weitgehend ein schlüssiges Bild – freilich, ohne dass alle Fragen beantwortet würden. Es lohnt sich aber auch gar nicht, jedes Detail entschlüsseln zu wollen, denn ein Film wie dieser würde platt und hohl, wenn sich alles in simple Symbolik auflösen ließe. Die Fragen, die Mulholland Drive aufwirft, wirken weiter und beschäftigen den Zuschauer noch weit über das Ende des Films hinaus.

Obwohl Betty davor gewarnt wird die Fremde bei sich wohnen zu lassen, behält sie Rita im Apartment ihrer Tante. Als sie schließlich von Ritas Schicksal erfährt, versucht sie ihr dabei zu helfen herauszufinden, was in dieser Nacht am Mulholland Drive passiert ist. Von Detective Harry McKnight (Robert Forster) erfährt sie, dass es tatsächlich einen Unfall auf der "Straße der Finsternis" gegeben hat. Schließlich glaubt Rita zu wissen wer sie ist. Und dann ist da auch noch ein mysteriöser blauer Schlüssel.
Nachdem Betty bei einem Casting eine schauspielerische Glanzleistung hingelegt, wird zu Probeaufnahmen gebracht, die Adam Kesher inszeniert. Seien Augen treffen sich mit denen von Betty, beide scheinen sich tief in ihre Seelen zu blicken, es ist, als ob ein unsichtbares Band zwischen ihnen wäre.
Später erfahren Betty und Rita von der Leiche einer Frau. Danach stoßen die beiden Frauen auf ihre eigene Sinnlichkeit – und erliegen ihr und werden zugleich unaufhaltsam zum Schlüsselort ihres Schicksals hingezogen, einem alten Theater, in dem sich die Realität aufzulösen scheint.

Ja, stärker noch als der eh schon grandiose "Lost Highway" repräsentiert "Mulholland Drive" die Essenz des Universums von David Lynch. Die skurillen Charaktere, die bizarren Situationen, die symbolträchtige Bildsprache, die vielschichtige Handlung und die surreale Atmosphäre – mit all dem kreiert Lynch ein kriminalistisches Puzzle, das anders ist als alle Detektivgeschichten, die man jemals gesehen hat. Und wer David Lynch noch nicht kennt, der wird ihm nach diesem Film höchstwahrscheinlich nicht mehr vergessen, und wer ihn bereits kennt, dann wird dieser Film zweieinhalb glückliche aber auch Nervenauftreibende Stunden bescheren – "Mulholland Drive" ist ein Mystery-Thriller den man gesehen haben muss!


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