„Geschichtsunterhaltung"
Der Einfluss historischer Randfiguren auf die Mächtigen der Geschichte ist ein beliebtes Sujet im geschichtlichen Roman. Meist geht es dabei um Ehefrauen oder Geliebte berühmter Herrscher. Mit der Authentizität nehmen es diese Werke allerdings oftmals nicht sonderlich genau. Unterhaltung und vor allem der Reiz des „es könnte doch auch etwas ganz Anderes dahinter gesteckt haben" machen den anhaltenden Erfolg dieser Gattung aus. Bei besonders erfolgreichen Vertretern lässt auch die Filmindustrie nicht lange auf sich warten. Als Prototyp gilt die Verfilmung von Annemarie Selinkos Erfolgsroman Desirée aus dem Jahr 1954. Leben und Wirken von Frankreichs Nationalhelden Napoleon Bonaparte (Marlon Brando) wird hier aus der Sicht seiner Jugendliebe Desirée Clary (Jean Simmons) erzählt. In dieser Tradition steht auch die Filmversion von Philippa Gregorys Romanerfolg Die Schwester der Königin.
England 1525. König Heinrich VIII. (Eric Bana) hat nach 23 Ehejahren die Hoffnung auf einen männlichen Erben aufgegeben. Sexuelle Zerstreuung sucht er ohnehin schon länger eher im immer wieder neu aufgefüllten Hofstaat seiner Gemahlin Katharina von Aragon als bei ihr selbst.
Die machthungrige Familie der Pembrokes weiß um die speziellen Vorlieben und Bedürfnisse ihres Herrschers und beschließt, daraus Kapital zu schlagen. Obgleich von Vater und Onkel die unverheiratete Anne Boleyn (Natalie Portmann) für diese „Funktion" auserkoren war, verliebt sich der Herrscher in deren unscheinbarere aber weitaus sanftmütigere Schwester Mary (Scarlett Johansson). Die ehrgeizige und egozentrische Anne fühlt sich von ihrer jüngeren Schwester verraten und stürzt sich aus Trotz heimlich in eine unüberlegte Heirat mit einem einflussreichen Fürsten. Sie wird daraufhin an den französischen Königshof „strafversetzt" um dort Anstand, Manieren und höfische Etikette zu verinnerlichen. Bei ihrer Rückkehr ist Mary schwanger von Heinrich.
Die intrigante Anne nutzt die Gunst der Stunde und setzt ihre neu erworbenen Fähigkeiten Schlagfertigkeit, Eloquenz und erotische Verführungskunst ein, um den schnell entflammbaren König zu umgarnen. Das Spiel geht auf. Indem sie den drängenden Herrscher bewusst auf Distanz hält, ringt sie ihm das Versprechen ab, Marys Kind nicht anzuerkennen, sich von seiner Ehefrau Katharina zu trennen und sie selbst zu ehelichen.
Mary indes bekommt die volle Wucht der schwesterlichen Intrige zu spüren. Heinrich zeigt kaum Interesse für seinen ersten Sohn - der als Bastard geboren wird - und seine frühere Geliebte. Aber damit nicht genug. Anne treibt den streng katholischen König zum Bruch mit Rom, da der Papst sich weigert, Heinrichs Ehe zu annullieren. Doch Annes Triumph ist ein klassischer Pyrrhussieg. Englands Abspaltung von der katholischen Kirche macht Heinrich zusehends zu schaffen. Als Anne ihm wiederum eine Tochter gebiert - die spätere Königen Elizabeth I. - verschlechtert sich ihr Verhältnis drastisch. In ihrer zunehmenden Verzweiflung ersinnt Anne einen ungeheuerlichen Plan, um dem König doch noch den ersehnten männlichen Thronfolger zu schenken.
Die Schwester der Königin ist ein lupenreiner Frauenfilm. Nicht so sehr ein Film für Frauen, sondern vielmehr einer über Frauen. Der berüchtigte englische König verkommt dabei ebenso zur bloßen Staffage, wie die für die englische Geschichte so zentrale Abspaltung von der katholischen Kirche zur Nebenhandlung degradiert wird. Das ist an sich noch kein Problem und schadet dem Film auch überhaupt nicht.
Es hat durchaus seinen Reiz, den steilen Aufstieg und ebenso rasanten Absturz der Anne Boleyn aus ihrer eigenen Sicht geschildert zu bekommen. Zumal wenn sie so famos dargestellt wird wie von der großartig aufspielenden Natalie Portman. Als Mutter von Darth Vaders Sprösslingen klar unterfordert, darf die studierte Psychologin endlich einmal zeigen, was in ihr steckt. Ihr Portrait einer machthungrigen, von Eifersucht und Ehrgeiz zerfressenen Karrieristin hat die Wucht eines Shakespeare Dramas.
