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Mulholland Drive - Straße der Finsternis (2001)
Eine Kritik von Apollon (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 21.10.2004, seitdem 2081 Mal gelesen
Genie und Wahnsinn...
Was mag in einem Mann wie David Lynch vorgehen? Was treibt ihn an, Filme wie "Lost Highway" oder "Mulholland Drive" zu drehen? Wer ist dieses Unikat von einem Regisseur, dessen Schauspieler selbst nicht wissen, wen sie eigentlich so wunderbar verkörpern? Stellt er uns vor ungemein intellektuelle Aufgaben oder serviert er uns schlicht bedeutungsloses Vakuum? Ist sein "Mulholland Drive" höchste Kunst oder belanglose Zelluloidverschwendung?
Die Lynch’sche Allmacht der Gegensätze...
Lauter Gegensätze. Sicher ist, "Mulholland Drive" fasziniert, wenn man sich auf ein Mysterium dieser Art, einen Film, der nach dem ersten Mal nicht schlüssig erscheinen wird und es vielleicht auch gar nicht ist, einlässt. Auffällig aber ist eben diese Liebe zu den Gegensätzen, die sich hier unter anderem in den beiden Hauptcharakteren äußerst. "Mulholland Drive" selbst liegt zwischen Gegensätzen, irgendwo zwischen tatsächlicher Wirklichkeit und modernem Surrealismus. Nur verkappt der Meister zu gerne Realität und Traum. Schwarz vermag sich als Weiß zu tarnen und umgekehrt Weiß als Schwarz. Die Realität ist bei Lynch möglicherweise ein Traum und der vermutete Traum vielleicht doch die Realität. Und manchmal ist da auch so etwas wie die Illusion.
Schein und Sein...
Im Club "Silencio" werden wir Zeuge der Vorstellung des Magiers Lynch. Der Klang einer gedämpften Trompete ist zu hören. Ein Trompetenspieler tritt hervor, um kurz darauf das Instrument vom Mund zu nehmen. Doch die Musik erklingt weiter, sie kommt vom Tonband; wir wurden getäuscht. Wer glaubte, der anschließende, in Mark und Bein gehende Gesang entspringe auch der gerade auf der Bühne stehenden Rebekah Del Rio, der ließ sich ein zweites Mal täuschen. Bild und Ton erzeugen im Zusammenspiel eine scheinbar reale Sequenz. David Lynch führt uns vor, aber nicht aus reinem Vergnügen, sondern um uns einen Hinweis zu geben. Das für real Gehaltene muss nicht immer wirklich real sein. Vielleicht auch ein bedeutsamer Hinweis für das, was vor dem sogenannten "Bruch" stattfindet.
"Hey, meine Hübsche, wird Zeit aufzuwachen..."
Der Bruch: Wie ein Sog zieht sie den Zuschauer nach fast zwei Stunden plötzlich in sich und spuckt ihn inmitten unverständlicher Bildfragmente wieder aus, diese ominöse, alles auf den Kopf stellende, würfelförmige Box. Was ist Geschehen? Nach dem ersten Mal "Mulholland Drive" wird beim Betrachter zunächst die pure Verwirrung regieren; zu seltsam erscheint die finale halbe Stunde. Später wird der Geist des Zuschauers womöglich nach Antworten ringen und in der Box vielleicht ein Tor zwischen Traumwelt und Wirklichkeit sehen, so wie es in diversen Interpretationen angenommen wird. Vor dem Bruch stehe der Traum Dianes dahinter die eigentliche Realität.
Glückliche Betty, zerbrochene Diane...
Betty und Diane - es handelt sich äußerlich um ein und dieselbe Person. Wer ist Diane? - Sie ist die Figur, um die sich alles dreht. Sie ist eine Enttäuschte. Enttäuscht von der Liebe, enttäuscht von Camilla, einer klassischen Femme Fatale, die ihr nicht mehr die ersehnte Zuwendung entgegenbringt. In ihrem Traum, also dem Filmabschnitt vor dem Bruch, entwirft sie Betty, ihr imaginäres Pendant, das erfolgreich ist, das beim Casting nicht versagt. Betty ist die Projektion eines Ideals im Unterbewusstsein Dianes, mit einigen Eigenschaften Camillas. Camilla selbst wird in Dianes Traum zur mysteriösen, somit immer noch faszinierenden, aber nicht-dominanten Rita. Camillas Liebhaber ist der vom Pech verfolgte Regisseur. Er ist Dianes Konkurrent, dem in ihrem Traum unzählige Schikanen gelegt werden.
Die Illusion Hollywood...
Es gibt noch eine weitere Enttäuschung in Dianes Leben. Es ist Hollywood. Ruhm und Erfolg werden ihr nicht zuteil. Der Weg ist steinig und hart. Nicht zuletzt, und dies zeigt uns Lynch insbesondere mit der um den jungen, extravaganten Regisseur Adam Kesher gespannten Handlung, ist Hollywood ein Mythos. Hinter den Kulissen läuft es alles andere als traumhaft. Adam Kesher steht unter dem Einfluss mächtiger Männer, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Dies ist Lynchs Art einer durchaus satirischen Hollywood-Kritik, die Beeinflussung und Marionettenhaftigkeit in der Traumfabrik aufgreift. Ein seltsamer, undurchsichtiger Cowboy - nicht zufällig ein Archetyp Hollywoods - ist die Hauptverkörperung der einflussreichen Macht hinter den Kulissen und weist in seiner geheimnisvollen Anlage durchaus Parallelen zum "Mystery Man" aus "Lost Highway" auf.
Psychische Labilität und üble Dämonen...
Was richtet Diane letztendlich zugrunde? Ist es die Erkenntnis von dem illusorischen Hollywood? Ist es der Selbsthass? Ist es die sich von ihr abwendende Camilla oder ihr Erfolg? Zumindest heuert sie einen Killer an. Camillas Leben soll erlöschen. Dieser Entschluss war ein inneres Zerwürfnis, denn in Dianes Traum, natürlich vorausgesetzt man sieht den Abschnitt vor dem Bruch als diesen an, sehen wir in einer herzhaft schwarzen Sequenz die chaotische Arbeit des in Fettnäpfchen tretenden Killers. Zweifellos ist Dianes psychischer Zustand labil. Doch ist sie auch schizophren? Treiben Dämonen in ihrem Kopf ihr Unwesen? Was sonst könnten diese zwei wild gewordenen Rentner am Ende zu bedeuten haben?
"Der Weg durch die Wüste ist kein Umweg. Wer nicht das Leere erlitt, bändigt auch nicht die Fülle; wer nie die Straße verlor, würdigt den Wegweiser nicht... "
Aber nicht nur diese zwei Gestalten geben Rätsel auf. Das gesamte Werk ist ein Rätsel - mit enormer Symbolik und mindestens doppeltem Boden. Handwerklich ausgereift und atmosphärisch sensationell. Eine völlig rationale Lösung scheint es nicht zu geben. Jede Interpretation, wie auch obiges Gedankenspiel, beinhaltet Ungereimtheiten, wird irgendwo zwangsläufig in die Wüste führen und hat doch einen ideellen Wert. Letztendlich ist es die Herausforderung, eine Lösung zu finden, auch wenn dies einer Sisyphusaufgabe gleicht, die die Faszination ausmacht. Wer ungern grübelt, kann natürlich auch schlicht genießen und staunen, in aller Stille.
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