„Wir gaben zwei Jahre lang 200% und das war’s dann.“
Die „Rockumentary“ „The Filth and the Fury“ aus dem Jahre 2000 ist die nach „The Great Rock’n’Roll Swindle“ zweite filmische Auseinandersetzung des britischen Regisseurs Julien Temple („Joe Strummer: The Future is Unwritten“, „Absolute Beginners“) mit den Punkrock-Pionieren der Sex Pistols.
Zeigte 1980 „The Great Rock’n’Roll Swindle“ den Werdegang der Skandalband noch hauptsächlich auf satirische Weise aus Sicht ihres umtriebigen Managers Malcolm McLaren, hat Temple „The Filth and the Fury“ wesentlich stärker im Stil eines klassischen Dokumentarfilms gehalten und lässt die einzelnen Bandmitglieder sowie einige Wegbegleiter persönlich zu Wort kommen. Weder McLaren noch die Sex Pistols haben seinerzeit den Punk erfunden; sie waren es aber, die durch ihre Zusammenarbeit in einer Mischung aus geschickter Berechnung und natürlichem Chaos in Verbindung mit trashigem Asi-Charme, purer Provokation und juveniler Unbedarftheit massiv in die Medien drangen und entschieden dazu beitrugen, während der kurzlebigen Bandhistorie ein Massenphänomen aus dem rebellischen Sound von der Straße zu machen. Die Sex Pistols wurden zu DEM Aushängeschild britischen Punkrocks und zu Stilikonen der Bewegung, die an vorderster Front die Punk-Explosion vorantrieben.
Julien Temple setzt das Punk-Phänomen in einen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext, indem er auf die sozialen Umstände des Englands der zweiten Hälfte der 1970er-Dekade sowie die persönlichen Beweggründe und Hintergründe der einzelnen Bandmitglieder eingeht. Er zeigt die Perspektivarmut einer von Arbeitslosigkeit geplagten und von abgehobenen Artrock-Dinosauriern gelangweilten Jugend innerhalb einer verrohenden Gesellschaft, in der jeder sich zunehmend selbst der Nächste wurde und sich immer weiter von ihren Idealen entfernte, während sie sich vordergründig an alten Werten festklammerte, die nicht mehr viel mit der Realität zu tun hatten. In diese Zeit platzte ein roher, ungeschliffener Klang simpel gestrickter Rock’n’Roll-Songs, die an die 50er/60er-Jahre sowie Glam- und Pubrock anknüpften und schon bald eine ganz eigene, unverkennbare Identität entwickelten; mit Texten, die aus dem Bauch heraus entstanden und voller Provokation und Zynismus steckten. Obwohl die Sex Pistols nur ein einziges Studioalbum herausbrachten, durchliefen sie in kürzester Zeit sämtliche Stationen des Aufstiegs und Falls einer stets ihrem Ruf vorauseilenden, gleichsam kreativen, interessanten wie unberechenbaren, gefährlichen Rockband.
Die einzelnen Bandmitglieder sind während ihrer zeitgenössischen Kommentare lediglich als Silhouetten zu sehen, die Gesichter im Gegenlicht unkenntlich geschwärzt. Interviews, Statements, Archivmaterial und Ausschnitte aus „The Great Rock’n’Roll Swindle“ wechseln sich ab mit Fragmenten einer Shakespeare-Theater-Inszenierung, die auf ihre Weise die damaligen Vorgänge mitkommentiert. Dies sind Teile des Temple-typischen künstlerischen Anspruchs an seine Dokumentarfilme; ansonsten lässt man die zeitgeschichtlichen Originalaufnahmen sprechen. Diese waren teilweise schon in anderen Punk-Dokumentationen zu sehen, ein großer Teil war mir hingegen noch unbekannt. Am beeindruckendsten sind natürlich die Live-Ausschnitte von Sex-Pistols-Konzerten, die perfekt die ungezügelte, anarchische, rasende Energie der Band verdeutlichen. Wunderbar auch die Original-Interviews mit dem viel zu früh verstorbenen zweiten Bassisten der Band, Sid Vicious. Ungeschönt, teils bizarr, teils lustig, teils erschreckend sind die alten Aufnahmen, kommentiert mit 20 Jahren Abstand und der Reife und Erfahrung der verbliebenen Bandmitglieder, die nicht nur gut übereinander sprechen. Auffallend ist, wie sehr Sid Vicious’ Drogenabhängigkeit und sein schließlich daraus resultierender früher Tod insbesondere Sänger John Lydon alias Johnny Rotten an die Nieren geht, was mit gern kolportierten Aussagen hinsichtlich seines Verhältnisses zu Vicious aufräumt und dem Film um das sonst gern so sarkastische und selbstironische Sex-Pistols-Treiben eine überaus tragische und ernste Note verleiht. Diese äußert sich auch in der Beurteilung von McLarens Management-Tätigkeiten in der Retrospektive, der in Form von Archivzitaten zu Wort kommt. Unterschiedliche Meinungen und Perspektiven wurde Raum geboten; so bietet sich dem Zuschauer ein angenehm offenes, ehrliches und vor allem differenziertes Bild über die damaligen Vorgänge, zwischen Kunst und Kommerz, Anspruch und Hysterie, Idealismus und Ausbeutung, Rock’n’Roll und Repression, Leidenschaft und Hass, Inszenierung und Authentizität, zu denen es nicht DIE eine objektive Meinung gibt und geben kann.
„The Filth and the Fury“ bietet einen sehr realistischen, wenig nostalgischen, stellenweise eher bitter-sachlichen Einblick in die damalige Zeit und zeigt, warum es so nicht dauerhaft weitergehen konnte. Die Sex Pistols lösten sich ausgebrannt und sich in einer Sackgasse befindend bereits 1978 auf und gingen anschließend – bis zu ersten Reunion 1996, die im Film übrigens keine Erwähnung findet – eigene Wege. Die Punks jedoch reagierten entsprechend und schufen, nachdem der Medienrummel und die großangelegte Bewegung abgeklungen waren, eigene subkulturelle Strukturen, in denen sich außerhalb des Establishments noch immer wütende, kreative Geister austoben können. Die Sex Pistols hingegen haben sich mit ihrer Pionierarbeit auf ewig ein Denkmal gesetzt, unzählige Bands und andere Künstler beeinflusst und zu ihrer Zeit Gesellschaft, Medien und Musikindustrie einen kräftigen Arschtritt verpasst. Die gern auch kritische Auseinandersetzung mit ihnen und der von ihnen mitgeprägten Zeit bleibt hochinteressant und spannend. „The Filth and the Fury“ ist eine großartige „Rockumentary“, die ihrem Thema absolut gerecht wird. Never Mind the Bollocks!