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Mulholland Drive - Straße der Finsternis (2001)

Eine Kritik von Philipp_Marlowe (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 31.01.2006, seitdem 590 Mal gelesen


Für die junge und talentierte Schauspielerin Betty geht ein Wunsch in Erfüllung: Sie kommt nach Los Angeles und zieht in die Wohnung ihrer Tante ein. Dort trifft sie auf die mysteriöse Rita, die seit einem Autounfall auf dem Mulholland Drive ihr Gedächtnis verloren hat. Betty versucht ihr zu helfen, ihre Identität wiederzufinden. Im Laufe der Zeit wird aus der plateaunischen Freundschaft eine körperliche Zuneigung beiderseits. Dieser erste Teil des Filmes endet im Club Silenzio, dem Wendepunkt des Filmes.
Im Anschluss erwartet den Zuschauer eine Geschichte, in der einem die Hauptfiguren zumindest phänotypisch bekannt sind. Die Schauspielerinnen Diane und Camilla sind ein Liebespaar. Als Camilla Diane eröffnet, dass sie an einer Fortführung der Beziehung kein Interesse hat, bricht für diese eine Welt zusammen, erst recht als Diane auf einer Party Camillas, die zur Demütigung Dianes diente, erfährt, dass der Regisseur Adam Kesher der Grund dafür ist. Diane entschließt sich, einen Killer auf Camilla anzusetzen.

Diejenigen, die den Film noch nicht gesehen haben, sollten jetzt NICHT weiterlesen, denn was jetzt folgt ist die Interpretation dieses bemerkenswerten Rätsels, die ich am schlüssigsten finde: Die Figuren Betty und Rita sind fiktiv. Mulholland Drive erzählt die Geschichte einer restlos gescheiterten Existenz: Die des naiven, verträumten Mädchens vom Lande, Diane Selwyn, das in der großen Stadt sein Glück versucht. Restlos deprimiert durch ihre permanenten Rückschläge, wird ihr der seelische Todesstoß durch die Trennung von und der anschließende Demütigung durch Camilla Rhodes versetzt. Um ihr Leben zu vergessen, pumpt sie sich mit Drogen voll und fällt in einen Traum (Beginn des Films), in dem sie ihre Sehnsüchte auslebt. In ihrer Vorstellung sucht Diane nicht bei sich selbst die Schuld, denn entscheidend sei in Hollywood nicht das Talent, von dem sie sich in ihrem Traum eine Menge zuspricht, sondern eine konspirative Mafia, sowie die Bereitschaft, sich für den Erfolg zu verkaufen (Adam Kesher und Camilla). Nach Aussage des Filmes (end credits in order of appearance) hat Diane noch nicht einmal den befremdlich wirkenden Jitterbug-Wettbewerb am Anfang der Geschichte gewonnen.
Auffällig ist, wie Diane die Personen da stehen lässt, denen sie die Verantwortung an ihrem Scheitern gibt: Adam Kesher, abhängig von dem Gutdünken italienischer Gangster, wird er von seiner Frau mit dem Gärtner betrogen; Coco, seine Mutter, ist eine ordinäre Mietshausverwalterin und Camilla zeichnet sie in hilfloser Abhängigkeit von ihr. Nur leider hat jeder noch so schöne Traum ein Ende, der bei diesem im Club Silenzio stattfindet, in dem Diane bewusst wird, dass für sie Hollywood sowie ihr Traum nicht real ist.
Der Traum findet zeitlich nach der Party statt, denn Diane baut in ihn Elemente aus der Fahrt auf dem Mulholland Drive ein.
Eine große Rolle spielt auch das blaue Kästchen, das wohl für die Büchse der Pandora steht und der korrespondierende Dreikant-Schlüssel, die metaphorisch Dianes Unglück darstellen. Das Geld, welches Rita bei sich hat, ist vermutlich das Kopfgeld, das Diane investiert hat, und das sich, in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt, in ihren Traum eingeschlichen hat. Das Monster hinter Winkie's (von einer Frau gespielt) ist Dianes böse Seite und verfolgt Dan deshalb in seinen Träumen, weil er sie bei dem Gespräch mit dem Auftragskiller gesehen hat. Dieser sorgt für die witzigste, fast schon tarantinoesque Sequenz des insgesamt ernsten Filmes, als er nach der Tötung eines Komplizen, verursacht durch eigene Unzulänglichkeit gezwungen ist, zwei weitere Zeugen zu beseitigen.
Bettys Tante Ruth ist nicht existent, wenn man einem Witz unter Hollywood-Schauspielern Glauben schenken darf, der besagt, wer in Canada dreht, ist quasi schon tot.
Diese Interpretation gibt zwar nicht alle Antworten, kann aber zumindest als Anfangspunkt für eigene Überlegungen dienen.

Der Titel MULHOLLAND DRIVE bezieht sich auf eine Straße, deren Verlauf ähnlich dem der Handlung des Filmes nicht linear und sehr unübersichtlich verläuft.

Man ist schon fast geneigt MULHOLLAND DRIVE als genial zu bezeichnen. Dazu müsste man aber verleugnen, dass er sich in Bezug auf den psychologischen Aspekt, Träume als Reflexion schlechter Erfahrungen, Anleihen bei Ingmar Bergmans PERSONA geholt hat und sich betreffs der harschen Hollywoodkritik bei Billy Wilders BOULEVARD DER DÄMMERUNG (engl. "Sunset Blvd."), dem Lieblingsfilm des Regisseurs, bedient hat. Auf letzeren gibt es im Film einige Anspielungen: Am Anfang wird der titelgebende Straßenname auf einem Schild eingefangen, beim Vorbild ist er auf einem Bordstein; außerdem befindet sich Winkie's, deutlich erkennbar, am Sunset Blvd.
Trotzdem ist der Film ein perfekter Hybrid der beiden Klassiker und begründet David Lynch herausragende Stellung im Mystery-Thriller-Genre.


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