Scarlett Johansson versucht vergeblich gegen diesen Parforceritt anzuspielen. Immerhin macht sie das Beste aus ihrer eindimensionalen und letztlich blassen Gutmenschenfigur und verleiht dieser zumindest eine stille Würde und Tragik. Auch Eric Bana ist ein Opfer des ganz auf Anne zugeschnittenen Drehbuchs und gibt ein seltsam schwammiges Bild des wohl berüchtigtsten englischen Königs. Seine zarte und offenbar aufrichtige Liebe zu der gutherzigen Mary steht in starkem Kontrast zu seinen zahlreichen Affären und seiner schroffen Kälte beim „Übergang" zu Anne. Einerseits scheint er die Frauen nach Gutdünken zu manipulieren und zu benutzen, andererseits lässt er sich in recht kurzer Zeit von Anne massivst unter Druck setzen. Insgesamt entsteht damit ein unstimmiges, weil wenig glaubhaftes Bild Heinrichs VIII.
Zudem nimmt es der Film nicht sonderlich genau mit den historischen Fakten. Vor allem bei der Titelfigur haben sich die Macher enorme Freiheiten erlaubt. So war Mary keineswegs so keusch und unbedarft, wie uns der Film glauben machen will. Beispielsweise wird ihr eine Affäre mit dem französischen Herrscher nachgesagt. Auch für ein gemeinsames Kind mit Heinrich VIII. gibt es keinerlei Belege. Als Anne nach ihrer Verurteilung im Tower einsaß, wurde sie keineswegs im Verlies von ihrer sanftmütigen Schwester besucht. In Wahrheit wollte diese mit der in Ungnade gefallenen Anne erst gar nicht in Verbindung gebracht werden. Der Film treibt diese Geschichtsklitterung indes sogar so weit, dass er Mary bei Heinrich für die Begnadigung ihrer Schwester bitten lässt. Am Ende nimmt sie Annes Tochter Elizabeth mit aufs Land wo diese unbeschwert mit Marys eigenen Kindern aufwächst. Ein klischeehaftes Happy End, das offenbar der Phantasie des Romanautors entsprungen ist.
Auch Annes Rolle bei der englischen Reformation wird stark übertrieben. Der Film erweckt den Eindruck, dass sie es war, die den König auf die Idee brachte, sich von Rom abzuspalten und ihn letztlich durch ihre Hinhaltetaktik zu der folgenschweren Entscheidung trieb. Zwar ist in der Forschung der genaue Zeitpunkt von Heinrichs Entschluss zum Bruch mit Rom umstritten, nicht aber seine bewusst auf dieses Ziel hinarbeitende, mehrjährige Politik. Schließlich brachte diese Maßnahme einen enormen Machtzuwachs für die Krone und beendete gleichzeitig die relative Autonomie der geistigen Gewalt in England. Auch die für diese Entwicklung zentrale Rolle von Heinrichs leitendem Minister - Thomas Cromwell - wird im Film völlig außer Acht gelassen.
So ist Die Schwester der Königin eher ein interpretatives geschichtliches Drama, denn ein ernstzunehmender Historienfilm. Der großzügige Umgang mit gesicherten Fakten und historischen Figuren ist aus wissenschaftlicher Sicht klar zu kritisieren. Dramaturgisch dagegen hat Regisseur Justin Chadwick alles richtig gemacht. Das Portrait zweier gegensätzlicher Schwestern am Königshof Heinrichs VIII. ist fesselnd und spannend inszeniert. Vor allem durch Natalie Portmanns intensive Darstellung Anne Boleyns gelingt es, den Zuschauer in das Netz von Intrigen, Lügen und Ränkespielen mit einzuweben und letztlich sogar Mitgefühl für die Gefallene zu erzeugen. Eric Bana und Scarlett Johansson dagegen verblassen etwas vor dieser Ausnahmeleistung, machen aber das Beste aus ihren eindimensionalen (Mary) bzw. etwas schlampig entwickelten (Heinrich VIII.) Charakteren.
Ausstattung und Dekor sind ebenso hervorzuheben wie Kieran McGugans in üppigen Bildern schwelgende Kameraarbeit. Im direkten Vergleich mit Shekhar Kapurs Elizabeth-Sequel (The Golden Age) hat Chadwicks Film - trotz seiner historischen „Schlampereien" - klar die Nase vorn. Während der Inder sein Publikum zwei Stunden lang mit blassen Charakteren, hohlen Phrasen und einem Minimum an Handlung foltert, besticht Die Schwester der Königin durch geistreiche Dialoge, eine schillernde Hauptfigur sowie eine fesselnd erzählte Geschichte. Damit schließt sich der Kreis zum (historischen) Erfolgsroman. Historisch unsauber aber unterhaltsam.
(6,5/ 10 Punkten)